Einsamer Tod in der Pandemie-Krise

Eine Hommage an den „Estrich-Schmid“ – gewidmet allen anderen indirekten Corona-Opfern

Ein Macher und Erfinder: 2002 sorgte Josef Schmid mit einem speziellen Windabweiser für Schlagzeilen.
+
Ein Macher und Erfinder: 2002 sorgte Josef Schmid mit einem speziellen Windabweiser für Schlagzeilen.
  • Ludwig Simeth
    vonLudwig Simeth
    schließen

Den Krieg, die Vertreibung, einen Horror-Unfall: Josef Schmid hat alles überlebt. Nur die Corona-Krise nicht. An oder mit Corona ist der 90-Jährige zwar nicht gestorben, doch die Pandemie hat ihm einen einsamen Tod beschert – wie vielen anderen schwerkranken Menschen auch.

Rosenheim/Raubling – Sieben Monate ist das nun her. Und jetzt werden wieder viele einsame Tode gestorben. Diese posthume Hommage an den „Estrich-Schmid“ aus Raubling, einen pfiffig-erfinderischen Treibauf aus dem Inntal, der das Leben so sehr liebte und im Tod so allein war – sie soll stellvertretend auch alle anderen würdigen, die im Frühjahr 2020 ohne ihre Familien, Angehörigen und Freunde gehen mussten; und alle, die Krankheit und Besuchsverbot auch jetzt im Herbst doppelt treffen oder getroffen haben.

Bomben auf Bahnhof retten ihn vorm Krieg

Für Schmids Angehörige waren die letzten vier Wochen eine Tortur. Kein Abschied, kein Besuch, nicht einmal ein Blick durchs Fenster. Sie durften ihren Ehemann, Vater und Großvater nicht mehr sehen. Dabei war der „Estrich-Schmid“ doch ein Leben lang stets mittendrin gewesen.

Lesen Sie auch: Weitere aktuelle Nachrichten und Artikel rund um das Thema Coronavirus in der Region finden Sie auf unserer OVB-Themenseite

Geboren wird Josef Schmid am 12. Dezember 1929 in Graudenz im heutigen Polen als jüngstes von vier Kindern – mitten in eine erst schwere, dann fürchterliche Zeit hinein. Mitten im Krieg – noch vor der Vertreibung – kommt der Bub mit seiner Familie nach Neubeuern. Dort bekommt sein Vater eine Anstellung als Schlossgärtner.

Der Zweite Weltkrieg ist schon fast vorbei, da kommt die Hiobsbotschaft: Der junge Bursche, 16 ist er, soll noch zum Militär eingezogen werden. Doch der Bombenhagel auf Rosenheim, den er von Neubeuern aus mitverfolgt, ist Josefs Glück. Der Bahnhof wird zerstört, sein Transfer an die Kriegsfront mit dem Zug platzt, er bleibt verschont.

Und so greift Schmid zur Axt statt zum Gewehr: Der junge Mann liebt Wald und Natur, arbeitet im Forst, wird Holzeinkäufer für die Raublinger PWA (Papierwerke Waldhof-Aschaffenburg). Eine der vielen Holzmissionen führt ihn nach Baden-Württemberg, wo er seine Gerda kennenlernt. 1958 wird in Raubling geheiratet.

Als Ein-Mann-Betrieb begonnen

Bald sind drei Kinder da, auch beruflich geht es voran. Schmid macht sich als Bodenleger selbstständig: Sein Ein-Mann-Betrieb entwickelt sich zur großen Baufirma für Estrich- und Putzarbeiten – mit bis zu 60 Mitarbeitern. In Raubling kennen ihn viele als den „Estrich-Schmid“, Ehefrau Gerda kümmert sich als gelernte Bankkauffrau ums Kaufmännische.

Ein Herz und eine Seele: Josef Schmid mit Enkel Felix. Das Bild stammt von 2018. 

In den Schulferien geht es mit dem Boot nach Kroatien oder mit dem Wohnwagen an seinen geliebten Gardasee, nach Bardolino. Schmid liebt es, seine wasserskifahrenden Kinder mit dem Motorboot durch den See zu ziehen. Bis zuletzt, auch eine schwere Herzoperation mit über 80 Jahren kann ihn nicht bremsen, sitzt er am Steuer des Wohnwagens. Das neue Lieblingsziel: Ungarn.

„Der Sepp“, so sagen viele „is scho a wuider Hund.“ Bis ins hohe Alter ist er „auf dem Holzweg“, schlägt Bäume im eigenen Wald, kauft ganze Lastwagenladungen Stämme zusammen, schneidet und hackt sie im Winter zu ofenfertigem Brennholz klein – für sich, die Familie und Bekannte.

Das könnte Sie auch interessieren: Wie Covid-19 trotz negativer Tests auf den Totenschein eines 90-jährigen aus der Region kam

In den OVB-Heimatzeitungen sorgt er mehrmals für Schlagzeilen: In den 70ern überlebt er einen schweren Unfall auf der A93 nahezu unverletzt. Nach einem Reifenplatzer auf Höhe Reischenhart überschlägt sich der Wagen mehrmals.

Doch Schmid, nicht angeschnallt, klettert ganz allein aus dem Wrack. Verwundert reiben sich die Zeugen die Augen. Ein paar Schnittwunden und Kratzer am Kopf, das ist alles. Der Mann hat einen großen Schutzengel.

Und einen großen Erfindungsgeist dazu. Der Windabweiser, den der Raublinger 2002 für sein Wohnwagengespann ausklügelt und als Marke schützen lässt, ist unserer Zeitung ebenfalls eine Geschichte wert. Ein Fachblatt bestätigt dem Dachspoiler „made im Inntal“ eine Spriteinsparung von bis zu 30 Litern auf 1000 Kilometer.

Für die Enkel den Wald ins Haus geholt

Kein Wunder, dass die Enkel stolz sind auf ihren pfiffigen Opa. Sie staunen nicht schlecht, als er das Wohnzimmer mit eingesammelten Ästen und Zweigen in einen kleinen Wald verwandelt – nur weil es im Heimat- und Sachkundeunterricht gerade um Laub- und Nadelbäume geht. Oder sie erzählen im Kindergarten so abenteuerliche Geschichten vom Großvater, dass ihnen die Erzieherinnen erst nicht glauben. Aber die Anekdoten sind alle wahr.

Aber auch Helden müssen sterben. Enkel Felix hat die Ehre, die Urne mit den sterblichen Überresten seines Opas zum Grab zu tragen. Immerhin: Trotz der widrigen Umstände in Lockdown-Zeiten strengster Beschränkungen ermöglicht ein trockener, warmer Frühlingstag Ende April eine würdige Beerdigung – coronakonform im Freien und im engsten Familienkreis.

Die Premiere von Urenkel Jonathan

Es ist das erste Mal, dass sich die ganze Familie nach nervenaufreibenden Wochen auf dem Friedhof wieder sieht. Der absolute Star neben der verstorbenen Hauptperson: Urenkel Jonathan, geboren Anfang März 2020 – endlich leibhaftig zu bestaunen und nicht nur als Foto auf dem Handy-Bildschirm.

Wer weiß, vielleicht wird der Jonathan ja genauso ein „wuider Hund“ wie der Uropa. Uroma Gerda, die vor dem zweiten Lockdown erstmals ohne ihren Sepp, aber mit den Liebsten ihren 83. Geburtstag feiern durfte, würde sich gewiss freuen.

Mehr zum Thema

Kommentare