Corona-Lockdown: 75 Prozent weniger Verkehr auf den Autobahnen in der Region Rosenheim

Viele Straßen sind seit der Ausgangsbeschränkung wie leer gefegt, hier die Inntalautobahn A93 an Ostern. Käsinger

Gähnende Leere auf den Autobahnen, ein Hauch von Einsamkeit in der Bergwelt – machen sich die Ausgangsbeschränkungen bereits positiv in Natur und Umwelt in der Region Rosenheim bemerkbar? Wir haben uns umgehört.

Rosenheim – Wer dieser Tage die Autobahn quert und den Blick von der Brücke auf die A8 oder die A93 wirft, traut oftmals seinen Augen nicht: kaum Verkehr, insbesondere am ansonsten stauträchtigen Osterwochenende.

Das Bayerische Verkehrsministerium hat für den Zeitraum vor und während der Corona-Beschränkungen an zehn ausgewählten Zählstellen an Autobahnen das Verkehrsaufkommen auswerten lassen. Darunter sind auch Stationen auf der A8-Ost im Bereich Rosenheim/Chiemsee und auf der A93 im Bereich des Grenzübergangs Kiefersfelden. „Im Ergebnis sehen wir beim grenzüberschreitenden Pkw-Verkehr eine Verkehrsabnahme von durchschnittlich 75 Prozent, beim Lkw-Verkehr eine Abnahme von knapp 40 Prozent“, sagte ein Ministeriumssprecher. Im Binnenverkehr seien die Abnahmen bei den Pkw-Fahrten mit 55 Prozent deutlich geringer.

Verkehrsaufkommen geht zurück

Ob das verringerte Verkehrsaufkommen in der Corona-Krise Auswirkungen auf die Immissionen und deren Einfluss auf die Luftreinheit in der Umgebung um die Inntalautobahn hat, ist laut einer Sprecherin des Bayerischen Landesamtes für Umwelt (LfU) nicht nachvollziehbar. „Ein direkter Vergleich von gemessenen Schadstoffverläufen ist für kurze Zeiträume nicht sicher möglich“, sagt sie. Erst bei der Betrachtung mittlerer Konzentrationen über einen langen Zeitraum, also über ein Kalenderjahr bei vergleichbaren meteorologischen Verhältnissen hinweg, könnten belastbare Aussagen getroffen werden.

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Die Corona-Krise beeinflusst auch den Zugverkehr in der Region. Aktuell werden etwa 80 Prozent der regulären Zugfahrten durchgeführt, wie ein Sprecher der Bayerischen Oberlandbahn mitteilte. Auf allen Strecken von Meridian, der Bayerischen Oberlandbahn und der Bayerischen Regiobahn habe man im Zuge von Personalknappheit ein „stabiles Grundangebot“ eingerichtet (in der Regel Ein-Stunden-Takt).

So sieht es in den Bergen aus

Im Tal wird‘s ruhiger – doch wie sieht es in der Bergwelt aus? Robert Jahn, der Naturschutzreferent der Alpenvereinssektion Rosenheim, hat noch keine größeren Veränderungen an Flora und Fauna festgestellt. Die Skitouren-Spuren seien weniger und es würden sicher auch weniger Pflanzen zertrampelt, weil weniger Menschen in den Bergen unterwegs seien als sonst. Dass aber mehr wüchse und blühe, das ist nach seinen Beobachtungen nicht der Fall. Und es seien auch nicht mehr Tiere zu sehen. Was daran liegen könnte, dass zwar erheblich weniger Wanderer unterwegs seien, aber: „Zehn bis 20 Prozent sind es schon noch. Auf Null gegangen ist es nicht.“

Run auf die Naherholungsgebiete

Von Bergtouren wird inzwischen Abstand genommen – viele weichen nun aber auf die Naherholungsgebiete aus. Was allerdings nicht unproblematisch ist. Beliebte Ziele von Spaziergängern und Radfahrern sind unter anderem das Grabenstätter Moos, das Bergener Moos oder der Bereich des Rimstinger Strandbades. Das Manko: Sie sind gleichzeitig Wiesenbrütergebiete für eine Reihe Vogelarten.

Wiesenbrüter in Gefahr

„Diese Gebiete beherbergen noch die letzten unserer seltenen, wiesenbrütenden Vogelarten wie Bekassine, Braunkehlchen oder Großer Brachvogel. Alle diese Arten sind vom Aussterben bedroht“, mahnt der zuständige Gebietsbetreuer Dirk Alfermann. „Für die Wiesenbrüter ist es aktuell von großer Bedeutung, während der Brut und der Aufzucht nicht gestört zu werden.“ Beschränkte Wegenutzung, Hunde an die Leine – das sind dort die Regeln. Doch nicht immer würden diese Vorgaben eingehalten. „Ich habe den Eindruck, dass derzeit deutlich mehr Leute in der Natur sind und sich zudem auch leider oft an Orten aufhalten, die eigentlich jetzt während der Brut- und Aufzuchtzeit tabu sind.“ Naturschutzwächter des Landkreises würden dies nun überwachen.

Probleme auch in den Seenplatten

Gleiches Bild in den beiden Naturschutzgebieten Eggstätt-Hemhofer Seenplatte und Seeoner Seen: Auch hier dringen nach Angaben des Landratsamtes Rosenheim viele Leute an immer unzugänglichere Stellen vor. Offenbar „um ein Plätzchen im Grünen für sich alleine zu ergattern“, sagt der zuständige Gebietsbetreuer Patrick Guderitz. „Das bringt aber auch Probleme mit sich, denn gerade diese versteckten, schwer zugänglichen Plätze dienen seltenen und gefährdeten Tieren und Pflanzen als Rückzugsorte.“

Neue Stille tut der Seele gut

Keine Termine und Aktivitäten außer Haus, wenig Verkehr auf den Straßen: Viele Menschen empfinden die aktuelle Situation nach Erfahrung von Professor Dr. Peter Zwanzger, Chefarzt für Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik am Kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg, als Entlastung: „Die neue Stille tut der Seele gut.“ Viele Patienten würden beispielsweise berichten, dass sie besser schlafen könnten.

Zwangsstille auch eine Belastung

Doch Zwanzger weist auch auf einen belastenden Effekt hin: „Wir bestimmen nicht selbst über die Bedingungen, sie wurden verordnet.“ Es sei ein Unterschied, ob ein Mensch allein sein dürfe oder allein sein müsse. „Viele haben das Gefühl, die Macht über die Selbstbestimmung verloren zu haben, das kann auch belastend sein.“ Zwanzger sieht durch die neue Stille vor allem eine Chance für Menschen, die unter dem Zwang leben, dauernd aktiv zu sein und ständig etwas unternehmen zu müssen. Dieser Freizeitstress entfalle derzeit. Viele würden erstaunt feststellen, dass es ihnen gut tue. Andere wiederum, dass es ihnen schwer falle und eine Leere entstanden sei. Da es kein Entrinnen gebe, „können diese Menschen jetzt bewusst an sich arbeiten und lernen vielleicht, sich auch nach Corona mehr Zeit für Entspannung zu nehmen.“

Psychische Belastung groß

Trotzdem stelle die Gesamtsituation auch eine große psychische Belastung dar. Schließlich würden sich viele Menschen um die Gesundheit von Angehörigen sorgen, seien Arbeitsplätze gefährdet, Familien auf engem Raum beieinander, belastet durch besondere Herausforderungen wie das Homeschooling. „Ich kann nur raten, trotzdem zu versuchen, der Situation ein Stück weit etwas Positives abzugewinnen – zumal wir alle uns ja oft nach Entschleunigung sehnen. Jetzt ist sie da, die Stille. Wir sollten sie auch annehmen.“

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