Corona-Krise in Stadt und Landkreis Rosenheim: Als die Lage auf der Kippe stand

Zwischen Hoffen und Bangen: Arbeit auf einer Intensivstation am Höhepunkt der Corona-Krise. Foto: dpa
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Zwischen Hoffen und Bangen: Arbeit auf einer Intensivstation am Höhepunkt der Corona-Krise. Foto: dpa

100 Tage Ausnahme-Zustand - das war die Corona-Krise in Stadt und Landkreis Rosenheim. In den nächsten Wochen werden die OVB-Heimatzeitungen zurückblicken. Teil eins: Die Corona-Chronik der Region. Am Anfang standen viele Feiern - und das Starkbierfest. Und wenig später stand die Lage auf der Kippe.

Rosenheim –Anfang März liegen in Rosenheim Sorge und Frohsinn dicht beinander. Luftlinie 300 Meter, mehr sind es nicht zwischen den Menschen, die sich im Romed-Klinikum auf den Ernstfall vorbereiten und denen, die beim Blick auf die Inntalhalle vor Vorfreude strahlen. In der Inntalhalle steigt das Starkbierfest. Zwar hat das Gesundheitsamt gewarnt. Wegen Corona.

Doch Stadt und Veranstalter haben beschlossen: Ozapft sei! Eine „mutige Entscheidung“, so lobt man einander bei der Pressekonferenz.

Am 6. März beginnt das Fest. Und Salvator-Redner Peter Kirmair kleidet prophetische Worte in Spott über Gesundheitsminister Spahn. „Spätestens seit der gsogt hod, dass sie alles unter Kontrolle ham, war mir klar, dass de Situation gfährlich werdn kannt.“ Davon geht man auch besagte 300 Meter weiter aus: Das Romed-Klinikum hält am selben Tag eine Sonderkrisensitzung ab.

Corona-Export: Aus Ischgl in die Welt

Es ist, als sieht man einer Katastrophe in Zeitlupe zu. Anfang Januar kommen alarmierende Berichte aus China, das Virus erreicht Eiropa kurz danach. Die ersten Infektionen, die ersten Toten, erstmal im Ausland. Der erste Deutsche stirbt Anfang März, noch weit weg in Ägypten. Die Börsen reagieren panisch.

Wie ernst die Lage wirklich ist, wissen die wenigsten. „Influenza ist genauso gefährlich, aber das kümmert kaum jemanden.“ Das sagt Anfang März der Veranstalter eines anderen Bierfestes in der Region. Erst nach der Absage des Starkbieranstichs am Nockherberg gerät der Terminkalender in und rund um Rosenheim ins Wanken, die Absagen häufen sich. Ende April ist klar: Das Herbstfest kann nicht stattfinden.

Ein Schlüsseltag ist Freitag, der 13. März. An diesem Tag macht Ischgl dicht, Ausländer müssen ausreisen, viele von ihnen infiziert. Studien werden später belegen, dass Ski-Tourismus und Corona fatal zusammenhängen.

Corona in der Region: Hier geht es zu unserem Live-Ticker

Der 13. März ist auch der Tag, an dem Italien mit 250 Toten binnen 24 Stunden einen ersten Höchststand erreicht. Die Fachleute sind schon länger alarmiert. „Nachdem wir die Bilder aus Italien gesehen hatten, konnten wir uns vorstellen, was auf uns zukommt“, sagt Hanns Lohner, Ärztlicher Direktor und Pandemie-Beauftragter des Romed-Klinikums Rosenheim.

Am 13. März macht Romed endgültig mobil. Corona ist schon länger Thema in Krisensitzungen. An diesem Tag aber kommen Vertreter aller Romed-Kliniken zusammen. Nur gemeinsam wird man die Pandemie bewältigen können; man bespricht, wer welche Aufgaben übernimmt.

Zwei Wochen auf der Kippe

Bereits am 19. März steigen die Fallzahlen bei Romed drastisch an. Klinikumsgeschäftsführer Jens-Deerberg-Wittram entwirft intern angesichts der steilen Kurven ein schockierendes Szenario. Wenn die Eindämmung nicht gelingt, könnte die Pandemie die Intensiv-Kapazitäten des Klinikums sprengen. „Da habe ich dann doch das eine oder andere Mal gedacht, alter Falter, jetzt läufst du in was Schlimmes“, sagt Deerberg-Wittram heute.

Das Klinikum baut um, ruft Ehemalige und Studenten auf, da das Personal knapp wird. Gefragt ist Talent zum Improvisieren. Bürokratie ist was für normale Zeiten, jetzt macht man bei Romed in Rekordzeit Klarschiff zum Gefecht. „Wir haben viele Umzüge innerhalb des Hauses unternommen“, sagt Hanns Lohner. „Wände haben wir neu eingezogen, dazu Schleusen gebaut“, ergänzt Deerberg-Wittram. „Wir haben unterm Fahren die Schienen verlegt.“

Corona in der Region Rosenheim: Vier Wochen ohne Beispiel

Am 20. März stirbt der erste Mensch in Stadt und Landkreis an Corona: Sepp Mangstl, ein bekannter Musikant. Die Krise hat auf einmal ein Gesicht. Und die Region befindet sich bald voll im Griff des Corona-Virus. Der Lockdown lähmt das öffentliche Leben, doch vorerst steigen die Fallzahlen.

In Bad Feilnbach muss Anfang April ein Altenheim nach einem Massenausbruch evakuiert werden. Im Klinikum stellt man sich darauf ein, Patienten in weniger beanspruchte Häuser zu verlagern. Deerberg-Wittram telefoniert mit Ministerpräsident Markus Söder. Und beschwört ihn: „Wir brauchen Helis.“

Die Statistik des Klinikums entwickelt derweil Kurven, die dem Höhenprofil eines Bergmassivs ähneln: Steiler Anstieg von 19. bis 31. März, dann ein Grat bis 15. April, erst dann sinken die Zahlen langsam. Zwischen 180 und 200 Fälle – inklusive Verdachtsfälle – pro Tag betreuen die Kliniken in der Hoch-Zeit.

Insgesamt werden von März an bis heute rund 1570 Menschen mit Infektion oder Verdacht auf Covid-19 behandelt worden sein, 122 Patienten sterben in jener Zeit in Romed-Klinikem, insgesamt sind es in der Region 222 (Stand 9. Juli). Der letzte Corona-Patient hat das Klinikum vor ein paar Tagen verlassen.

War’s das? Die Sorge vor der zweiten Welle ist da. Aber auch Zuversicht. Die Belegschaft der Krankenhäuser hat gelernt, Abläufe sind verbessert, Ausrüstung aufgestockt. Frühjahr und Sommer 2020, das ist eine Erfahrung, die prägt.

Das sagt auch Jens Deerberg-Wittram. Was er, was Verwaltung, Ärzte und Pfleger in den Kliniken in jener Zeit erlebt haben – „das erlebst du nur einmal im Leben.“

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