Experten-Tipps zum Gegensteuern

Corona-Krise: So leidet unsere Seele unter der Pandemie-Erfahrung

Wir sorgen uns um die Gesundheit, die Kinder, die Gesellschaft, die Zukunft, die Existenz - das kann krank machen.
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Wir sorgen uns um die Gesundheit, die Kinder, die Gesellschaft, die Zukunft, die Existenz - das kann krank machen.

Regen, grauer Himmel – und dann auch noch Corona: Die Pandemie gefährdet direkt und indirekt unsere Gesundheit – und vor allem unsere Lebensfreude. Wie Sie gegensteuern können? Das verraten Ihnen unsere Experten.

VON DORITA PLANGE

Landkreis - Regen, grauer Himmel – und dann auch noch Corona: Die dunkle Jahreszeit drückt vielen Menschen ohnehin aufs Gemüt. Doch nun schlagen die neuen Beschränkungen zusätzlich auf die Psyche. Das macht es für viele „noch schwieriger, psychisch gesund durch die Wintermonate zu kommen“, warnen Experten. Aber nicht nur die Seele leidet derzeit. Auch unsere Augen, die Haut und der Nacken sind von Corona betroffen. Wie Sie gegensteuern können?

Das Krisen-Karussell im Kopf

Vielen fällt es gerade schwer, das ständige Krisen-Karussell im Kopf zu stoppen. Die Folge: unruhige Nächte, müde Tage. „Die Qualität des Schlafes hat eine starke psychische und körperliche Komponente,“ warnt Prof. Dr. med. Bert te Wildt, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen. „Jeder ist zurzeit angespannt. Wir sorgen uns um die Gesundheit, die Kinder, die Gesellschaft, die Zukunft, die Existenz.“ Aber man kann gegensteuern, sagt Prof. te Wildt: „Mindestens eine Stunde vor dem Zubettgehen sollte man alle Bildschirm-Medien ausschalten – und damit auch die Lampe im Gehirn. Bildschirme gaukeln Tagesaktivität vor.“ Nichts mehr lesen, hören oder ansehen, was Angst macht: „Nehmen Sie bewusst Abstand vom Alltag. Wir brauchen den Schlaf, um zu verarbeiten und zu vergessen.“

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Kinder und Senioren besonders gefährdet

Das gilt speziell für Kinder. Und Senioren: „Für die Älteren, die oft viel fernsehen, besteht die Gefahr, von der Informationsflut überwältigt zu werden“, warnt der Experte. „Setzen Sie den Sorgen Grenzen. Folgen Sie schönen, verlässlichen Ritualen.“ Mit Freunden und Verwandten kommunizieren, per Skype gemeinsam reden – oder auch essen: „Es macht einen großen Unterschied, die Lieben zu sehen.“ Auch mal bewusst Musik hören, kochen, malen, Tagebuch schreiben. „Nicht nur das Schlimme, auch schöne Gedanken aufschreiben. Finden Sie zu einer Begegnung mit sich selbst“, rät der Experte.

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Wenn die Technik zum Fluch wird

Spiele, Videos und „Social Media“ sind zurzeit Segen und Fluch zugleich: „Die Älteren finden auf diese Weise neue Zugänge zur Welt. Bei Kindern und Jugendlichen dagegen sind die Zeiten im Netz bereits im ersten Lockdown bedrohlich angestiegen.“ Da können Eltern gegensteuern: „Es muss Zeiten in der Familie geben, in denen die digitalen Medien schweigen.“ Positiver Effekt: „Brett- und Kartenspiele erleben eine Renaissance. Auch bei uns in der Klinik und speziell bei den internetsüchtigen Patienten!“ 

Bildschirm- und Handy-Marathon ist Schwerstarbeit

Homeoffice, Videokonferenzen, Lockdown-Langeweile: Der tägliche Bildschirm- und Handy-Marathon ist Schwerstarbeit für die Augen. Plötzlich werden sie rot, jucken, tränen, die Sehfähigkeit lässt nach. „Das sind typische Anzeichen für trockene Augen“, erklärt Augenarzt Dr. Hans-Peter Buchmann, Gründer des Münchner Klinik- und Praxis-Netztwerks „Realeyes“. Denn: „Vor dem Bildschirm zwinkern wir nur halb so oft wie normal. Das heißt, der natürliche Scheibenwischer, der das Auge reinigt und befeuchtet, arbeitet weniger.“ Auch tränende Augen sind ein Zeichen dafür: „Drüsen in den Lidern produzieren einen Tränenfilm. Lässt er wegen seltener Lidschläge nach, produziert das Auge Reizwasser – und tränt.“ Unangenehm, aber harmlos: „Tränenersatzflüssigkeiten in Tropfenform mit dem Wirkstoff Hyaluron helfen sehr gut. Oder Sie schließen öfter mal für Sekunden die Augen.“

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Es gibt einen weiteren interessanten Zusammenhang: „Wer trockene Haut an Ellenbogen oder Händen hat, hat oft auch trockene Augen. Es ist kein Zufall, dass die äußere Augenhaut ebenfalls Horn-Haut genannt wird.“ Bei Menschen mit Alterssichtigkeit stimmt öfter die Brillenstärke nicht mehr. Für sie gibt es spezielle Arbeitsplatzbrillen. Vorsorgetermine sollten trotz Corona eingehalten werden: „Nur rechtzeitig erkannt, können wir Erkrankungen wie den Grünen Star verlangsamen. Neben den Hygienekonzepten und der Mundschutz-Pflicht trennt bei uns eine Plexiglasscheibe den Arzt vom Patienten bei der Untersuchung.“ 

Unbedingt Reinlichkeit unter der Nasen-Mund-Maske

„Reinlichkeit unter der Maske ist das A&O für Menschen mit empfindlicher Haut“, rät der Münchner Dermatologe Dr. Christoph Liebich, der in seiner Praxis Dermazent nun öfter Hautreaktionen im Zusammenhang mit Masken sieht. „Das dampfige Milieu unter der Maske verstärkt Hautkrankheiten wie Akne, Rosacea oder die „periorale Dermatitis“. Auch Stress und zu viel Kosmetik können unter der Maske zu Hautreaktionen führen.“

Aus Gründen der Hygiene empfiehlt Dr. Liebich eher Einmalmasken. „Stoffmasken gehen auch, doch muss man die wirklich täglich wechseln und heiß waschen.“ Zeigen sich erste Hautreaktionen, hilft ein Hausmittel: Schwarztee-Umschläge, etwa fünf Minuten lang. „Die Gerbstoffe wirken entzündungshemmend.“

Richtige Seife, keine Waschlotionen

Auch die Haut der Hände wird von Seife und Desinfektion mächtig strapaziert. „Wenn Sie von draußen kommen, sollten Sie immer richtige Seife benutzen.“ 20 Sekunden sorgfältig angewendet reinigt sie genauso sicher wie Desinfektionsmittel. „Bei der Haus- oder Küchenarbeit daheim genügt zum Waschen auch ein mildes Handwaschöl.“

Zehnmal täglich empfiehlt der Dermatologe, die Hände mit einer reichhaltigen Handcreme zu pflegen – auch mal als Intensivkur in Baumwollhandschuhen. Wenn es draußen kalt ist, produziert die Haut weniger Fett. „Der Eigenschutz lässt nach. Hände und Körper oft einzucremen ist jetzt wichtig.“

Hautkrebs-Vorsorge nicht vernachlässigen

Bei aller Vorsicht, rät Dr. Liebich unter keinen Umständen die (Hautkrebs-)Vorsorge zu vernachlässigen: „Je eher man etwas entdeckt, desto größer ist die Heilungschance. Wir arbeiten unter höchsten Sicherheitsstandards. Die Praxis ist sicher.“ Seine einzige Bitte: „Kommen Sie möglichst allein zur Untersuchung. Das hilft uns, unnötige Kontakte zu minimieren.“

Mobile Office - oft ein ergonomischen Desaster

Wir sitzen stundenlang daheim auf Hockern, Esszimmerstühlen oder Sesseln, oft ist der Tisch dafür zu hoch oder zu flach. Die Folgen dieses ergonomischen Desasters sieht der Münchner Neurochirurg Dr. Ralph Medele, Gründer und Ärztlicher Leiter des Wirbelsäulenzentrums am Stiglmaierplatz, jeden Tag: „Das Homeoffice ist eine Herausforderung für die Muskulatur des Nackens, der Schultern und der Lendenwirbelsäule. Der Computer allein zwingt uns bereits in eine statische Haltung.“

Kommen weitere Fehler dazu, kann es unangenehm werden. Zervikalsyndrom (umgangssprachlich TecNec = technischer Nacken) nennt der Arzt diese schmerzhafte Verspannung, bei der auch Stress eine Rolle spielen kann: „Verspannungen strahlen in Nacken, Rücken, Schulter oder Arme aus und können Kopfschmerzen und Migräne auslösen.“

Die gute Nachricht: „Die Verspannung allein richtet keine dauerhaften Schäden an. Natürlich sollte abgeklärt werden, dass keine andere Erkrankung dahintersteckt,“ so Dr. Medele. Das gilt auch für klassische Überlastungsreaktionen wie Maus-Arm oder Whatsapp-Daumen nach exzessivem Computer- und Handy-Marathon. Gegen das Zervikalsyndrom hilft Bewegung: Physiotherapie, Heilgymnastik, Sport und auch Wärme. Dr. Medeles’ Patienten bekommen sogar ein selbst erarbeitetes Übungsheft: „Eine Anleitung, wie man mit einfachen Übungen im Alltag dieses Problem zeitnah wieder los wird.“

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