Corona-Großausbruch in Gollenhausen: Warum kam die Hilfe so spät?

Alten- und Pflegeheime sind besonders gefährdet. Hier misst eine Altenpflegerin bei einer Bewohnerin mit einem Thermometer die Temperatur. Foto: dpa
+
Alten- und Pflegeheime sind besonders gefährdet. Hier misst eine Altenpflegerin bei einer Bewohnerin mit einem Thermometer die Temperatur. Foto: dpa

Erst kamen die Mitarbeiter vom Katastrophenschutz, dann die Kriminalpolizei: Seit Freitag laufen Ermittlungen wegen des Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung in einem Pflegeheim in Gollenshausen. Die Heimleitung sieht sich zu Unrecht am Pranger und kritisiert seinerseits das Landratsamt.

Von Michael Weiser

Gstadt -Die Ermittlungen laufen, sie werden nach Auskunft von Präsidiumssprecher Stefan Sonntag längere Zeit dauern. Denn es gilt, einen komplizierten Sachverhalt zu klären. Es geht um den Verdacht der fahrlässigen Körperverletzung im „Haus Chiemsee“, einem Pflegeheim in Gollenshausen (Gstadt).

Ärzte vom Katastrophenschutz in Gollenshausen

Dort hatte am Freitag das Landratsamt wegen eines massiven Corona-Ausbruchs einen „Unterstützungseinsatz“ für Bewohner und Team des Pflegeheims koordiniert. Immer noch sind eine Hausärztin und drei zusätzliche Ärzte des Katastrophenschutzes in dem Heim tätig, außerdem unterstützen nach Auskunft von Sprecherin Ina Krug BRK-Mitarbeiter die Pfleger des Heims. Das Heim habe der Heimbetreiber aus eigenen Ressourcen personell aufgestockt. Thomas Mühlnickel neben „Haus Chiemsee“ drei weitere Heime, in der Region und in Weilheim i. Obb.

Die Hilfe sei willkommen, sagt er. Allerdings kommt sie spät: Der Corona-Ausbruch liegt nach Mühlnikels Auskunft bereits länger zurück. Warum die Heimaufsicht nicht früher schaltete, aus welchem Grund am Freitag die Kriminalpolizei hinzugezogen wurde: Darüber schweigt sich das Landratsamt aus.

Covid-19-Ausbruch war schon im November

Tatsächlich hatte sich der Covid-19-Ausbruch nach Auskunft von Heimbetreiber Thomas Mühlnikel Ende November abgespielt. Am 27. November war demnach ein Bewohner positiv getestet worden. Daraufhin sei eine Reihentestung vorgenommen worden, die weitere positive Resultate erbrachte. Bis sich herausstellte, dass alle 54 Bewohner und zwölf Pfleger infiziert waren.

Mehrmals Kontakt mit der Heimaufsicht

Heimleiter Christian Vogel sagt, er habe sofort das Gesundheitsamt benachrichtigt. Auch habe er vier-, fünfmal mit einem Mitarbeiter von der Heimaufsicht am Landratsamt telefoniert, mit der Bitte um Unterstützung, weil auch so viele Pfleger mit Corona infiziert gewesen seien. Der Mann habe geantwortet, das Heim solle zusehen, wie es die Situation „intern“ lösen könne.

Regierung von Oberbayern wünscht Bericht

Vogel solle außerdem Heime in der Umgebung anrufen und fragen, ob sie Personal zur Unterstützung von „Haus Chiemsee“ schicken könnten. „Kein guter Plan“, sagt Vogel, wegen der Gefahr von Infektionen, die dann andere Häuser ebenso an den Rand ihrer knappen Kapazitäten gebracht hätten. Irgendwann habe er die Gespräche dann gelassen, berichtet der Heimleiter, „ich hatte ja etwas anderes zu tun, und viel Hilfe war da offensichtlich nicht zu bekommen“. Mühlnikel hat sich bei der Regierung von Oberbayern beschwert. Die Behörde in München berichtet, man habe bereits die Heimaufsicht um einen Bericht ersucht.

Verdacht der Körperverletzung

Mühlnikel bedankt sich für die Hilfe jetzt, Mitte Dezember, sagt aber auch: „Wir waren eigentlich übern Berg.“ Der am Stand Mittwoch: Sieben Pfleger sind in häuslicher Isolation, im Krankenhaus befinden sich nach Mühlnikels Worten noch acht Bewohner. Sie seien auf dem Weg der Besserung.

Sein Team habe sich bravourös geschlagen, sagt erund sieht sich bestätigt durch eine erneute Begehung des Heimes durch Mitarbeiter von Heimaufsicht, Gesundheitsamt und Landesamt für Gesundheit. Es habe keine Beanstandungen, stattdessen Anerkennung gegeben. „Das tat meinem Team gut“, sagt Mühlnikel. Das Landesamt teilt allerdings mit, der Besuch habe lediglich der Beratung, nicht aber der Kontrolle und damit Beurteilung gedient. Das Landratsamt bescheinigte dem Heim, dass über den Personaleinsatz hinaus keine weiteren Maßnahmen notwendig seien.

Der Verdacht: „Nicht kunstgerechte Betreuung“

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln derweil weiter. Es bestehe der Verdacht, dass die Betreuung der Bewohner „nicht kunstgerecht“ gewesen sei, sagte Björn Pfeifer, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

100 Aktenordner, Dienstpläne und Datenträger haben die Beamten sichergestellt. Die Ermittlungen zielten, sagt Stefan Sonntag, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, auch nicht nur auf Freitag, sondern gingen über Monate zurück in die Vergangenheit.

Lesen Sie auch:106-Jährige übersteht Corona

Jedenfalls hätten sich die Beamten durch ihre Beobachtungen vor Ort veranlasst gesehen, einen Durchsuchungsbeschluss zu beantragen. Der Zustand der Bewohner sei „nicht bestmöglich“ gewesen. Thomas Mühlnikel vermutet, wie berichtet, eine Retourkutsche seitens der Polizei nach einem Streit darüber, ob es statthaft sei, die Bewohner ohne Erlaubnis zu fotografieren.

Wie konnten 54 Bewohner erkranken?

Ein solcher Einsatz sei im übrigen selten, aber auch kein Einzelfall. Seit Corona konzentriere sich die Aufmerksamkeit auf Pflegeheime. So wird seit Mitte Mai gegen den Leiter eines Pflegeheims in Schliersee (Landkreis Miesbach) ermittelt. Auch dort war es zu einem Corona-Ausbruch gekommen, der drei Bewohner und eine Pflegerin das Leben kostete.

Lesen Sie auch:28 Bewohner eines Seniorenheims in Feldkirchen infiziert

Im Gollenshausen wird zu klären sein, wie alle 54 Bewohner und dazu zwölf Pfleger erkranken konnten. Thomas Mühlnikel erklärt die Wucht des Ausbruchs mit der Struktur seines Hauses: Es handele sich um eine beschützende Einrichtung, in das man mit Unterbringungsbeschluss gebracht werde, um ein Haus für Demenzkranke und Menschen mit „psychischen Veränderungen“.

Es sei unmöglich, die Bewohner in ihren Zimmern zu halten, sie seien sehr unruhig und könnten auch nicht eingeschlossen werden. Eingeschleppt wurde Covid-19 nach Mühlnikels Vermutung durch einen Palliativpatienten, der sich bei einem Krankenhausaufenthalt infiziert haben könnte. Der Patient verstarb in der Nacht nach der Rückkehr.

Kommentare