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Suchtberaterin Christiane Mies im Interview

Gefährliches Spiel: Wie die Corona-Pandemie die Glücksspielsucht auch in Rosenheim befeuert

Christiane Mies ist Diakonie-Fachstelle für Glücksspielsucht in Rosenheim.
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Christiane Mies ist Diakonie-Fachstelle für Glücksspielsucht in Rosenheim.

Rosenheim – In Deutschland gibt es rund 400.000 Personen, die ein Glücksspiel-Problem haben. Lange galten Casinos und Automaten als die gängigsten Formen. Aufgrund der Corona-Pandemie verlagert sich das mehr auf Online-Angebote. Christiane Mies, Leiterin der Diakonie-Fachstelle für Glücksspielsucht in Rosenheim, spricht über ihre Arbeit.

Glücksspiel, das ist doch eigentlich eher etwas für ältere Männer mit zu viel Zeit, oder?

Christiane Mies: Die männliche Klientel, welche Beratung in unserer Fachstelle sucht, überwiegt, Jedoch sind von den häufigsten Formen des Glücksspiels wie Automatenspiele, Sportwetten oder auch Aktiengeschäften insbesondere die Altersgruppen von 25 bis 50 Jahren betroffen. Frauen stellen in unserer Beratungseinrichtung eher eine Minderheit dar.

Ab wann ist eine Person abhängig von Glücksspielen? Wo ziehen Sie die Grenze?

Mies: Vereinfacht gesagt kennzeichnet die Suchtentwicklung ein häufig unbewusster Kontrollverlust, welcher den Übergang vom gelegentlichen Spiel in die Abhängigkeit markiert. Das Spiel wird zunehmend alltagsbestimmend, sodass berufliche und private Pflichten, Hobbys oder die Pflege sozialer Kontakte in den Hintergrund geraten. Im weiteren Verlauf beeinflusst dieser Kontrollverlust auch die finanzielle Situation der Betroffenen.

Inwiefern beeinträchtigt das die Finanzen der Süchtigen?

Mies: Sie leihen sich Geld oder nehmen hohe Kredite auf, immer in der Hoffnung auf den baldigen großen Gewinn, welcher vermeintlich alle Probleme löst. Die bittere Realität wird nicht mehr wahrgenommen – es entstehen riesige Schuldenberge. Darüber hinaus versuchen Betroffene, ihr problematisches Spielverhalten lange zu verheimlichen. Sie ziehen sich zurück und belügen selbst geliebte Menschen, um ihrem Verlangen nachzugehen – ebenfalls ein deutlicher Hinweis auf eine ausgeprägte Spielsucht.

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Ist potenziell jeder Casinobesucher dafür prädestiniert, eine Sucht zu entwickeln?

Mies: Nicht grundsätzlich. Ausgehend von den Hintergründen der Suchtentstehung sind es vorwiegend personenbezogene Faktoren und die individuelle Lebenssituation, deren Zusammenspiel mit dem jeweiligen Mittel die Entstehung einer Abhängigkeit begünstigen. Im Hinblick auf die Person sind allgemein Unzufriedenheit, Unsicherheiten, Traumata, Ängste, Depressionen, genetische Veranlagungen oder auch Probleme mit dem eigenen Selbstwertgefühl zu nennen.

Auf dem Handy oder Computer: Seit der Pandemie verlagert sich das Glücksspiel viel mehr auf Online-Formate wie digitale Spielautomaten, Sportwetten und Slots.

Wieso spielen Menschen überhaupt?

Mies: Glücksspieler haben meist den Wunsch nach dem schnellen Geld. In Bezug auf die Lebensumwelt spielt neben der beruflichen und familiären Situation auch die individuelle Sozialisation eine bedeutende Rolle. Das Glücksspiel kann zunächst als Druckventil bei persönlichen Krisen fungieren, indem es vom Alltag ablenkt, für Entspannung und Losgelöstheit sorgt oder Langeweile und Sorgen verdrängt. Lassen sich jedoch keine alternativen Bewältigungsstrategien für individuelle Krisen finden, ist der Weg in die Spielsucht oft nicht weit.

Welche Alternativen könnten das sein?

Mies: Im Grunde alle Formen nicht schädlicher Stressbewältigung. Dazu zählen unter anderem Hobbys, Sportvereine oder gesellschaftliches Engagement. Für Menschen mit problematischem Spielverhalten stellen die aktuellen pandemiebedingten Einschränkungen im sozialen und beruflichen Alltag deshalb eine enorme zusätzliche Herausforderung dar, weil diese Möglichkeiten dadurch fast gänzlich wegfallen. Menschen mit problematischem Spielverhalten sind so einer höheren Gefahr ausgesetzt, nun in eine Glückspielabhängigkeit zu geraten.

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Verändern die Corona-Maßnahmen auch das Spielverhalten von Betroffenen?

Mies: Ich habe den Eindruck, dass das klassische Automatenspielen in Spielhallen und Gastronomie zwar noch vorherrschend ist, sich das Glücksspiel aufgrund des digitalen Wandels im Zuge der Corona-Pandemie jedoch vielmehr auf Online-Formate wie digitale Spielautomaten, Sportwetten und Slots verlagert. Das Internet ist allgegenwärtig und leicht zugänglich, weshalb es Glücksspielern nicht schwerfiel, den Besuch der Spielhalle durch das Glücksspiel am Handy oder am Computer zu ersetzen. Seit letztem Jahr stellen wir besonders im Bereich der Online-Glücksspielabhängigkeit einen vermehrten Bedarf an Beratungsgesprächen fest.

Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung ein?

Mies: Ich rechne in den nächsten Jahren, aufgrund der sich verfestigenden prekären Beschäftigungssituation, mit einem Anstieg persönlicher Krisenerfahrungen und somit auch mit weiterwachsendem Bedarf nach Glücksspielsucht-Fachberatung. Darüber hinaus glaube ich, dass unsere Klientel sich weiter verjüngen wird. Zum einen stellen die gesellschaftlichen Einschränkungen, gerade inmitten der Entwicklungsphase für Kinder und Jugendliche, einen enormen Stressfaktor dar. Zum anderen werden auf beliebten Online-Portalen wie Youtube in der Werbung digitale Glücksspielangebote in ansprechender Weise präsentiert und Chancen auf große, schnelle Gewinne suggeriert. In diesem Bereich rechne ich aufgrund des niederschwelligen Zugangs besonders mit einer Zunahme. Für ein abschließendes Urteil ist es jedoch noch zu früh.

Welche drei Tipps haben Sie für Betroffene?

Mies: Das Wichtigste ist zunächst, ein Problembewusstsein zu entwickeln. Dafür können folgende Fragen hilfreich sein: Wozu dient das Spielen? Was bringt es mir für den Moment? In welchen Lebenssituationen und damit verbundenen Gefühlslagen äußert sich mein Spieldrang? Wenn Betroffene feststellen, dass sie bereits die Kontrolle über ihr Spielverhalten verloren haben, rate ich umgehend, alle Accounts und Zugangsmöglichkeiten zu sperren. Darüber hinaus sollte möglichst jeder Kontakt mit Glücksspielangeboten oder -werbung vermieden werden. Unter Umständen kann es sinnvoll sein, dafür eine neue E-Mail-Adresse anzulegen. Im nächsten Schritt ist es wichtig, das Schweigen zu brechen und sich Hilfe zu suchen.(re)

Hier finden Betroffene Hilfe

In Stadt und Landkreis Rosenheim können sich Betroffene jederzeit an die Fachstelle für Glücksspielsucht der Diakonie wenden. Diese ist über die Homepage www.dwro.de, direkt per E-Mail unter fachambulanz@dwro.de oder der Nummer 08031/356280 erreichbar. Allgemeine Informationen und landesweite Angebote sind über die Landesstelle für Glücksspielsucht in Bayern abrufbar. Betroffene können diese über die Website www.lsgbayern.de kontaktieren, unter der Nummer 089/55273590 anrufen oder eine E-Mail an info@lsgbayern.de schreiben.

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