Im Interview

„Die müssen trainieren wieder zu atmen“ - Neurologe Dr. Friedemann Müller über die Spätfolgen von Corona

Dr. Friedemann Müller ist Dr. Friedemann Müller ist Chefarzt des Alzheimer-Therapiezentrums und der Neurologischen Frührehabilitation und Rehabilitation der Schön-Klinik Bad Aibling-Harthausen.
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Dr. Friedemann Müller ist Dr. Friedemann Müller ist Chefarzt des Alzheimer-Therapiezentrums und der Neurologischen Frührehabilitation und Rehabilitation der Schön-Klinik Bad Aibling-Harthausen.
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Bad Aibling – Corona kann töten. Aber auch Überlebende klagen oft über schwere Nachwirkungen. Wie Corona Gehirn und Nerven angreift, beobachtet Dr. Friedemann Müller am Schön-Klinikum Bad Aibling als Fachmann für Neurologie. „Diese Patienten müssen wieder trainieren zu atmen, zu stehen, zu gehen“, sagt er im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen.

Wann hat man festgestellt, dass Corona neben der Lunge andere Organe und sogar Hirn und Nerven schädigen kann?

Dr. Friedemann Müller: Der meist vorübergehende Verlust des Geruchssinnes wurde schon zu Beginn der ersten Welle als häufiges Symptom erkannt. Da der Riechnerv anatomisch bereits Teil des Gehirns ist, war klar, dass außer der Lunge weitere Organe befallen sein können. In jenen Wochen wurden dann auch immer mehr Patienten beobachtet, bei denen die Niere, die Leber oder der Herzmuskel erkrankt war. Man erkannte als Gemeinsamkeit schwere Erkrankungen der Gefäße und auch Thrombosen, also die Bildung von Gerinnseln, die in vielen Organen Schäden verursachen können.

Wie genau wirkt der Erreger auf Nerven und Hirn?

Dr. Müller: Man vermutet, dass das Riechepithel, also die Sinneszellen der Nasenschleimhaut, die Eintrittspforte in das Gehirn darstellt. Das Virus konnte auch im Gehirn verstorbener Patienten nachgewiesen werden. Allerdings scheint die direkte Schädigung durch das Virus eine geringere Rolle zu spielen als sekundäre Schadensprozesse.

Neben den schon erwähnten Gefäßentzündungen und der Gerinnselbildung mit daraus folgenden Durchblutungsstörungen scheint die überschießende Immunantwort ein Hauptproblem zu sein. Dabei ist das Stützgewebe im Gehirn, die Mikroglia, die Funktionen der Versorgung und des Infektionsabwehr für die Nervenzellen hat, oft stärker beteiligt. Autoimmunkrankheiten, bei denen das Immunsystem den eigenen Körper angreift, sind als Folge von Covid-19 häufiger beobachtet worden, in der Neurologie auch das Guillain-Barré-Syndrom, bei der die peripheren Nerven schwer geschädigt werden.

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Bis zu welchem Maße kann das Virus Nerven oder Hirn schädigen?

Dr. Müller: Während die direkte Schädigung der Nervenzellen vermutlich keine große Bedeutung hat, sind Durchblutungsstörungen und die Überreaktion des Immunsystems Hauptprobleme. Neben den katastrophalen Schädigungen durch Schlaganfälle oder Hirnblutungen sind die schweren Schädigungen des peripheren Nervensystems eine große Beeinträchtigung. Hierbei kommt es zur Polyneuropathie, also zu Erkrankungen des peripheren Nervensystems, die viele Nerven betreffen. Das kann so weit gehen, dass die Steuerung der Atemmuskulatur und der gesamten Skelettmuskulatur wieder neu aufgebaut werden muss. Durch lange Inaktivität tritt auch ein massiver Muskelverlust ein. Diese Patienten müssen wieder trainieren zu atmen, zu stehen, zu gehen und auch ihre Handfunktion erst wieder erlangen.

Was können Sie in Ihrer praktischen Arbeit beobachten?

Dr. Müller: Wir haben Covid-19 Patienten entweder noch beatmet aus den primärversorgenden Krankenhäusern der Nachbarschaft übernommen oder schwer Betroffene zur neurologischen Frührehabilitation. Wir sehen also vor allem Patienten, die sehr schwer unter dem Coronavirus gelitten haben. 40 dieser Patienten haben uns erlaubt, ihren Krankheitsverlauf wissenschaftlich zu untersuchen.

Erste Ergebnisse können wir schon erkennen. Etwa, dass unter der häuslichen Situation die Fatigue, also die rasche Ermüdbarkeit, bei einigen Patienten erheblich zunimmt. Offensichtlich wird unter den Alltagsbedingungen die Belastung und die daraus folgende Fatigue stärker empfunden als im beschützten klinischen Rahmen. Einige Patienten berichten, dass sie im wesentlichen zwar selbstständig sind, aber deutlich mehr Zeit brauchen, beziehungsweise alles als anstrengender empfinden als vor der Erkrankung.

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Oft hört man vom Verlust des Geruchssinns...

Dr. Müller: Während des Krankenhaus-Aufenthaltes ergab sich bei objektiver Testung bei lediglich zehn Prozent ein normaler Geruchssinn, bei fast allen zeigte sich ein teilweiser oder vollständiger Ausfall, der sich bei 20 Prozent der Betroffenen bis zur Entlassung wieder besserte. Zum Glück war nach weiteren drei Monaten nur bei zehn Prozent der Geruchssinn immer noch anhaltend ausgefallen.

Meist vorübergehend: Viele Covid-19-Patienten klagen über den Verlust des Geruchssinns.

Nach schweren Schädel-Hirn-Verletzungen dauert der Weg zurück ins Leben lang. Wie lange kann er bei Covid-19 dauern?

Dr. Müller: Schwere Hirnschädigungen durch Schlaganfälle oder Blutungen zeigen auch bei Covid-19 Patienten die entsprechenden langfristigen, nur teilweise zu bessernden Folgen. Man spricht inzwischen im Englischen vom Long-Covid Syndrom, um anzudeuten, dass selbst bei weniger schweren Syndromen viele Beschwerden lange anhalten. Noch wissen wir zu wenig über den Langzeitverlauf, schließlich überblicken wir noch nicht einmal ein volles Jahr. Für die meisten der Post-Covid Patienten darf man optimistisch sein, dass die Beschwerden langsam abklingen.

Was würden Sie Menschen antworten, die Corona für einen anderen Namen für Grippe halten?

Dr. Müller: Schon eine echte Influenza ist im Gegensatz zur umgangssprachlichen Grippe eine schwere Erkrankung. Für Risikogruppen gibt es aber eine Schutzimpfung, so dass niemand daran sterben müsste. Dagegen sieht man die schwerwiegenden und vielfältigen Organschäden, die Covid-19 verursachen kann, bei der Grippe nicht. Auch wenn Covid bei vielen Menschen harmlos oder asymptomatisch verläuft, trifft es bei der großen Zahl Infizierter viel zu viele Menschen mit dem schweren Verlauf.

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