Corona-Angst in den Flüchtlingsheimen im Raum Rosenheim: Per Messenger die Sorgen nehmen

Die Angst, dass sich das Coronavirus in dicht bewohnten Flüchtlingsheimen wie hier in Rosenheim ausbreitet, ist groß. Schlecker
  • vonTina Blum
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Die Ausgangsbeschränkungen aufgrund des Coronavirus bedeuten einen starken Einschnitt für das öffentliche Leben und die Bevölkerung. In Asylunterkünften wohnen viele Menschen auf engstem Raum zusammen. Auch dort sorgt das Virus für Verunsicherung.

Rosenheim – „Wir versuchen unseren Leuten so gut wie möglich, die Angst zu nehmen“, sagt Melanie Bumberger, Fachdienstleitung Asyl und Migration der Caritas Rosenheim. In einer von der Caritas betreuten Unterkunft habe es einen Verdachtsfall auf eine Infektion mit dem Coronavirus gegeben. Fünf Personen – auch die vier Mitbewohner – waren somit in einem Zimmer isoliert. Inzwischen ist das Testergebnis da: Negativ.

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Auch beid er Caritas ist der Personenverkehr eingestellt. Es wird nur noch per Telefon oder E-Mail kommuniziert. Das stellt die Berater der Caritas, Diakonie und des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) bei ihrer Arbeit vor neue Herausforderungen. Die engen Wohnverhältnisse und die hinzukommenden Ausgangsbeschränkungen hätten bislang aber noch zu keinen Problemen geführt. Damit das auch so bleibt, sei ein enger Kontakt zu den Menschen wichtig, so Melanie Bumberger.

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Berater halten wegen Corona-Pandemie per Messenger Kontakt 

Da keine Besuche möglich sind, hat die Caritasverband Rosenheim einen Messenger-Dienst eingerichtet. Darüber können die Flüchtlinge die Berater kontaktieren. Der Verband betreut im nördlichen Landkreis 26 Gemeinden und Teile der Stadt Rosenheim. Die Gegebenheiten der Flüchtlingsunterkünfte seien sehr unterschiedlich. Zum großen Teilen leben dort mehrere Personen auf engstem Raum.

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Viele Bewohner haben Vorerkrankungen und deshalb Angst vor dem Coronavirus

Die weltweiten Entwicklungen rund um das Coronavirus verunsichern viele Menschen in den Unterkünften. „Einige haben Vorerkrankungen und Angst, sich anzustecken“, so Bumberger. Viele Menschen informieren sich übers Internet, wo allerlei Falschmeldungen und Fake News kursieren. Da setzt auch die Arbeit der Berater an, um sichere Infos an die Menschen weiterzugeben.

Flüchtlinge fühlen sich an Ebola-Epidemie erinnert

Manche der aus Sierra Leone stammenden Flüchtlinge, erzählt Melanie Bumberger, hätten sich schon vor den Ausgangsbeschränkungen aus Angst vor dem Coronavirus zu Hause verschanzt. „Sie fühlen sich an die Ebola-Epidemie erinnert, die damals ganze Dörfer ausgelöscht hat.“ Aber Flüchtlinge aus anderen afrikanischen Ländern fürchten um ihre Angehörigen in der Heimat.

Küche und Bad werden auch während der Corona-Pandemie geteilt

„Viele haben Bedenken und Ängste vor einer Ansteckung in den gemeinschaftlich genutzten Räumen“, sagt Heike Schröter, Bereichsleiterin Migration und Flucht der Diakonie Rosenheim. Denn Küche und Bad müssen sich die Flüchtlinge mit mehreren Mitbewohnern teilen.

Aufgaben für die Kinder

Die Diakonie betreut Flüchtlingsunterkünfte in elf Gemeinden im Landkreis Rosenheim, im Stadtgebiet Rosenheim und in Kolbermoor. Einige der Betreuer der Diakonie berichten auch, dass Kinder, die aktuell nicht in die Schule gehen, Arbeitsaufgaben bekommen, bei denen ihnen die Eltern nicht helfen können, weil deren Deutschkenntnisse nicht ausreichen.

Flüchtlinge mit Jobs haben Angst vor Kündigungen

Aber auch zahlreiche Flüchtlinge, die sich in einem Arbeitsverhältnis oder in Ausbildung befinden, machen sich Sorgen. „Sie erhalten Kündigungen, wissen nicht, was Kurzarbeit bedeutet, welche finanziellen Folgen diese Situation für sie hat. Sie sind verunsichert, welche Anträge nun gestellt werden müssen und können diese häufig nicht alleine ausfüllen,“, berichtet Heike Schröter. Hier sei eine rein telefonische Beratung nicht immer ausreichend. „Wir bemühen wir uns alle sehr, um zu helfen“, so Heike Schröter.

„Erstaunlich ruhig und besonnen“

Das BRK ist unter anderem in den Gemeinden Flintsbach, Raubling und Brannenburg unterwegs. Trotz der engen Wohnsituation „erstaunlich ruhig und besonnen“, berichtet Marienda Abwalo, Flüchtlings- und Integrationsberaterin beim BRK-Kreisverband Rosenheim. „Die meisten Flüchtlinge haben gelernt, mit den schwierigsten Situationen umzugehen. Dies hat wahrscheinlich mit der Flucht zu tun. Viele haben gelernt, aufeinander aufzupassen“, sagt Abwalo.

Ein Mann hat Angst um seine drei Monate alte Tochter

Ein Klient habe bei ihr angerufen, weil er seinen Nachbar verdächtigt hatte, sich mit dem Virus infiziert zu haben. Auch andere sorgten sich und hielten es für ratsam, jenen Mitbewohner unverzüglich aus dem Container entfernen zu lassen. Ein weiterer Klient meldete, dass seine Nachbarn Besuch aus Österreich hatte, was er für verantwortungslos halte. Er hätte Angst um seine Familie – vor allem um seine drei Monate alte Tochter.

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Im Landkreis Rosenheim leben in 194 Unterkünften derzeit 1530 anerkannte Flüchtlinge sowie 1251 Asylbewerber, deren Aufenthaltsstatus noch nicht geklärt ist, beziehungsweise deren Asylantrag bereits abgelehnt wurde, sie sind ausreisepflichtig. In den 25 dezentralen Unterkünften in der Stadt Rosenheim leben derzeit 306 Menschen, in den zwei Gemeinschaftsunterkünften 197.

Was das Landratsamt plant, falls ein Corona-Fall in einem Flüchtlingsheim auftritt

Auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen teilte Landratsamtssprecher Michael Fischer mit, dass der Landkreis an vier Standorten Unterkünfte vorbereite, um im Ernstfall betroffene Menschen separat unterbringen zu können. Sofern Infizierte nur leichte Symptome haben und nicht ins Krankenhaus müssen.

Notunterkünfte für Obdachlose

Ebenfalls angespannt sei die Stimmung in den Notunterkünften für Obdachlose. Noch sei offiziell kein Coronafall gemeldet worden, sagt Susanne Podchul, Geschäftsbereichsleitung bei der Diakonie Rosenheim. Die Diakonie betreut in der Stadt Rosenheim vier Notunterkünfte und eine Herberge für Menschen ohne festen Wohnsitz. Im Stadtgebiet gibt es laut Auskunft der Stadt Rosenheim zehn Einzel- und Sammelunterkünfte und etwa 80 bekannte obdachlose Personen.

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