Nach anonymer Anzeige beim Landratsamt

Sie sollen ihre „Buachwoidhüttn“ abreißen: Clique aus Edling und Ramerberg ist entsetzt

Wollen weiter kämpfen: die Mitglieder der Buachwoidhüttn-Clique mit (oberster Reihe von links) Maxi Obergehrer, Jakob Schnetzer, Matthias Huber und Manuel Fischer, (mittlere Reihe von links) Luca Rivoir, Carina Hütter, Benedikt Gäch, Maximilian Reithmeier und Michael Fischer sowie (unten von links) Jonas Bodmaier, Elias Reithmeier und Kilian Bernhard.
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Wollen weiter kämpfen: die Mitglieder der Buachwoidhüttn-Clique mit (oberster Reihe von links) Maxi Obergehrer, Jakob Schnetzer, Matthias Huber und Manuel Fischer, (mittlere Reihe von links) Luca Rivoir, Carina Hütter, Benedikt Gäch, Maximilian Reithmeier und Michael Fischer sowie (unten von links) Jonas Bodmaier, Elias Reithmeier und Kilian Bernhard.
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
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Ein ganzes Jahr haben sie an ihrem Baumstammhaus gewerkelt, nun sollen sie es wieder abreißen: 14 junge Edlinger und Ramerberger können die Entscheidung des Landratsamtes Rosenheim, gefällt nach einer anonymen Anzeige, immer noch nicht fassen. Doch sie wollen weiterkämpfen – mit prominenter Hilfe.

Edling –„Buachwoidhüttn“ haben sie ihr Holzhaus getauft. Auf der Terrasse machen die 18- bis 20-Jährigen, 13 Männer und eine Frau, ihrer Verärgerung über die Abrissentscheidung Luft. Mit am Tisch und ebenso sauer: Edlings Bürgermeister Matthias Schnetzer. Ihm gehört der Grund, auf dem das Haus steht: das Areal von Schloss Hart. Seine Söhne gehören zu den „Bauherren“.

Ein Jahr lang auf dem „Bau“ geschuftet

Auch die Söhne des Ramerbergers Michael Reithmeier waren dabei. Der Vater hatte 2016 seine Werkstatt umgebaut und große Holzbalken übrig. Das Material war da, das Know-how für den Hüttenbau auch, denn viele der jungen Leute erlernen ein Handwerk: Unter ihnen sind angehende und schon fertige Zimmerer, Schreiner, Mechaniker, Metallbauer.

Selbst eingerichtet: der Hauptraum mit Bar.

Motiviert gingen sie Ende 2016 ans Werk: Fast jeden Tag wurde auf der Baustelle im Wald gearbeitet – nach der Schule, am Feierabend, am Wochenende. Jeder steckte auch sein Taschengeld in den Bau, „wir haben das komplett selbst finanziert“, sagt Maximilian Obergehrer (18) stolz.

„Buachwoidhüttn-Clique“ organisiert sich komplett autark

Anfangs verfolgten die Eltern das Engagement noch mit etwas Skepsis, erinnert sich Manuel Fischer (20). Bald jedoch waren die Eltern, die im Haus als Gäste immer willkommen sind, stolz auf die Leistungen ihrer Kinder. Diese wurden auch durch Spenden – etwa für das Dach und die Elektrik, für einen Feuerlöscher und einen Erste-Hilfe-Koffer – unterstützt.

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Die „Buachwoidhüttn-Clique“ organisiert sogar ihren „Haushalt“ selber: Es gibt ein eigenes Konto für Anschaffungen wie den Getränkeautomaten, sie zahlt brav den Strom, es gibt eine ungeschriebene Hausordnung und das ebenso ungeschriebene Gesetz, weder Lärm noch Müll zu produzieren.

2018 die erste anonyme Anzeige

.Alles lief gut“, sagt Grundeigentümer Schnetzer – bis Ende 2018: Damals gab es die erste – anonyme – Anzeige gegen den Edlinger Bürgermeister beim Landratsamt. Es folgte eine Baukontrolle, die Nutzung wurde untersagt. Schnetzer versuchte, den Bau im Außenbereich nachträglich zu legalisieren. Er stellte einen Bauantrag für einen landwirtschaftlichen Geräte- und Lagerschuppen an den Gemeinderat Edling, sagte ihm offen, warum es geht. Das Gremium befürwortete den Antrag einstimmig, das Landwirtschaftsamt lehnte den „Geräteschuppen“ jedoch als nicht notwendig für den landwirtschaftlichen Betrieb auf Schloss Hart ab.

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In den nächsten Jahren wurde die Hütte trotzdem geduldet, sagt Schnetzer. Vor sechs Wochen dann der zweite Schock: Erneut wurde er anonym angezeigt bei der Bauabteilung des Landratsamtes. Er suchte das Gespräch mit Landrat Otto Lederer. Doch es nützte nichts: Die Hütte ist, so Behördensprecher Michael Fischer auf Anfrage, ein Schwarzbau im Außenbereich.

Schnetzer: „Die Entscheidung ist moralisch gesehen falsch.“

„Klar, mir ist bewusst, dass ich mich in einer rechtlichen Grauzone befinde“, räumt Schnetzer ein. „Doch ich bin sehr enttäuscht vom Landratsamt. Die Entscheidung mag baujuristisch gesehen richtig sein, moralisch gesehen ist sie falsch.“

Muss abgerissen werden:. die Hütte nahe Schloss Hart.

Der Edlinger Bürgermeister, Parteifreund von Landrat Lederer, ist außerdem überzeugt: Macht das Beispiel des Hüttenabrisses auf seinem Grund Schule, müssen auch die vielen weiteren Holz- und Baumhäuser im Landkreis – allein in Edling gebe es drei weitere – verschwinden. Fast alle seien von jungen Leuten erbaut worden. „Wir sind doch alle froh, wenn die Jugend einen Platz hat, wo sie sich treffen kann und nicht an der Tanke rumhängt“, sagt Reithmeier. Unsummen würden oft in die Jugendarbeit gesteckt, dabei sei es meist ganz einfach, ihr gerecht zu werden, so Schnetzer. „Wir brauchen nur einen Platz, an dem wir uns treffen können und unter uns sind“, sagt Sohn Jakob.

Die jungen Leute fühlen sich entwurzelt

Die jungen Leute der „Buachwoidhüttn-Clique“, alle sozial engagiert in der Feuerwehr, beim Rettungsdienst, als Ministranten und bei den Schützen, fühlen sich nun entwurzelt. Die Abrissentscheidung ist in den Augen des Edlinger Bürgermeisters ein „fatales Signal“ und spiele der Politikverdrossenheit in die Hände. So sieht dies auch Nachbar Kurt Aubele: „Der Clique wird ihr ganzer Stolz genommen.“

Einladung an den Landrat

Der Abbau des auf Stelzen stehenden Häuschens mit etwa 25 Quadratmetern Nutzfläche hat mittlerweile begonnen. „Mir tut es im Herzen weh“, sagt Maxi Reithmeier. Statt voll freudiger Erwartung auf Treffen mit den Freunden und schöne Abende beim Kartenspielen geht es jetzt abends mit hängenden Schultern Richtung Buachwoidhütte, berichten seine Freunde. Hier möchte die Clique trotzdem noch einmal einen prominenten Gast empfangen: „Wir laden den Landrat auf ein Bier zu uns in die Hüttn ein, damit er sich selbst ein Bild machen kann. Wir müssen reden.“

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