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Charlotte Knobloch: "Nie wieder!"

Setzen sich ein gegen das Vergessen: der ehemalige Vorsitzende des Historischen Vereins, Rosenheims Ehrenbürger Dr. Michael Stöcker (links), Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer, Dr. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Historiker Professor Dr. Manfred Treml, die Leiterin des Stadtarchivs, Tina Buttenberg, und die Vorsitzende des Historischen Vereins, Christiane Hufnagl (von links).  Foto Duczek
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Setzen sich ein gegen das Vergessen: der ehemalige Vorsitzende des Historischen Vereins, Rosenheims Ehrenbürger Dr. Michael Stöcker (links), Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer, Dr. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Historiker Professor Dr. Manfred Treml, die Leiterin des Stadtarchivs, Tina Buttenberg, und die Vorsitzende des Historischen Vereins, Christiane Hufnagl (von links). Foto Duczek

Im März 1942 enden abrupt die Tagebucheintragungen von Elisabeth Block aus Niedernburg (Prutting). Ihre jüdische Familie wurde - nach Jahren der schleichenden Entrechtung - deportiert und ermordet. Das Schicksal der Familie hat 1993 Professor Dr. Manfred Treml mit Unterstützung von Dr. Peter Miesbeck im Rahmen der Quellenreihen des Historischen Vereins Rosenheim aufgearbeitet. Jetzt übergab Treml die sechs Tagebücher im Beisein der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. Charlotte Knobloch, an das Stadtarchiv Rosenheim.

Rosenheim - "Mit furchtbar schwerem Herzen trennten wir uns von unseren Mitschülern", schreibt die 15-jährige Elisabeth Block am 17. November 1938 in ihr Tagebuch, nachdem ihr und ihren beiden Geschwistern als Folge der Reichspogromnacht der Schulbesuch untersagt worden war. Diese Textstelle hatte auch Dr. Charlotte Knobloch, ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, für ihre Rede beim Festakt des Historischen Vereins im Rathaus ausgewählt. Denn mit dem Verbot des Schulbesuchs begann auch in der Familie Block die "fortschreitende Entrechtung". Das "langsame Abbröckeln der Freunde", "die Ächtung" und die Tatsache, "dass die Leute die Straßen wechseln": All dies hat auch die heute 80-jährige Charlotte Knobloch erlebt.

In den sechs Tagebüchern, die Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer und Stadtarchivleiterin Tina Buttenberg aus den Händen von Historiker Treml in Empfang nahmen, wird in den neun Jahren des Schreibens eindrucksvoll deutlich, "dass auch vor der ländlichen Idylle der mörderische Terror nicht halt machte", so Gabriele Bauer. Elisabeth Blocks Erzählungen über dörfliche Feste, über Ausflüge in die Berge und über Treffen mit ihren Freundinnen werden mit den Jahren durch Berichte ergänzt, die zunehmende Repressalien durchblicken lassen. Doch erst im September 1941 schreibt die 18-Jährige angesichts des Zwangs zum Tragen des gelben Judensterns erstmals offen von gefühlter "Gehässigkeit" und zu spürender "purer Bosheit". "Wie mag diese junge Frau gefühlt haben, als sie ahnte, welch Vernichtungswille dahinter steckte", brachte Christiane Hufnagl, Vorsitzende des Historischen Vereins Rosenheim, nach der Übergabe der Tagebücher die Frage auf den Punkt, die sich wohl alle 200 Gäste des Festaktes stellten.

Dass die Berichte von Elisabeth Block bis heute als Erinnerungszeichen an das dunkelste Kapitel der Geschichte im Landkreis erhalten geblieben sind, ist der Familie Bauer aus Zaisering zu verdanken. Die Schwiegermutter Margarete Bauers verwahrte die ihr kurz vor der Deportation von der Mutter von Elisabeth Block anvertrauten Tagebücher und weitere Dokumente 43 Jahre auf dem Dachboden. 1985 übergaben Paula, Margarete und Johann Bauer diese Unterlagen in Israel und London lebenden Verwandten der Familie Block, die sie Jahre später dem ehemaligen Vorsitzenden des Historischen Vereins Rosenheim, Treml, zur dokumentarischen Aufarbeitung überließen. Aus dieser Arbeit heraus entstand die mit dem Haus der Bayerischen Geschichte 1993 herausgegebene Publikation. Treml zeichnete in seiner Festrede auch den schweren Weg bis zur Veröffentlichung auf, denn Verlage zeigten kein Interesse. Zu privat erschienen ihnen die Tagebücher. Sie stellen, so unterstrich auch die Oberbürgermeisterin, kein politisches Manifest, sondern persönliche Erzählungen einer heranwachsenden jungen Frau dar, in deren heile Welt das mörderische SS-Regime einbrach. "Sie war eine von uns, wir haben sie alle gemocht", erinnerte sich Zeitzeugin Ruth Lentner, die ihr Poesiealbum mit einem Eintrag von Elisabeth Block zum Festakt mitgebracht hatte. Die 89-Jährige ging mit Elisabeth Block in die Städtische Hauswirtschafts- und Handelsschule Rosenheim, der heutigen Mädchenrealschule. Auf dem Schülerbogen von 1938 steht hinter dem Namen Block: "Ausgetreten! Jüdin!" - für Treml ein Beweis, wie der totalitäre Staat auch im Landkreis von Institutionen getragen wurde.

Das Schicksal von Opfern des Unrechtsregimes wie der jüdischen Familie Block stellt nach Meinung von Gabriele Bauer eine Verpflichtung bis heute dar: "Wir alle müssen alles Menschenmögliche dafür tun, um Extremismus, Fanatismus und Intoleranz für immer zu verhindern!" Aufklärung sei in diesem Zusammenhang ebenso wichtig wie die Bereitschaft, bei Bedarf mutig und entschieden zu handeln.

Dies forderte auch Charlotte Knobloch ein - nicht nur, weil sie ein wachsendes Desinteresse an der Erinnungsarbeit verspüre, sondern auch weil "Anfeindungen wieder erschreckend zunehmen". Antisemitismus werde wieder "salonfähig", warnte sie auch angesichts der Publikation von Günther Grass, dessen in der Karwoche veröffentlichte "Verbalattacke schlicht Volksverhetzung" darstelle und einem "modernen Antisemitismus" Tür und Tor geöffnet habe. Die Mordserie der NSU habe außerdem gezeigt, dass der Rechtsextremismus in Deutschland unterschätzt worden sei. Knobloch forderte auch einen neuen Vorstoß für ein NPD-Verbotsverfahren. Es sei inakzeptabel, dass eine Parteiorganisation die Plattform für die Unterwanderung freiheitlicher Werte darstellen könne. "Nie wieder!" lautete daher der flammende Appell der Festrednerin. An Pia Knerich und Florian Pachaly, Schüler des Ignaz-Günther-Gymnasiums, die aus den Tagebüchern vorlasen, gewandt, riet sie: "Lasst Euch von niemandem sagen, wen ihr zu lieben und zu hassen habt!" Die wohl treffendste Aussage, ein Zitat von William Faulkner, schrieb Charlotte Knobloch in das goldene Buch der Stadt Rosenheim: "Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen."

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