Brenner-Nordzulauf: Bürgerinitiativen fürchten, Bahn-Plan drängt Rosenheim ins Abseits

Argumente für den Bestand:Martin Vieregg (2. von links), mit Peter Margraf , Sepp Reisinger und Jürgen Benitz-Wildenberg , Weiser
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    vonMichael Weiser
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Gerät Rosenheim durch die Pläne der Bahn ins Abseits? Martin Vieregg, Gutachter der Bürgerinitiativen für den Ausbau der Bestandsstrecke, sagt ja. Die Bahn plane am Deutschlandtakt vorbei. Und verlege die Fernstrecke in weitem Bogen um die Stadt.

Rosenheim – Alle Wege führen nach Rom, zum Brenner-Nordzulauf aber führt definitiv noch keiner. Es ist aber auch kompliziert mit dem Eisenbahnzubringer zum Brenner Basistunnel.

Nicht weniger als ein halbes Dutzend Varianten oder Vorschläge gibt es, die kleineren lokalen Abweichungen noch gar nicht mitgerechnet. Und alle schlängeln sich durch oder zwischen Ortschaften hindurch, müssen Flüsse überqueren und Hügel überwinden und kommen irgendwann dem Straßenverkehr und dem Naturschutz ins Gehege.

Macht der Fernverkehr einen Bogen um die Stadt?

Vermutlich ist die Gemengelage ein Grund dafür, dass die Bürgerinitiativen gegen den Neubau der Bahnstrecken ein aus ihrer Sicht entscheidendes Argument erst jetzt prominent präsentieren: Das Ungemach, das der Stadt Rosenheim droht.

Die Bahn, so sagte es gestern Gutachter Martin Vieregg bei einer Pressekonferenz zu seiner Studie zu Gunsten der Bestandsstrecke in Rosenheim, plane am Deutschlandtakt vorbei. Demnach laufe Rosenheim Risiko, vom Fernverkehr abgehängt zu werden. „Die Varianten durch Rosenheim wurden vorschnell aussortiert“, sagt Vieregg im Mailkeller. Mit der Trassenentscheidung des ICE-gerechten Ausbaus über Mühldorf werde Rosenheim vom hochrangigen Ost-West-Verkehr abgehängt, erklärte er. „Nun droht die Abhängung auch im Nord-Süd-Verkehr.“ Auch der von Berlin forcierte Ost-Korridor für den Güterverkehr werde von Deutscher Bahn und ÖBB nicht berücksichtigt.

Gleiswirrwarr entwirren

Alle Grobtrassen der Bahn, sowohl die drei westlichen als auch die beiden östlichen Entwürfe, führen im weiten Bogen um die Stadt herum. Im Osten sei dazu ein gigantisches Brückenbauwerk über den Inn notwendig. Dabei sei es durchaus möglich, den bedeutenden Bahnknotenpunkt Rosenheim so weit zu modernisieren, dass man die Kapazität auf 396 Züge pro Tag schraube. Bislang kommt es oft zu Verzögerungen, weil Züge erst Gegenverkehr passieren lassen. In Zukunft könnten die Strecken – mit Hilfe von Tunnels und Unterführungen so gelegt werden – dass Fahrzeiten bedeutend verkürzt werden.

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Vieregg wie auch die Sprecher der Bürgerinitiativen bemühten sich um einen sachlichen Ton. Ohne genauer auf den Streit mit Großkarolinenfeld einzugehen – dort hatte man sich über Etikettenschwindel beim Begriff „Bestandsstrecke“ beklagt – versprachen die Vertreter der Bürgerinitiativen Info-Veranstaltungen. Auch betonte Vieregg auf Nachfrage der OVB-Heimatzeitungen, dass der Bahnhof nicht so weit entfernt liege wie kritisiert: Er könnte, quasi um 90 Grad hochkant gedreht im Osten gebaut werden, nur 300 Meter vom jetzigen Siedlungsrand entfernt. Vieregg verwies auf die Vorteile: Die Bahnlinie, die jetzt Großkaro zerschneide, sei dann außerhalb. Auch entfalle der von der Bahn geplante gigantische „Verknüpfungspunkt“ von bis zu 15 Metern Höhe.

Keine Freude bei der Bahn

Die Bahn kommentierte die Vieregg-Rössler-Studie gestern nicht. „Wir kennen die Planungen nicht“, sagte ein Sprecher. „Wenn wir sie kennen, werden wir sie fundiert prüfen.“ Nur so viel: Auch den Deutschlandtakt gebe es bislang lediglich als Entwurf.

Auf begeisterte Zustimmung dürfen Martin Vieregg und die unter dem Dach von „Brennerdialog“ versammelten Bürgerinitiativen nicht hoffen. Bereits den ersten Teil der Studie, der die Strecke von Kufstein bis vor Rosenheim betrachtete, fiel bei der Bahn durch. Dieses Konzept sei der „Weg in eine Sackgasse“, sagte im Sommer vergangenen Jahres Matthias Neumaier, DB-Gesamtprojektleiter Brenner-Nordzulauf. „So erreicht man nicht das große Ziel, deutlich mehr Kapazität für den Schienenverkehr der Zukunft zu schaffen.“

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