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Was den Unfall am Dienstag auf der A93 so gefährlich gemacht hat: Weiße Kügelchen

Entzündliche weiße Kügelchen aus einem Polymerstoff ergossen sich am Dienstag zwischen Oberaudorf und Kiefersfelden auf die A93. Für die Bergung mussten Spezialisten aus Ludwigshafen anrücken, die sich am heutigen Mittwoch ans Werk machen. Am Dienstag kam es zu Staus bis zu zehn Kilometern, auch heute ist mit Verkehrsbehinderungen zu rechnen.
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Entzündliche weiße Kügelchen aus einem Polymerstoff ergossen sich am Dienstag zwischen Oberaudorf und Kiefersfelden auf die A93. Für die Bergung mussten Spezialisten aus Ludwigshafen anrücken, die sich am heutigen Mittwoch ans Werk machen. Am Dienstag kam es zu Staus bis zu zehn Kilometern, auch heute ist mit Verkehrsbehinderungen zu rechnen.
  • Sylvia Hampel
    vonSylvia Hampel
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Sie sahen so harmlos aus, die weißen Kügelchen auf der A93 zwischen Oberaudorf und Kiefersfelden. Aber sie sind es nicht. Ihretwegen machte sich Dienstag gegen Mittag eine Gruppe Spezialisten in Ludwigshafen auf den Weg ins Inntal.

Kiefersfelden – Dort waren die Kügelchen nach einem Auffahrunfall aus einem Lkw gekullert. Der Fahrer eines slowakischen Gefahrguttransporters hatte den vor ihm fahrenden Lkw übersehen, wie Thomas Dorsch von der Verkehrspolizeiinspektion (VPI) Raubling mitteilte, und war nahezu ungebremst aufgefahren. „Beide Lkw-Fahrer waren wie durch ein Wunder unverletzt“, so Dorsch.

23 Tonnen entzündliche Kügelchen geladen

Problematisch an dem ganzen Einsatz war die Ladung des Slowaken: etwa 23 Tonnen kleine weiße Kügelchen. Aus einem Polymer, das unter anderem auch der Grundstoff für Styropor ist. Aber das Polymer war noch nicht ausreagiert, wie Kreisbrandrat Richard Schrank erklärte, es gaste aus und war entzündlich. „Eine elektrostatische Ladung wie nach dem Reiben mit einem Luftballon über die Haare reicht schon aus, dass sich der Stoff entzündet“, so der Kreisbrandrat.

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Im Einsatz befand sich zunächst ein Großaufgebot von etwa 60 Kräften von Rettungsdienst, der Feuerwehr Rosenheim und den Feuerwehren in den Gemeinden Kiefersfelden und Oberaudorf. Der Verkehr Richtung Kufstein lief nur einspurig an der Unfallstelle vorbei, so Dorsch, Dienstgruppenleiter bei der Verkehrspolizei.

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Und er tat das auch am Mittwoch noch lange. Denn nachdem klar war, um was es sich bei der Ladung handelt, versuchten der Gefahrguttrupp der Verkehrspolizeiinspektion und Richard Schrank, die Bergung der Ladung zu organisieren. „Wir haben in ganz Bayern herumtelefoniert, aber es gibt keine Firma, die die Ladung bergen und entsorgen kann“, so der Kreisbrandmeister.

Also wandte man sich an den Hersteller der Kügelchen, die Badischen Anilin- und Sodafabriken – besser bekannt als BASF – in Ludwigshafen. Dort machten sich entsprechend ausgebildete und ausgerüstete Mitarbeiter auf den Weg ins Inntal. Schrank erwartete sie am späten Dienstagabend.

Bis dahin wurde der havarierte Lkw vom THW und der Feuerwehr auf der rechten Fahrspur der A 93 gut eingepackt. Denn auf der Ladefläche standen 22 achteckige Kartonagen mit Spezialfolien, die – so befürchtete Schrank – vermutlich alle beschädigt sind. Damit nicht noch mehr Kügelchen aus dem Lkw entweichen und womöglich weggeweht werden, wurde der Lkw eingepackt. Aber so, dass das Gas der Kügelchen noch entweichen konnte. „Das tut es bei den aktuellen Temperaturen glücklicherweise nur sehr langsam“, so Schrank. Im Sommer entwiche mehr – und ab 60 Grad wird es brandgefährlich. Dann entzünden sich die Polymerkügelchen. Es wäre, so Schrank, ein schnelles, sehr energie reiches Feuer, aber keine Explosion.

Autobahnmeisterei undVPI bei Nachtwache

In der Nacht hielten laut Schrank die Autobahnmeisterei und die Verkehrspolizei Wache, dass nichts passiert, und sie leiteten den Verkehr auf der Inntal-Autobahn langsam auf der linken Spur an dem verunglückten Lkw vorbei.

Mittwochfrüh begannen dann die Spezialisten aus Ludwigshafen mit der Bergung, „das wird wohl sehr viel Handarbeit sein“, vermutete Schrank. Dementsprechend lange dauerten die Arbeiten an. Und dementsprechend lange wurde auch der Verkehr auf der Inntal-Autobahn in Richtung Süden massiv beeinträchtigt. Denn nach Kiefersfelden, Kufstein und weiter in den Süden ging es nur ganz vorsichtig und einspurig an einem Haufen weißer Kügelchen vorbei.

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