Spannende Forschung an Aiblinger Klinik: Hyperthermie könnte Borreliose-Kranken helfen  

Bei der Hyperthermie wird die Körpertemperatur des Patienten in einer Art Zelt auf 41,6 Grad erwärmt. Ein Arzt überwacht alle Werte, eine Intensivkrankenschwester steht pro Patient permanent bereit.
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Bei der Hyperthermie wird die Körpertemperatur des Patienten in einer Art Zelt auf 41,6 Grad erwärmt. Ein Arzt überwacht alle Werte, eine Intensivkrankenschwester steht pro Patient permanent bereit.
  • vonEva Langwieder
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Bringt eine Zufallsenteckung die Medizin im Kampf gegen Borreliose weiter? Zumindest scheint es so. 

Bad Aibling - In einem wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekt untersucht die Aiblinger St. Georg-Klinik derzeit die Auswirkungen der Hyperthermie auf die im Spätstadium bislang schwer erkenn- und behandelbare Krankheit Borreliose. Eigentlich wird diese Wärmebehandlung dort in der Krebstherapie angewendet. Doch soll die Hitze auch Borrelien abtöten.

Einige Krebs-Patienten aus den USA, die Klinikleiter Dr. Friedrich Douwes mit Hyperthermie in der Vergangenheit behandelte, hatten neben Tumoren auch die sogenannte Lyme-Erkrankung. "Sie hatten einen langen Leidensweg und langwierige Behandlungen mit Antibiotika hinter sich. Im Rahmen der Krebstherapie haben wir eher zufällig festgestellt, dass die Symptome der Borreliose nach der Ganzkörperhyperthermie verschwanden. Beim ersten Fall haben wir noch gar nicht reagiert. Doch als dies öfter vorkam, haben wir mit den Recherchen begonnen."

Zecken (hier ein Expemplar unter dem Raster-Elektronenmikroskop) übertragen die gefährlichen Erreger. Foto dpa

Damals, vor acht Jahren, habe er noch nicht gewusst, dass die Borrelien im Spätstadium, in der chronischen Phase, in den Zellen sitzen und deshalb von außen mit Antibiotika - im Gegensatz zum Anfangsstadium im Blutkreislauf oder später im Bindegewebe - so gut wie nicht mehr erreichbar sind.

Hingegen sind sie sehr thermolabil, das heißt, dass sie ab 39 Grad aufhören, sich zu bewegen. "Ab 40,6 Grad werfen sie laut einer schwedischen Studie die schützende Hülle ab und ab 41,6 Grad, genau der Temperatur bei der Ganzkörperhyperthermie, sind sie mausetot", so der Mediziner.

Nach den ersten Erfolgen begann er, gezielt nach Borreliose-Patienten zu suchen. "Die Diagnostik im späteren Stadium ist allerdings sehr schwierig. Denn die Borrelien können so gut wie jedes Krankheitsbild imitieren."

Etliche Betroffene wandten sich auch von sich aus an die Klinik. So, wie die 76- jährige Anna Hacker aus Isen. Die Borrelien-Infektion hatte die Frau nicht nur extrem müde und schlapp gemacht, Schmerzen kamen hinzu. "Ich konnte kaum noch gehen, dachte schon, ich brauche jetzt einen Rollator." Lange wusste sie nicht, worunter sie litt. Bis die Diagnose Borreliose kam.

Zweimal unterzog sich Anna Hacker daraufhin der Ganzkörperhyperthermie in Bad Aibling. Dabei liegt der Patient auf einer Liege, eingehüllt in eine Art Zelt. Während der Körper für 120 bis 180 Minuten auf 41,6 bis 41,8 Grad erwärmt wird sowie in den Stunden danach kümmert sich eine Intensivkrankenschwester nur um diesen einen Patienten, dessen Werte auch durch einen Arzt genauestens überwacht werden. Zu der Behandlung kommt laut Dr. Douwes auch ein Entgiftungs- und ganzheitliches Therapieprogramm.

"Von 8 bis 14 Uhr habe ich nur geschlafen. Danach war ich müde, bekam Infusionen, Antibiotika und Vitamin C", berichtet Anna Hacker von der ersten Behandlung. 14 Tage später folgte die zweite. "Danach ging es mir wesentlich besser. Ein halbes Jahr danach waren meine Werte alle wieder normal, die Beschwerden sind weg." Eine Patientin aus Australien wurde im vergangenen Jahr gar von einem Filmteam nach Bad Aibling begleitet. "Seitdem der Beitrag dort ausgestrahlt wurde, haben wir eine enorme Anfrage auch aus diesem Kontinent", so Dr. Douwes.

Derzeit beobachtet die Klinik ihm zufolge 180 behandelte Patienten und wertet die Daten nach sechs und nach zwölf Monaten aus. "Bisher wurde bei 90 Prozent eine Besserung erreicht: 60 Prozent sagen, dass es ihnen gut bis sehr gut geht, 30 Prozent befriedigend bis okay. Bisher wissen wir von niemandem, der einen Rückfall hatte", so Dr. Douwes.

Wissenschaftlich begleitet

Einige Krankenkassen zahlen die Therapie auf Antrag, erklärt der Mediziner. Er weiß, dass die Schulmedizin die Behandlungsmethode mit Skepsis betrachtet und auf fehlende Studien verweist. "In unserem Versuch lassen wir uns wissenschaftlich durch das Bezirkskrankenhaus Günzburg begleiten. Professor Dr. Karl Bechter übernimmt den neurologischen psychosomatischen Bereich, denn die Borrelien sitzen häufig im Hirn und werfen Gifte aus, was zu Veränderungen der Persönlichkeit führen kann. Auch der renommierte Grundlagenforscher Prof. Eberhard Weihe von der Universität Marburg wird sich beteiligen."

Dr. Douwes erinnert an Julius Wagner-Jauregg, der 1927 für die Behandlung Syphilis durch Herbeiführen von Fieber mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Dabei handle es sich um eine "Schwesterkrankheit der Borreliose, die im Übrigen auch durch sexuelle Kontakte übertragen werden kann", so der Aiblinger Klinikleiter.

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