Von wegen einsam: Das ist los beim Biwakieren und Sonnenaufgang auf dem Hochgern

Viele Wanderer sehen sich den Sonnenaufgang am Hochgern an.
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Viele Wanderer sehen sich den Sonnenaufgang am Hochgern an.
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
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„Spinnst du? Ganz allein?“ Das ist die Reaktion der Mutter unserer OVB-Reporterin, als diese erzählt, dass sie auf dem Berg im Freien übernachten möchte. Auf Instagram, Facebook und in anderen sozialen Medien ist es schon länger ein Trend. Und von „allein" kann kaum noch die Rede sein.

Marquartstein – Natürlich möchte ich das auch selbst ausprobieren, egal was die Mama sagt. Die Fotos im Netz sind einfach zu verführerisch. So ziehe ich an einem heißen Donnerstagabend los in Richtung Hochgern. Vorab habe ich mir die Erlaubnis der Bayerischen Staatsforsten geholt. Diesen gehört nämlich der Grund, auf dem ich übernachten möchte.

Berge aus Zuckerwatte

Auf meinem Rücken schleppe ich einen großen Rucksack mit dickem Schlafsack, aufblasbarer Isomatte, ein paar Liter Wasser und Wechselklamotten. Ächzend hetze ich den Berg rauf. Den Sonnenuntergang möchte ich nämlich schon noch mitnehmen.

OVB-Reporterin Heidi Geyer beim Biwak auf dem Hochgern.

Doch es hilft alles nix, ich bin einfach zu spät dran. Entschädigt werde ich dennoch: Die Loferer Steinberge sind in rosa Zuckerwatte-Wolken gehüllt. Es wird immer dunkler, die Stirnlampe ist irgendwo tief in meinem Rucksack und ich möchte nicht stoppen, und sie suchen.

Zustieg nach Sonnenuntergang

Das Mondlicht reicht aus, um den Weg zu finden. Leider auch dafür, dass ich eine dicke Kröte sehe, die den Weg quert. Nicht meine Lieblingstiere – hoffentlich sind die bloß nicht dort, wo ich übernachte. Und bitte auch kein Wolf, schließlich geistert so ein Tier derzeit durch die Region und reißt Schafe.

Ich versuche also, nicht weiter daran zu denken, sondern konzentriere mich auf den Weg. Ab und an bleibe ich doch stehen: Der Chiemsee schimmert im Mondlicht, der Horizont fluoresziert fast. Noch sieht man die Ausläufer des Sonnenlichts. So oft war ich schon auf dem Hochgern, habe von dort auf den Chiemsee geblickt. Und doch packt mich das Bild jedes Mal und ich kann mich kaum daran sattsehen. Diese Stimmung ist aber auch für mich etwas Neues.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, meine Fitnessuhr sagt zweieinhalb Stunden, bin ich schließlich angekommen. Dort entscheide ich mich für eine kleine Mulde am Gipfelkreuz, blase die Luftmatratze auf, ziehe mich um und lege mich in den kuscheligen Schlafsack.

Zum ersten Mal innehalten

Zum ersten Mal kann ich innehalten und werde mir bewusst, dass ich tatsächlich dort auf dem nackten Boden liege und nun ganz allein dort übernachten werde. Angst habe ich in dem Moment keine, noch nicht mal Beklemmung. Trotz Kröten, Wolf und Dunkelheit.

In einer kleinen Mulde unterhalb des Gipfelkreuzes hat OVB-Reporterin Heidi Geyer ihr Nachtlager aufgeschlagen.

Im Gegenteil: Selten habe ich so ein friedliches Gefühl gehabt. Das geht mir oft in den Bergen so, aber in der Einsamkeit des Gipfels und Ruhe der Nacht ist der Zauber noch einmal größer. Wie auf Kommando taucht auch noch ein Glühwürmchen direkt über meinem Kopf auf. Wenn das kein Zeichen ist! Zwar ist der Schlafsack außen klamm, aber ich fühle mich pudelwohl und versuche zu schlafen.

Der Sternenhimmel vertreibt die schlechten Gedanken

Mein seliges Dösen wird eine Viertelstunde später jäh gestört. Eine Stirnlampe blendet mich plötzlich, ich vermute, dass es ein Jäger ist. Ein junger Mann geht an mir vorbei, statt Gewehr trägt er auch einen großen Rucksack auf dem Rücken. Wir reden kurz und er erzählt, dass er auch biwakieren wird.

Schnell weg mit ihm, denke ich. Ohnehin wählt er einen anderen Platz und ich schiebe den Gedanken, dass da noch jemand ist, einfach fort und konzentriere mich auf den Sternenhimmel. Diese Nacht lasse ich mir nicht verderben. Gegen halb drei werde ich kurz wach. Inzwischen ist es richtig dunkel. Mir bleibt der Mund offen stehen, weil ich so viele Sternschnuppen am Himmel sehe.

Am frühen Morgen wird mein Schlaf dann aber erneut jäh gestört. Ein Hund läuft an mir vorbei, eine Gruppe Mädels unterhält sich und macht Brotzeit. Sie sind nicht die Einzigen, die sich den Sonnenaufgang auf dem Gipfel des Hochgerns ansehen wollen. Schlussendlich rennen knapp 20 Menschen am Gipfel umher, zum Teil mit Stativ, um den besten Platz für Fotos auszukundschaften.

Nicht alleine auf dem Gipfel

Am liebsten möchte ich mich wegbeamen. Das hat rein gar nichts mit dem einsamen und friedlichen Bergerlebnis zu tun, das ich so liebe. Und es kommt noch besser: Ich erfahre, dass außer mir und dem nächtlichen Wanderer noch drei weitere Menschen am Hochgerngipfel biwakiert haben. Wenn auch ein Stück von mir entfernt, auf der Grasfläche vor der kleinen Kapelle. Ich frage mich, welche Massen dort wohl erst an den Wochenenden übernachten.

Hashtag mit vielen Treffern

Wie gut, dass ich sie nachts nicht bemerkt habe. Trotzdem fühle ich mich irgendwie meines Erlebnisses beraubt. Ich warte noch kurz, bis die Sonne aufgeht, mache selbst noch ein paar Aufnahmen für den Instagramkanal „OVB_Heimatzeitungen.“ Dann gehe ich auf einem weniger bekannten Steig ins Tal, um wenigstens dort noch meine Ruhe zu haben.

Der Chiemsee und die Becken der Kendlmühlfilzn schimmern kurz nach Sonnenuntergang.

Zuhause entdecke ich unter dem hashtag #hochgern eine Menge Fotos meiner Mistreiter am Gipfel. So gesehen war die Sorge meiner Mutter vollkommen unbegründet: Denn ganz offensichtlich war ich am Gipfel alles andere als alleine.

Übernachten in den Bergen: Was ist erlaubt und was ist verboten?

Nach Auskunft des Deutschen Alpenvereins (DAV) ist Übernachten in der Natur nur dann erlaubt, wenn der Grundbesitzer zustimmt. Andernfalls handelt es sich um eine Ordnungswidrigkeit. Ob man in einem Zelt schläft oder tatsächlich im Freien, ist rechtlich egal. Tatsächlich wird dies aber laut DAV sehr selten kontrolliert. Am Allgäuer Schrecksee wurde allerdings so viel gezeltet und biwakiert, dass die Polizei verstärkt kontrollierte und auch Bußgelder verhängte.

Eine Ausnahme bildet lediglich das Notbiwak. Sollte eine Rückkehr ins Tal nicht mehr möglich sein, zum Beispiel wegen schlechten Wetters oder einer Verletzung, spricht man von einem Notbiwak. Wie der Name bereits andeutet, kann ein Notbiwak nicht geplant werden. Vollkommen tabu ist das Übernachten im Freien (außer im Notfall) in Naturschutzgebieten, Nationalparks oder Biosphärenreservaten. Ausnahmen bilden sogenannte Trekkingplätze, die man in erster Linie in Mittelgebirgen findet und die gekennzeichnet sind. Dort ist eine Übernachtung in der Natur legal.

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