„Gespür für Natur und für Landschaft“

Beraten und vermitteln: Wie Rosenheims Biodiversitätsbeauftragter die Umwelt retten will

„Muss es immer der Mähroboter sein, oder lassen wir da mal Wiese stehn?“ Jonas Garschhammer in seiem Element - draußen. Foto: privat
+
„Muss es immer der Mähroboter sein, oder lassen wir da mal Wiese stehn?“ Jonas Garschhammer in seiem Element - draußen. Foto: privat
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
    schließen

Rosenheim – Jonas Garschhammer (31) verdankt seine Stelle dem Versöhnungsgesetz - er ist Beauftragter für Artenvielfalt am Landratsamt. Über das Politische an seinem Job, Streit zwischen Stadt und Land, über die Gefahr auch des Freizeitzirkus für die Umwelt sprachen mit ihm die OVB-Heimatzeitungen.

Was kann Ottilie Normalverbraucherin für die Artenvielfalt tun?

Jonas Garschhammer: Grundsätzlich geht es um ein Gespür für Natur und für Landschaft, und das fängt vor der eigenen Haustür an. Etwa mit der Frage, braucht’s da einen Mähroboter, oder lässt man nicht vielleicht auch mal ein bisserl Wiese stehn? Muss man einen Hund im Schutzgebiet frei laufen lassen? Oder mit dem Radl durchs Moor fahren? Man kann sich doch einfach auch zurücknehmen. Wichtig ist auch unser Einkaufsverhalten. Dass man nicht immer nur des Billigste nimmt, dass man auch auf regionale Produkte achtet. Unser Konsumverhalten und die Landwirtschaft hängen zusammen. Es hilft nichts zu jammern und zu schimpfen, dass die Bauern doch mal die Blumenwiese stehen lassen sollen. Man kann auch aktiv das seine beitragen und vielleicht auch mal einen höheren Preis für regionale Produkte zahlen.

Lesen Sie auch:

Was Rosenheim für die Artenvielfalt tun will

Welches Naturschutzgebiet ist Ihr liebstes?

Garschhammer: Meine Großeltern haben in Sachrang gelebt, von daher ist der Geigelstein mein Hausberg – der Blumenberg. Aber da gibt es viele Gebiete. Ich bin in Vogtareuth aufgewachsen und damit natürlich auch in den Inn-Auen, für mich damals ein ganz toller Abenteuer-Spielplatz.

Welche Rolle spielen Biotope und Naturschutzgebiete für die Artenvielfalt? Können die es allein richten?

Garschhammer: Ich denke, dass wir die Artenvielfalt in der gesamten Landschaft erhalten müssen, da müssen auch alle ihren Beitrag leisten. Das schließt die Hausgärten ein, aber auch die Agrarlandschaft. Man muss aber auch sagen, dass unsere Naturschutzgebiete und Biotope die wertvollsten Refugien sind, wo die Artenvielfalt am größten ist und damit unsere Verantwortung. Aber – mit einem Schutzgebiet allein ist es nicht getan. Das ist gemeinhin so eine Vorstellung, da ist ein drei Meter hoher Zaun, und dahinter ist alles in Ordnung und gut.

Lesen Sie auch:Der Klimawandel kommt - und bringt die Region zum Schwitzen

Vor welchen Herausforderungen steht die Region?

Garschhammer: Es gibt viele Faktoren als Ursachen für den Verlust von Arten. Und da ist der Landkreis Rosenheim nicht auszunehmen. Was hier eine Besonderheit ist, das ist die Lage im Voralpenland, die besonders charakteristisch und schön ist. Wir haben eine besondere Verantwortung, weil wie eine hohe Artenvielfalt mit vielen besonderen Arten haben, allein schon in den Mooren und Seen.

Lesen Sie nach:

Das ist das bayerische Versöhnungsgesetz

Wie gefährlich ist der Freizeit-Ansturm auf die Berge?

Garschhammer: Das muss man gar nicht nur auf die Alpen beziehen. Das gilt allgemein für viele Schutzgebiete, das sagen mir auch viele Jäger und Naturschutzwächter. Der Freizeitdruck erhöht sich. Das ist nachvollziehbar und verständlich. In unserer schönen Landschaft hält man sich gerne auf. Schwierig wird es dann, wenn man in Naturschutzgebieten beispielsweise nicht auf den Wegen bleibt und noch die letzten weißen Flecken auf den Karten entdecken möchte. Viele Arten sind stark störungsanfällig.

Die Leute in den Städten haben eine genaue Vorstellung davon, was die Bauern tun sollten, die Bauern wiederum finden die Städter manchmal ganz schön ignorant. Wie wohl fühlen Sie sich in diesem Spannungsfeld?

Garschhammer: Es ist schon eine sehr politische Stelle, weil sie aus diesem Volksbegehren und dem anschließenden Versöhnungsgesetz der Staatsregierung entstanden ist. Es geht bei dieser Stelle ums Vermitteln. Ich seh den Konflikt gar nicht so zugespitzt. Es gab auch viel Unterstützung aus ländlichen Gemeinden für das Volksbegehren. Was ich beobachte ist, dass das Verständnis für Natur und Landschaft abnimmt, aber da würde ich niemanden ausnehmen. Es gibt schon vereinzelt Landwirte, die nicht mehr wissen, was auf ihren Wiesen wächst. Auf der anderen Seite hat mir ein Landwirt erzählt, wie sich ein Spaziergänger bei ihm darüber beschwert, dass er die Blumenwiese abmäht. Aber gerade die Mahd ist der Grund dafür, dass die Blumenwiese überhaupt entsteht.

Viel Unverständnis auf beiden Seiten...

Garschhammer: Man darf da auch nicht blauäugig sein. Wiesen und Äcker sind auch Produktionsflächen, mit der man auch Geld verdienen muss. Auf der anderen Seite darf man fragen, muss man auch noch den letzten Quadratmeter in dem Maße nutzen? Es gibt ganz schöne Projekte...

Zum Beispiel?

Garschhammer: In Soyen, da gibt es eine Filzn, also ein Moorgebiet, dass entwässert wird. Ich bin gerade in Gesprächen mit den Eigentümern, um dort ins Vertragsnaturschutzprogramm zu gehen. Ich möchte drauf hinwirken, dass dort weniger intensiv gewirtschaftet wird und der Wasserstand nicht mehr so stark absinkt. Die Erschwernisse und Produktionsausfälle, die der Landwirt hat, die wollen wir durch Förderprogramme kompensieren. 

 

Wolf und Landwirtschaft – muss das ein Widerspruch sein?

Garschhammer: Es ist ein Erfolg, dass Arten, die bei uns schon ausgestorben waren, heute wieder vorkommen. Auf der anderen Seite haben wir auch verlernt, als Gesellschaft, mit solchen Tierarten umzugehen. Das Auftreten dieser Arten stellt uns vor große Herausforderungen, weil die auch einen Schaden verursachen können. Es bedarf da eines überlegten Wildtiermanagements. Ich persönlich finde es schade, wie schnell man sich auf den Wolf konzentriert hat. Unsere Artenvielfalt ist größer, und wir haben das Problem, das Dutzende von Arten kurz vorm Aussterben stehen – so wie die Hochmoorschmetterlinge bei uns.

Kommentare