Tod beim Turnier: Augenzeugen schildern vor Gericht dramatische Minuten in der JVA Bernau

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Die JVA Bernau.

Am Rande eines Sportturniers in der JVA Bernau waren im August 2019 zwei Häftlinge aneinandergeraten. Bei den Handgreiflichkeiten kam ein 30-jähriger Kroate ums Leben. Vor dem Traunsteiner Schwurgericht schilderten nun Mitinhaftierte die dramatischen Minuten.

Von Monika Kretzmer-Diepold

Traunstein/Bernau – Am Rand eines Volleyballturniers auf dem Sportplatz der Justizvollzugsanstalt Bernau verstarb ein 30-jähriger Häftling an den Folgen schwerster Kopfverletzungen. Ein 49-jähriger Mitgefangener soll für den Tod des Kroaten verantwortlich sein (wir berichteten). Vor dem Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs kamen gestern mehrere Zeugen zu Wort, unter ihnen ein Mitgefangener, der versucht hatte, das lebensgefährlich verletzte Opfer wiederzubeleben.

Der als Totschlag von Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner angeklagten Tat waren wochenlange Streitereien und gegenseitige Beleidigungen zwischen dem Angeklagten und dem Kroaten vorausgegangen. Die Situation eskalierte am 15. August 2019.

Aussagen decken sich weitgehend

Die Aussagen der Zeugen deckten sich weitgehend. Der kniende 30-Jährige band sich demnach die Schnürsenkel zu, als der 49-Jährige gegen 13.20 Uhr auf ihn zustürmte. Der Kroate soll laut Zeugen den ersten Faustschlag gesetzt haben, später dann aber zu Boden gegangen sein. Durch einen Tritt von oben ins Gesicht schlug der vorher leicht erhobene Kopf des Opfers auf den Asphaltboden auf. Der Kroate verlor das Bewusstsein. Der 49-Jährige soll sich in Siegerpose gestellt und dann entfernt haben.

Mehrere aktuelle oder damalige Häftlinge wussten von Streitigkeiten zwischen Täter und Opfer. Einige informierten über Drogengeschäfte des – mehrfach wegen Betäubungsmitteldelikten vorbestraften – Bulgaren in der JVA Bernau. Ein Häftling rief damals einen Beamten und kümmerte sich um den schwerverletzten Kroaten am Boden.

„Sein Puls wurde immer weniger“

Der Zeuge dazu: „Sein Puls wurde immer weniger. Bis Hilfe kam, hat es etwa zwölf Minuten gedauert. Der Mann war schon blau. Ein Beamter wies an, ihn wieder zu beleben. Ich hab das Opfer beatmet, ein Mitgefangener hat Herz-Druck-Massage gemacht. Der Puls ging immer weiter runter. Bis die Sanitäter kamen, hat es fast 25 Minuten gedauert. Ich habe später Anzeige erstattet. Sie wurde fallengelassen. Wenn der Rettungswagen früher gekommen wäre, hätte der Mann vielleicht überlebt.“ Der Zeuge informierte, diese Bilder von damals kämen ihm immer wieder hoch.

Angeklagter unter „erheblichem Drogeneinfluss“?

Die Verteidiger, Dr. Adam Ahmed und Dr. Timo Westermann aus München, stellten einen erheblichen Drogeneinfluss ihres Mandanten in den Raum. Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee, gelangte hingegen weder zu einem Suchtmitteleinfluss noch zu einer erheblichen schuldmindernden psychischen Beeinträchtigung des Angeklagten zur Tatzeit. Für eine Unterbringung zum Entzug fehle es an den Voraussetzungen. Eine „Hangtat“ sei zu verneinen.

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Dr. Gerl ging auf verschiedene Substanzen und ihre Wirkung ein, die der 49-Jährige angeblich in der JVA konsumiert hatte. In den Haaren und im Blut seien lediglich Substanzen nachgewiesen worden, die einen Suchtdruck unterdrücken oder beruhigend wirken könnten, hob der Sachverständige heraus.

Damit gaben sich die Verteidiger nicht zufrieden. Auf Nachfragen der Prozessbeteiligten zählte der 49-Jährige eine Litanei an Betäubungsmitteln und anderen Substanzen auf, darunter Kokain und Spice, die er „jeden Tag“ genommen habe. Warum das Haargutachten keine oder nur minimale Spuren ergeben habe, könne er nicht begreifen, behauptete der Angeklagte.

Angeklagter bricht sein Schweigen

Erstmals in dem Prozess machte der bis dahin schweigende 49-Jährige daraufhin Angaben zum Inhalt der Anklage. Er sagte, er habe „schlagen müssen“, weil der andere ihn geschlagen habe. Und weiter: „Glauben Sie, ich fange fünf Tage vor der Entlassung aus dem Gefängnis eine Schlägerei an?“ Er wolle sich bei der Mutter des Verstorbenen entschuldigen: „Ich habe das nicht gewollt.“

Plädoyers und Urteil werden am 1. Juli erwartet.

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