Beim Fleischkauf Hirn einschalten

Augen auf beim Fleischkauf: Wo das Produkt herkommt, lesen die Kunden der Metzgerei Maurer in Wasserburg täglich auf dem Display der Kasse. Duczek
+
Augen auf beim Fleischkauf: Wo das Produkt herkommt, lesen die Kunden der Metzgerei Maurer in Wasserburg täglich auf dem Display der Kasse. Duczek

Rosenheim/Landkreis – Wertvolle Verbraucher-Info oder billiger Etikettenschwindel? Supermarktkunden sollen Schweinefleisch aus besserer Tierhaltung ab 2020 an einem neuen staatlichen Logo erkennen können.

Die Fachwelt in der Region hält vom neuen „Tierwohlkennzeichen“ nicht viel – und würde sich statt einer Erweiterung des Siegel-Dschungels um ein weiteres Logo lieber eine grundsätzliche Kampagne wünschen. Denn der Kunde könne beim Fleischkauf schon jetzt, auch ohne Tierwohl-Logo, König sein und sich Qualität aus bester Tierhaltung ins Einkaufstascherl legen.

Hubert Lohberger, Obermeister der Rosenheimer Metzgerinnung, bringt es so auf den Punkt: Ein bisserl Zeit nehmen, gesunden Menschenverstand einschalten und fragen, woher das Fleisch kommt. „Wenn der Metzger oder die Verkäuferin hinter der Wursttheke dann nicht rot werden und eine schnelle Antwort parat haben, kann man das Fleisch guten Gewissens kaufen“, sagt Lohberger.

Bei Billigfleisch aus Massentierhaltung hört sich bei Rudolf Finsterwalder der Spass auf. „Da wäre ich Vegetarier“, sagt der Architekt, der vor Jahren in Stephanskirchen die Simsseer Weidefleisch, eine Verbrauchergenossenschaft, gegründet hat. Motto: „Liaba hoib so vui, aber dreimoi so guad.“

Die Fleisch- und Wurstwaren der Simsseer Genossenschaft stammen aus der Produktion der eigenen Warmfleischmetzgerei, bei der die Tiere direkt nach der Schlachtung im noch warmen Zustand verarbeitet werden. Die rund 40 Zulieferer der Genossenschaft sind alle in einem Umkreis von 30 Kilometer daheim. „Die Tiere hatten ein artgerechtes Leben und einen würdevollen Übergang in den Tod“, so Finsterwalder.

Bei so einem Projekt geht es nicht nur ums Geld. Es ist auch eine Kampfansage an die Massentierhaltung. Umso vernichtender ist Finsterwalders Urteil über das Tierwohlkennzeichen, das bald kommen soll: „Indiskutabel und reine Augenwischerei“ sei das Logo.

Warum? Unter anderem, weil es für die erste Labelstufe schon reicht, wenn die Schweine 0,9 Quadratmeter Platz im Stall haben (0,75) und bis zu acht Stunden lang zum Schlachthof tranportiert werden dürfen. Finsterwalder: „Was hat das mit Tierwohl zu tun, wenn Billigschweine weiter auf engstem Raum zusammengepfercht und dann quer durch Europa gekarrt werden?“

So ist für viele Erzeuger in der Region die Zeit reif für einen grundsätzlichen Sinneswandel – selbst bei kleinem Geldbeutel. Deutschland gilt auch bei der Ernährung als Land der Spar-Weltmeister. „In Österreich oder der Schweiz sind die Fleisch- und Lebensmittelpreise deutlich höher“, sagt Lohberger. „Unser Automotor bekommt nur das beste Öl – aber die eigene Maschine füttern wir mit Billigfleisch“, ergänzt Finsterwalder.

In der Metzgerei Maurer in Wasserburg müssen die Kunden weder nach der Herkunft fragen noch ein Logo entziffern. Sie können es vom Schriftzug ablesen, der ständig über das Kassen-Display läuft. „Bei unrealistischen Tiefstpreisen sollten die Kunden wissen, dass etwas faul sein muss“, erklärt Inhaber Thomas Maurer, der sein Fleisch von einem Landwirt bei Schnaitsee bezieht. Dort bleiben die Tiere bis zum Ende auf dem Hof, der Landwirt schlachtet nur auf Bestellung.

Dass sie Qualitäts- und Preisbewusstsein gut unter einen Hut bringen, zeigen zahlreiche Lohberger-Kunden in Rosenheim: Sie lassen sich eine halbe Sau zerlegen, machen mit den Stücke die Gefriertruhe voll – „und kommen damit sehr günstig weg“.

Kaum ein Thema ist das Tierwohl-Logo auch in den Prechtl-Märkten in Raubling, Bad Aibling, Brannenburg und Bad Feilnbach. Dort setzt man vorwiegend auf Frischware aus der Region. „Weil unsere Kunden das schätzen. Und weil wir das auch bewusst steuern. Wo kein Angebot ist, gibt es auch keine Nachfrage“, sagt Inhaber Andreas Prechtl.

Regionalität, das definieren die vier Prechtl-Märkte mit einem Radius von 40 Kilometern. Manche Zulieferer sind in Tirol daheim und sorgen mit ihren Produkten für eine spezielle Note im Sortiment. Abgepacktes Fleisch im Selbstbedienungsbereich führt man laut Prechtl so gut wie gar nicht im Sortiment – „nicht einmal während der Grillsaison“. Auch die Vermeidung von Plastikmüll sei dabei ein Faktor.

Die Einführung des Tierwohlkennzeichens hält er für einen kleinen Schritt in die richtige Richtung. Besser wäre es aus seiner Sicht aber gewesen, die mindestgesetzlichen Anforderungen in Sachen Tierwohl für alle verpflichtend anzuheben. Prechtl: „Damit hat man die Gelegenheit verschenkt, eine nachhaltige Verbesserung zu erreichen.“

Ähnlich sieht es Josef Bodmaier, Vorsitzender des Rosenheimer Bauernverbandes: „Das Logo könnte zu mehr Transparenz führen, wenn sich das Siegel mit einem soliden Kontrollsystem von der allgemeinen Labelvielfalt abhebt.“ Bodmaier verweist auf Spanien, das derzeit mit Billigfleisch, produziert in großen Einheiten, auf zweistellige Zuwachsraten kommt. Mit Tierschutz und höheren Qualitätsstandards sei die zunehmende Massentierhaltung dort nur schwer in Einklang zu bringen.

Der Raum Rosenheim ist mit über 1500 mittelständischen Betrieben eine Milchviehhochburg. Bodmaier glaubt, dass das Siegel – nach dem Schwein – bald auch für Rindfleisch kommt. Die Konkurrenz durch Großbetriebe müssen die heimischen Landwirte nicht scheuen: „Sie liefern beste Qualität – und die Preisschwankungen halten Familienbetriebe leichter aus als die ganz Großen.“ Und wenn die Menschen in der Region Produkte aus der Region kaufen, ist eh alles in Butter.

Kommentare