Bayerns Jugendherbergen vor dem Aus? Coronakrise trifft Unterkünfte in der Region

Leerstand in der Jugendherberge am Sudelfeld. Aber auch Jugendbildungshäuser und Schullandheimen in der Region beherbergen derzeit keine Gäste, weil Gruppenreisen und Klassenfahrten abgesagt worden. Jugendherberge Sudelfeld
  • vonTina Blum
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Die Corona-Pandemie trifft auch Jugendherbergen und Schullandheime hart. Weil zahlreiche Schulen ihre Klassenfahrten bis zu den Sommerferien abgesagt haben, stehen viele Unterkünfte in der Region vor dem Aus. Nicht alle können eine Soforthilfe beantragen.

Bayrischzell/Mühldorf/Landkreis Rosenheim – Wenn eine Klassenfahrt in der Schule ansteht, der Sportverein ins Trainingslager aufbricht, dann sind Jugendherbergen die erste Wahl. Auch Familien, die einen Kurzurlaub in Bayern planen, steigen gerne in einer Jugendherberge statt in einem Hotel ab. Doch aufgrund der Corona-Pandemie sind seit 16. März alle Herbergen in Bayern geschlossen. Kein Sportverein, keine Schule. Schon zu Beginn des Monats sanken die Umsatzzahlen, wie das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH) berichtet, bis sie auf einen Schlag bei Null angekommen waren.

Ohne Hilfe ist Ende Mai Schluss

„Wenn wir keine staatliche Unterstützung oder keinen Kredit von der Landesregierung gewährt bekommen, dann stehen die Jugendherbergen vor dem endgültigen Aus“, sagt Winfried Nesensohn. Vorstandsmitglied des DJH-Landesverband Bayern.

Deswegen hat das Deutsche Jugendherbergswerk einen Brandbrief an den Bayerischen Landtag sowie an Bürgermeister, Landräte und bayerische Bundestagsabgeordneteaus der Region verschickt. Ein „Schutzschirm“ für das DJH als gemeinnützige Organisation wird als letzte Rettung gefordert. Sonst werden die 42 Jugendherbergen, die dem Verband angehören, schließen müssen. Und rund 600 Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren.

Auf die Soforthilfe der bayerischen Staatsregierung hat der DJH-Landesverband keinen Anspruch. Dieser gilt nur für gewerbliche Unternehmen mit bis zu 250 Angestellten. Das DJH beschäftigt circa 600 Mitarbeiter, die nun allesamt um ihre Jobs bangen. Fast alle seien derzeit in Kurzarbeit.

Keine Rücklagen beim Deutschen Jugendherbergswerk

Noch gibt es keine Lösung für das DJH als gemeinnützige Organisation. „Aber die Kommunalpolitik ist aufgeschreckt und wendet sich an das Sozial- und das Wirtschaftsministerium“, berichtet Nesensohn. Er hoffe jedoch auf eine baldige Lösung. Als gemeinnützige Organisation wirtschafte das DJH nicht auf Gewinn und verfüge über keine Rücklagen. Die Einnahmen werden direkt wieder reinvestiert. Zum Beispiel in Renovierungen oder die Modernisierung der Häuser.

Klassenfahrten bis zu den Sommerferien abgesagt

Wo um diese Zeit reger Trubel angesagt wäre, herrscht jetzt gähnende Leere. Für Gewöhlich würden zahlreiche Schüler die Jugendherberge am Sudelfeld in Bayrischzell in Beschlag nehmen, jetzt sind alle Betten unberührt. „Wir mussten unsere Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, was sehr bitter ist, weil wir in diesem Jahr sehr viele Buchungen hatten“, sagt Herbergsleiterin Angie Sebrich.

Die Jugendherberge a Sudelfeld gehört zum DJH-Landesverband. Angie Sebrich und ihr Mann Mike arbeiten beide nur noch circa zwei Stunden täglich. „Aktuell arbeiten wir nur Stornierungen ab, Lüften und halten die Herberge instand“, sagt Angie Sebrich.

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Die Herbergsleiter am Sudelfeld hoffen auf eine baldige Hilfe, denn schließlich hingen viele Arbeitsplätze daran. „Das Hauptproblem ist, dass die Klassenfahrten wegfallen.“ Aber auch andere Jugendgruppen und Familien hätten bereits storniert. Fixkosten wie Strom und andere Gebühren laufen aber weiter. Im Schnitt hat die Jugendherberge 14.000 Übernachtungen pro Jahr.

Mitarbeiter der Jugendherberge Mühldorf anderweitig beschäftigt

Insgesamt gibt es 58 Jugendherbergen im Freistaat. Welche nicht dem DJH angehören, werden von öffentlichen Trägern wie den Kommunen finanziert. Dazu gehört auch die Herberge in Mühldorf. Die Stadt Mühldorf teilte auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen mit, dass die Mitarbeiter der Jugendherberge bei der Stadtverwaltung angestellt sind.

Somit sind diese nicht in Kurzarbeit, sondern arbeiten im Schichtbetrieb und kümmern sich um die Außenarbeiten rund um das Gebäude. „Zudem unterstützen sie unsere städtische Aktion ‚Mühldorf hilft‘. Hier werden Einkaufsfahrten für Senioren und Risikopatienten organisiert und durchgeführt“, heißt es von Seiten der Stadt Mühldorf.

Neue Konzepte für die Zeit nach Corona

Der wirtschaftliche Schaden sei bereits jetzt enorm, da bis Schuljahresende Gruppen abgesagt hätten. Eine Schließung der Herberge drohe jedoch nicht. Das Team rund um Herbergsleiterleiter Engelbert Wiesböck und seine Frau Tanja arbeite derzeit an der Entwicklung neuer Familien- und Schulprogramme – für die Zeit nach Corona.

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Neben den Jugendherbergen trifft der Wegfall der Klassenfahrten und Jugendgruppenfahrten auch Schullandheime und Jugendbildungsstätten, die privat finanziert werden oder öffentlichen Trägern angehören. So auch das Schullandheim Schauerhaus in Oberaudorf. Dort kam es in der aktuellen Situation ebenfalls zu einem Totalausfall.

Die gute Nachricht: „Für die erste Jahreshälfte sind wir abgesichert“, sagt Herbert Borrmann, Vorsitzender des Schullandheimvereins Rosenheim. Der Verein ist der Betreiber des Schullandheims. Zwar versuche man, über verschiedene Kanäle Spenden und Gelder zu beschaffen, es seien jedoch noch ausreichend Rücklagen vorhanden, so Borrmann. „Wir brauchen noch eine langfristige Lösung. Denn selbst wenn die Schule wieder losgeht, vermute ich, dass die Schulen den Unterrichtsstoff nachholen und keine Fahrten im Herbst planen werden.“

Private Pächter in Kurzarbeit

Das Schauerhaus in Oberaudorf ist an Privatleute verpachtet. Die Pächter sowie deren zehn Mitarbeiter seien derzeit in Kurzarbeit, berichtet Borrmann. Als Selbstständige konnten sie die Soforthilfe der Staatsregierung beantragen. Auch das Bayerische Schullandheimwerk habe bereits Hilfen beim Kultusministerium beantragt. Im Zweifelsfall müsse man mit der Stadt Rosenheim, die Eigentümer des Schauerhauses ist, über eine Stundung der Pacht unterhalten, so Herbert Borrmann.

Das Schullandheim Maxhofen bei Bruckmühl ist ein Betrieb der Landeshauptstadt München und wird durch Haushaltsbeschlüsse des Münchner Stadtrates finanziert.

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„Der aktuelle Haushalt des Schullandheimes ist genehmigt, der Betrieb ist gesichert“, teilte Katja Rieger, Pressesprecherin der Stadt München, auf Anfrage unserer Zeitung mit. Das Referat für Bildung und Sport sei in stetigem Austausch mit seinen Schullandheim-Leitungen und unterstütze sie in allen Belangen.

Maxhofen hat Buchungen ab dem 20. April

In Maxhofen sind momentan 13 Mitarbeiter beschäftig. Laut Rieger seien zwölf Mitarbeiter in den vorübergehenden Abrufdienst der Landeshauptstadt versetzt worden – hier würden sie derzeit an anderen Stellen der Stadtverwaltung eingesetzt.

Zum jetzigen Zeitpunkt bestehe in Maxhofen keine Absage der Klassenfahrten bis zu den Sommerferien. „Es wurden bis zu den Osterferien die Buchungen verschiedener Schulen storniert. Ab 20. April liegen für den Zeitraum bis Ende 2020 reguläre Buchungen vor“, so Katja Rieger.

Vereinsfahrten und Seminare gecancelt

Kompletter Leerstand herrscht auch im Jugendbildungshaus Haslau in Frasdorf. Familie Haberle betreibt es privat, konnte also eine Soforthilfe beantragen. „Ich will wirklich nicht jammern“, sagt Monika Haberle, Eigentümerin des Jugendhauses. Schließlich seien sie und ihre Familie gesund.

Dennoch habe sie derzeit keine Einnahmen, da sie und ihr Mann seit 2003 als Selbstständige die Unterkunft betreiben. Bis Ende April sind alle Buchungen storniert worden. „Wir haben Bedenken, dass der Betrieb auch nach Pfingsten nicht mehr anläuft“, sagt Monika Haberle.

„Keine Planungssicherheit“

Da das Jugendhaus Haslau ausschließlich für Gruppen ausgelegt sei, können sie den Ausfall nicht mit Familienreisenden auffangen. Bei ihnen im Haus werden auch oft BRK- oder FSJ-Seminare abgehalten – doch bis zu den Sommerferien wird das Jugendhaus Haslau nur wenige Gäste empfangen, da viele aus Sicherheitsgründen die Gruppenreisen abgesagt haben. „Moment haben wir keine Planungssicherheit“, sagt die Selbstständige.

Erst kürzlich haben sie und ihr Mann eine größere Investition für das Jugendhaus getätigt und das Haus in puncto Brandschutz auf Vordermann gebracht. „Gut ist, dass wir keine Pacht zahlen müssen, weil uns das Haus gehört. Die laufenden Kosten bleiben aber“, sagt Monika Haberle.

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