Brenner-Nordzulauf bedroht Existenzen von 2.400 Bauern im Landkreis Rosenheim

Kommt nach 15 Generationen das Aus? Bergbauer Martin Pichler aus Niederaudorf würde mit dem Brenner-Nordzulauf Weideflächen und Acker verlieren.
  • vonKathrin Gerlach
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86 Prozent der Landwirte in der Region Rosenheim könnten durch den Bau des Brenner-Nordzulaufs in ihrer Existenz bedroht werden. Darauf macht der Kreisbauernverband aufmerksam. Welche Auswirkungen das Bauvorhaben auf ihre Betriebe haben könnte, erklären Biobauern aus Niederaudorf und Berg.

Rosenheim – „Nein zu einem oberirdischen Brenner-Nordzulauf!“ – Die Position des Kreisbauernverbandes Rosenheim ist eindeutig. „Der Bau der Hochgeschwindigkeitstrasse könnte 86 Prozent unserer landwirtschaftlichen Betriebe vernichten“, betont Geschäftsführer Josef Steingraber. Obwohl derzeit noch nicht klar ist, welche der fünf geplanten Trassen letztlich realisiert wird, hat der Bauernverband eine statistische Beispielrechnung gemacht: „Um die Dimension dieses Projektes zu verdeutlichen“, so Steingraber.

1200 Hektar Flächenverbrauch

Die Zahlen sprechen für sich: „Für eine oberirdische Trasse würden im Landkreis Rosenheim durchschnittlich 300 Hektar Fläche – inklusive Baustellen oder Brücken – gebraucht“, rechnet Steingraber vor. In einer Landschaft mit Natur- und Landschaftsschutzgebieten, Auwäldern, Moorlandschaften, Gebirgslandschaften und Lebensräumen bedrohter Tier- und Pflanzenarten müsse man mit einem Ausgleichsfaktor von drei rechnen. Kurzum: „Insgesamt werden allein im Landkreis Rosenheim mindestens 1200 Hektar Land gebraucht“, so Steingraber.

Kleinstrukturierte Landwirtschaft

Haben Sie eine Zukunft in ihrer Heimat Berg? Nikolaus und Monika Bartl mit Nikolaus und Lucia. RE

Etwa 2800 Bauern bewirtschaften in der Region eine landwirtschaftliche Nutzfläche von 67 700 Hektar. Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei rund 24 Hektar. Dabei sei nach Informationen des Bauernverbandes meist nicht einmal die Hälfte der Flächen im Eigenbesitz der Landwirte, die andere Hälfte gepachtet. „Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts spricht man bei einem Abtretungsverlust von fünf Prozent der Eigentumsflächen oder langfristig gesicherten Pachtflächen eines gesunden landwirtschaftlichen Betriebes bereits von Existenzbedrohung“, zitiert Steingraber ein Urteil des Verwaltungsgerichtes München vom 17. Oktober 2017.

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Das Problem in der Region: „Die Bauern haben ihre Flächen meist nur über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren gepachtet, also nicht langfristig. Wir müssen also von einer durchschnittlichen Eigenfläche von zehn Hektar pro Landwirt ausgehen“, betont Steingraber. „Damit ist bereits ein Flächenverlust von 0,5 Hektar existenzbedrohend.“ Bei 1200 Hektar Brenner-Flächenbedarf würde das im statistischen Umkehrschluss also bedeuten, dass 2400 Bauern und damit 86 Prozent der Landwirte in der Region durch den Bau des Brenner-Nordzulaufs in ihrer Existenz bedroht wären. Übrig blieben nur etwa 400 gesunde Betriebe.

Die Praxis ist weitaus härter als die Statistik

Doch weg von der Statistik hin zur Realität. Nicht alle Landwirte werden betroffen sein, doch viele so stark, dass sie ihre Existenz definitiv verlieren.

Ein Blick nach Süden: In Niederaudorf betreibt die Familie Pichler seit 1538 den Lainthalerhof. Ihre Kälber stehen auf der Alm, 28 Milchkühe werden in Weidehaltung im Tal gehalten. Gerade erst hat die Familie in einen neuen Laufstall für 48 Kühe investiert. Von allen drei geplanten Trassenvarianten mit einer möglichen Verknüpfungsstelle in Niederaudorf wären die Landwirte betroffen. „Alle verlaufen auf unseren Flächen. Wir müssten wahrscheinlich unseren Betrieb aufgeben“, sagt Junior Martin Pichler (25). Er macht gerade seinen Meister im Ökolandbau, will die landwirtschaftliche Tradition seiner Familie in 15. Generation fortsetzen.

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Käme der Brenner, wären seine Pläne zunichte. „Sechs Hektar würden wir verlieren, unseren gesamten Acker und unsere Herbstweide“, erklärt Pichler. Damit wäre der Biolandwirtschaft die Basis entzogen. Und auch das zweite Standbein der Familie – Ferienwohnungen für Urlaub auf dem Bauernhof – würde dann wegbrechen. Mit ihren Sorgen gehört die Familie Pichler zu mehr als 20 betroffenen Bauern – allein in Niederaudorf.

Im Norden, am Ende der Brenner-Trasse von Kiefersfelden nach Tuntenhausen, lebt sein Kollege Nikolaus Bartl junior (35). Auch der Stacheter-Hof in Berg ist schon seit vielen Generationen in Familienbesitz. Im Sommer stehen die Milchkühe auf der etwa acht Hektar großen Weidefläche direkt an der Hofstelle. Die Kälber und Färsen verbringen die schöne Jahreszeit auf der Steinbergalm. Im Winter leben sie im Berger Stall. Um ihre Landwirtschaft zukunftsfähig zu machen, wollen die Bartls einen neuen Laufstall bauen. Der Gemeinderat von Tuntenhausen hat zugestimmt. Nur die Genehmigung des Landratsamtes fehlt noch. Drei der fünf möglichen Brenner-Trassen führen über Berg: mit dem vierspurigen Ausbau der Strecke und einer Verknüpfungsstelle. Bartl verlöre einen Großteil seiner Weiden. Auch seinen noch nicht gebauten Laufstall.

Für Neuanfänge gibt es kein Land mehr

Wird er den auf seinem eigenen Grund überhaupt noch bauen dürfen? „Die Planungen für den Brenner-Nordzulauf haben noch keine Auswirkungen auf unsere Genehmigungsverfahren“, verlautete noch im Januar aus dem Landratsamt in Rosenheim. Doch die Baugenehmigung lässt bis heute auf sich warten.

Nikolaus und Monika Bartl fragen sich, ob ihre Familie mit Sohn Nikolaus (6) und Tochter Lucia (2) in Berg überhaupt noch eine Zukunft hat. Oder ob sie sich ein neues Zuhause suchen müssen.

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Doch wo? „Wir haben hier in der Region keine Flächen mehr“, betont Josef Steingraber. „Weder für Ausgleichsflächen, noch als Ersatzland für enteignete Flächen.“ Doch wovon soll sich ein Bauer eine neue Existenz schaffen? „Sie bekämen für ihr Land eine Entschädigung“, sagt Steingraber. Davon könne sich heute keiner mehr eine neue Existenz aufbauen.

„Das Planungsteam der Deutschen Bahn ist mit den Landwirten in der Region seit langem in Kontakt und Austausch. Wir kennen die Sorgen und können diese im Hinblick auf den möglichen Verlust landwirtschaftlicher Flächen auch grundsätzlich nachvollziehen“, sagt Franz Lindemair, Sprecher DB Großprojekte Bayern. Die derzeitigen fünf Varianten benötigten unterschiedlich viel Fläche. Ein höherer Flächenverbrauch werde auch in der Bewertung der Trassen entsprechend dem Kriterienkatalog berücksichtigt.

Eine Aussage zu den benötigen Flächen lasse sich aber erst treffen, wenn ein Trassenverlauf ausgewählt, im Detail fertig geplant und durch die Planfeststellungsbehörde genehmigt sei. „Erst im Zuge des beschriebenen Ablaufs wird endgültig festgelegt, wie hoch der Tunnelanteil der Neubaustrecke ist“, betont Lindemair. „Auch gehen wir nicht davon aus, dass alle benötigten Flächen landwirtschaftlich genutzt werden.“

Zudem sei es bei Ausgleichsflächen gesetzlich nicht vorgeschrieben, sie in unmittelbarer Nähe des Trassenverlaufs zu suchen, betont der Sprecher der Deutschen Bahn. Ziel des Gesetzgebers sei es, dass Ausgleichsflächen im gleichen Naturraum lägen. „Die Deutsche Bahn bemüht sich schon jetzt in frühen Planungsphasen darum, schonende Lösungen zu erarbeiten“, so Lindemair.

Ausgleichsflächen im gleichen Naturraum

„Hierfür sind wir in frühzeitigen Gesprächen, um etwa Ansätze zu Ausgleichsmaßnahmen aufzugreifen.“ Beispielhaft nennt der DB-Sprecher Optionen wie Ökokonten, Renaturierungen von Moorgebieten oder die Aufwertung von Wäldern.

„Die schönen Worte der Bahn kennen wir zur Genüge, aber sie können uns Bauern in keinster Weise beruhigen“, sagt Josef Steingraber.

Aus welcher Perspektive die Bahn die landwirtschaftlichen Flächen sehe, lasse sich aus den Raumordnungsunterlagen erkennen. „So entsteht aus Sicht der Bahn durch die Verlegung der Bahnhöfe Brannenburg und Flintsbach ins Nirvana auf den umliegenden landwirtschaftlichen Flächen ein tolles Entwicklungspotential“, zitiert Steingraber den Erläuterungsbericht zur Raumentwicklung: „Das sagt doch alles.“

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