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Urteil des Schwurgerichts Traunstein

„Aus dem Nichts“ zugestochen: Brannenburger (46) muss nach Messerattacke in Haft und auf Entzug

„Vollkommen aus dem Nichts“ hatte der 46-Jährige nach Angaben des Opfers (54) zugestochen. Für diese Attacke muss er nun vier Jahre in Haft.
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„Vollkommen aus dem Nichts“ hatte der 46-Jährige nach Angaben des Opfers (54) zugestochen. Für diese Attacke muss er nun vier Jahre in Haft.
  • VonMonika Kretzmer-Diepold
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Seine schnelle Reaktion hatte dem Brannenburger (54) womöglich das Leben gerettet: Ein Betrunkener (46) hatte im August 2021 in einem Biergarten „vollkommen aus dem Nichts“ auf den 54-Jährigen eingestochen. Für die Attacke musste sich der vorbestrafte 46-Jährige jetzt vor dem Schwurgericht verantworten.

Traunstein/Brannenburg – Völlig überraschend stach ein 46-Jähriger Mann aus Brannenburg in einem Biergarten in seiner Heimatgemeinde mit einem Messer auf einen ihm unbekannten Gast (54) ein. Der 46-Jährige hatte zum Tatzeitpunkt rund 2,3 Promille Alkohol im Blut. Das Opfer kam mit verhältnismäßig leichten Verletzungen an Hals und Hand davon. Den Täter, einen vielfach vorbestraften Alkoholiker, verurteilte das Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Volker Ziegler gestern wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren. Weiter ordnete das Gericht die Unterbringung des Mannes in einer Entzugsanstalt an.

Sieben Zentimeter lange Klinge

Der 54-Jährige saß mit Freunden in der Sommernacht des 19. August 2021 am Biertisch, als sich der 46-Jährige mit Bierflasche in der Hand schwankend näherte. „Vollkommen aus dem Nichts“ stieß der Handwerker nach kurzem Gespräch mit einem mitgebrachten Messer mit sieben Zentimeter langer Klinge zu. Der Getroffene wehrte sich reflexartig mit den Händen, warf einen Stuhl und fixierte den Arm des 46-Jährigen. Die anderen Gäste konnten den Angreifer entwaffnen, noch ehe die Polizei eintra f.

In dem Prozess vor dem Schwurgericht wegen versuchten heimtückischen Mordes konnte sich der Angeklagte angeblich an die Tat nicht mehr erinnern, zeigte sich aber grundsätzlich geständig und bezahlte dem Nebenkläger noch vor der Hauptverhandlung im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs 3500 Euro Schmerzensgeld.

Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Michael Soyka aus Prien, attestierte dem Angeklagten eine schuldmindernde langjährige Suchterkrankung, aber auch hinreichende Aussichten auf Erfolg einer etwa zweijährigen Therapie in geschlossener Unterbringung.

Staatsanwalt plädiert auf versuchten Totschlag

Staatsanwalt Wolfgang Fiedler plädierte gestern auf fünfeinhalb Jahre Freiheitsstrafe plus Unterbringung – allerdings abweichend von der Anklage nicht wegen eines Mordversuchs, sondern wegen versuchten Totschlags, begangen in zwei Varianten in Form eines lebensgefährliches Werkzeugs und einer lebensgefährlichen Behandlung. Eine heimtückische Tat sei nicht nachzuweisen. Nebenklagevertreterin Daniela Kauer aus Brannenburg schloss sich an. Die Anwältin äußerte Zweifel an den Erinnerungslücken des alkoholgewohnten Angeklagten. Ein Mordversuch liege nicht fern.

Verteidiger Dr. Markus Frank aus Rosenheim gelangte zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und Unterbringung. Sein Mandant sei von einem versuchten Tötungsdelikt strafbefreiend zurückgetreten und habe lediglich eine gefährliche Körperverletzung verwirklicht. Im „letzten Wort“ bedauerte der 46-Jährige: „Ich habe aus Blödsinn und Matsch in der Birne heraus gehandelt. Ich danke Gott dafür, dass dem Mann nicht mehr passiert ist.“

Im Urteil sah Vorsitzender Richter Volker Ziegler den Sachverhalt der Anklageschrift bestätigt. Ohne erkennbares Motiv und ohne zu zögern habe der 46-Jährige den Geschädigten angegriffen. Ziegler weiter: „Das war extrem gefährlich. das Messer war spitz und scharf. Die Verletzung war nicht mit einem Rasierunfall zu vergleichen. Das Gericht kann die Angst des Geschädigten nachvollziehen.“

Durch die soldatische Ausbildung des 54-Jährigen sei glücklicherweise nichts Schlimmeres geschehen. Der Geschädigte habe Glück gehabt, aber auch der Angeklagte. Halsverletzungen hätten in anderen Fällen zu Verbluten an Ort und Stelle geführt: „Schnitte in den Hals gefährden unmittelbar das Leben. Der Täter nimmt tödliche Verletzungen in Kauf.“

Einen „freiwilligen Rücktritt“ verneinte der Vorsitzende Richter. Das Opfer habe schnell und wehrhaft reagiert. Zwar sei der Geschädigte bei der Attacke arg- und wehrlos gewesen. Andererseits sei nicht davon auszugehen, dass der 46-Jährige in den Biergarten gehen und jemand töten wollte.

Aggressionsdelikte unter Alkoholeinfluss

Strafschärfend wertete das Schwurgericht die Vorstrafen und generalpräventive Gründe. Der Angeklagte sei „kein unbeschriebenes Blatt“, weise zahlreiche Gewalt- und Aggressionsdelikte unter Alkoholeinfluss auf. Der Vorsitzende Richter hob heraus: „Er ist nicht nur als Kranker zu behandeln, sondern auch als Gewalttäter.“

Die Voraussetzungen für eine nicht nur 18 Monate, sondern 21 bis 24 Monate dauernde Therapie in der Unterbringung seien erfüllt – durch seinen „Hang“ zu Alkohol, durch die erhebliche Wiederholungsgefahr für vergleichbare Taten und durch eine hinreichende Aussicht auf Behandlungserfolg.

Der Angeklagte nahm das Urteil gestern an, das mit Zustimmung des Staatsanwalts noch im Gerichtssaal rechtskräftig wurde.

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