Fachtag "Armes, reiches Rosenheimer Land": Forderung nach Mindestlohn und Sozialer Marktwirtschaft

Armut hat sehr viele Gesichter

Ausgegrenzt: Die Altersarmut schreitet in Deutschland voran. Auch im Raum Rosenheim, wo Wohnraum teuer ist, haben es immer mehr Menschen mit niedriger Rente schwer.  Foto dpa
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Ausgegrenzt: Die Altersarmut schreitet in Deutschland voran. Auch im Raum Rosenheim, wo Wohnraum teuer ist, haben es immer mehr Menschen mit niedriger Rente schwer. Foto dpa

Rosenheim - Kinderarmut, Altersarmut, Armut der Kommunen, Armut trotz Arbeit - Armut hat viele Gesichter, beeinflusst die Gesundheit, grenzt aus: Das wurde auf dem Fachtag "Armes, reiches Rosenheimer Land", veranstaltet vom Diakonischen Werk Rosenheim, überaus deutlich. Und: Armut kann jeden treffen, ohne eigenes Verschulden, trotz Arbeit, guter Ausbildung und des Willens, sein eigenes Leben unabhängig bestreiten zu können.

"Von seiner eigenen Hände Arbeit leben zu können", war daher eines der Hauptanliegen der Besucher des spannenden Fachtags mit regem Gedankenaustausch. Dazu begrüßte Peter Selensky, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werkes Rosenheim, 140 Gäste im katholischen Bildungszentrum St. Nikolaus.

"Obwohl die EU 2010 zum ,Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung' erklärt hatte, hat sich die Lage der Armen verschlechtert - auch in Ihrer Region", betonte Gastredner Dr. Franz Segbers, Professor für Sozialethik an der Universität Marburg. Das Sparpaket 2011-2014, die Schuldenbremse und die in seinen Augen zu niedrigen Hartz IV-Regelsätze zeigten, dass die Politik die Folgen der Wirtschaftskrise auf die Armen abwälze. Doch nicht nur Bürger, auch öffentliche Haushalte "ächzten" unter einer Schuldenlast.

"Habe Arbeit, brauche Geld" - das treffe immer häufiger nicht nur Menschen, die als ungelernte Arbeitskräfte im Billiglohnsektor beschäftigt sind, sondern auch hochqualifizierte, intelligente, arbeitswillige Menschen, die von einem Praktikum zum nächsten gehen, stets in der Hoffnung, einmal eine feste Anstellung zu bekommen, ebenso wie qualifizierte Arbeitnehmer, die als "Leiharbeiter" oft nur mit einem Bruchteil des Einkommens ihrer festangestellten Kollegen bei gleicher Arbeit auskommen müssen.

"Da reicht oft das Geld nicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Ein Achtel aller Vollzeitbeschäftigten können von ihrer Hände Arbeit allein nicht leben", weiß Diakon Stefan Helm vom kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Immer schwieriger werde es im Raum Rosenheim, wo Wohnraum teuer ist, für Menschen mit geringem Einkommen.

Der soziale Wohnungsbau sei in den letzten Jahren drastisch zurückgegangen, viele ehemalige Sozialwohnungen würden jetzt auf dem freien Markt vermietet, so Petra Wieser von der Obdachlosenarbeit der Stadt Rosenheim. Wohnraum entsprechend der Hartz IV-Mietobergrenzen sei kaum noch zu finden. Dennoch lobte Wieser die Stadt Rosenheim für ihre präventiven Arbeit in der Fachstelle für Obdachlosenhilfe unter Leitung der Diakonie. Es gibt Betreuung Obdachloser, Notunterkünfte und Wohnangebot für Alleinerziehende und Familien.

"Unsere Aufgabe ist es, Strategien zu entwickeln, wie Armut gelindert, wie Armut vorgebeugt werden kann", so Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer. Prävention müsse früh beginnen, in den Schulklassen und in den Gruppen der Kindertagesstätten. Nach Bauers Meinung ist Arbeit der beste Weg aus der Armut, doch dafür müsse die Infrastruktur für die Verknüpfung von Familie und Arbeit stimmen. Rosenheim setze daher auf den Ausbau von Kindertagesstätten.

"Der Sozialstatus eines Menschen ist am Zahnstatus zu sehen", erklärte Professor Gerhard Trabert, Leiter des Workshops "Gesundheit und Armut". Der engagierte Allgemeinarzt und Sozialarbeiter hat an der Hochschule Rhein-Main eine Professur für Sozialmedizin inne. Er plädiert für eine Enttabuisierung von Armut. Um Arme, insbesondere Obdachlose, medizinisch zu erreichen, müsse sich zudem eine "Gehstruktur" entwickeln: das heißt, der Arzt geht zu den Bedürftigen.

Besonders hoch und besonders besorgniserregend sei die Armut bei Kindern und Jugendlichen, erläuterte Dr. Christian Alt vom Deutschen Jugendinstitut München. Noch vor 15 Jahren sei Kinderarmut kein Thema gewesen, heute reichten die Hartz IV-Regelsätze für Kinder nicht aus, um diesen eine soziale und kulturelle Teilhabe am Leben zu ermöglichen. Selbst der Fußballverein werde da oft schon unerschwinglich.

Aus Sicht der Diakonie und der Kirchengemeinde ist es laut Pfarrer Karl Friedrich Wackerbarth aus Prien schwierig, die Wahrnehmung zu ändern und die eigene Ohnmacht zu akzeptieren. Dennoch sei es notwendig, den Menschen zur Seite zu stehen. Kirche und Diakonie müssten noch mehr als Sprachrohr der Sprachlosen fungieren und sich politisch mehr für die Bedürftigen einsetzen. "Dabei ist es wichtig, Kooperationspartner wie zum Beispiel die Diakonie in den Gemeinden zu haben."

Man müsse Betroffene mehr zu Wort kommen lassen, etwa bei runden Tischen zum Thema Soziales, so Peter Selensky im Schlusswort, wobei er auch für Mindestlöhne plädierte: "Der Rettungsschirm über 450 Milliarden Euro für Banken wurde in zwei Wochen beschlossen, die Debatte über eine Erhöhung der Hartz IV-Sätze von fünf auf acht Euro dauert schon über ein Jahr. Das gibt zu denken." csi

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