„Anstrengend, aber befriedigend“: Rosenheimer hilft nach Explosion in Beirut beim Wiederaufbau

Hilfe mit Ausblick auf den Ort der Katastrophe: Martin Mikat und seine Grünhelm-Gruppe bauen Fenster und Türen in Karantina, einem Stadtteil direkt am Hafen von Beirut ein. privat
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Hilfe mit Ausblick auf den Ort der Katastrophe: Martin Mikat und seine Grünhelm-Gruppe bauen Fenster und Türen in Karantina, einem Stadtteil direkt am Hafen von Beirut ein. privat
  • Sylvia Hampel
    vonSylvia Hampel
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Nur wenige Tage nach der verheerenden Explosion in Beirut hat der Rosenheimer Student Martin Mikat seine Koffer gepackt und ist in den Libanon geflogen. Dort unterstützt er die Einheimischen beim Wiederaufbau ihrer Heimat. Eine Aufgabe, die Mikat viel abverlangt, durch die er aber auch viel zurückbekommt.

Rosenheim – „Es ist viel Arbeit, ich bin oft ziemlich erschöpft, aber die Menschen hier sind unendlich dankbar“, erzählt Martin Mikat. „Hier“ ist Beirut. Der Wahl-Rosenheimer Mikat, der an der Technischen Hochschule (TH) Rosenheim Holzbau studiert, ist dort seit Mitte August im Einsatz, hilft beim Wiederaufbau der nach einer Explosion im Hafen zerstörten Häuser. „Der Hafen von Beirut liegt ziemlich zentral in der Stadt und in etwa drei Kilometer Umkreis sind die Schäden an Fassaden und auch am Hausinneren massiv“, so Mikat.

Mikat, gelernter Zimmermann, geboren 1985, ist Vorsitzender des Vereins „Grünhelme e.V.“, einer Hilfsorganisation, der er auf der Walz das erste Mal begegnete. Die Grünhelme haben verschiedene Projekte weltweit, bilden unter anderem seit 2018 im Libanon syrische Flüchtlinge zu Schreinern aus. „Wir haben unsere Hilfe angeboten – und los ging‘s.“ Mit aktuellen und ehemaligen Auszubildenden aus dem Projekt im Libanon und weiteren Aktiven der Grünhelme ist Mikat seitdem im Einsatz. 14 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

So viel Zeit muss sein: Im Gespräch mit Libanesen.

Fenster und Türenfür Karantina

Mikat und seine Truppe haben im Stadtteil Karantina, der an zwei Seiten vom Hafen begrenzt wird, eine Schreinerei unter freiem Himmel errichtet, fertigen dort Fenster und Türen, die sie dann auch einbauen. „Auch im Libanon geht es in absehbarer Zeit auf die Regenzeit und auf den Winter zu, da sind Fenster und Türen am dringendsten, dass die Wohnungen und Häuser zu sind“, sagt Mikat über den Baulärm im Hintergrund hinweg.

Untergebracht sind die Helfer der Grünhelme in einem Appartement einer Partnerorganisation, 30 bis 60 Minuten – „je nach Verkehrsaufkommen“ – außerhalb der Millionenstadt Beirut. Mikat verlässt das Appartement morgens um 6 Uhr, ist vor 20 Uhr selten zurück.

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Die Arbeit ist anstrengend, aber befriedigend. Weil es im christlich-moslemisch gemischten Team gut läuft und weil die Resonanz der Beiruter positiv ist. Was Mikat nervt: „Es herrscht nach wie vor organisatorisch das große Chaos. Ob zunächst das Militär oder jetzt die Stadtverwaltung, keiner koordiniert die Einsätze der vielen Mitarbeiter von ausländischen nichtstaatlichen Organisationen und von einheimischen Hilfsgruppen, keiner weiß so recht, was der andere tut.“ Und die Hilfsorganisationen treten sich gegenseitig auf die Füße.

Gerade eingebaute Fenster werden wieder ausgetauscht

Das führt dann schon mal dazu, dass gerade von den Grünhelmen eingebaute Fenster, die drei, vier Jahre halten, ein paar Tage später durch Alufenster ersetzt werden. „Das ist irgendwie nicht Sinn der Sache“, ärgert sich Mikat. Denn die Alufenster wären an anderer Stelle besser aufgehoben gewesen, schließlich hat die Explosion im Hafen genug Schaden angerichtet. „Sie hat allerdings nicht die halbe Stadt zerstört, wie manchmal berichtet wurde. Und 300 000 Obdachlose gibt es in Beirut auch nicht.“ Es ist ihm hörbar ein Bedürfnis, dieses Bild gerade zu rücken. Und die Libanesen hätten auch nicht auf Hilfe aus dem Ausland gewartet, „vor allem die jungen Leute haben sofort angepackt, haben die Straßen frei gemacht, Trümmer beseitigt.“

Martin Mikat in der Schreinerei der Grünhelme bei der Durchsicht der vorhandenen Fenster.

Junge Leute haben genug von Korruption

Gerade die jungen Libanesen, Christen wie Moslems, seien froh, dass die Regierung zurückgetreten sei. „Wir hören immer wieder, dass es typisch für das korrupte System des Landes sein, dass ein instabiler Sprengstoff so lange mehr oder weniger unbeaufsichtigt mitten im Hafen mitten in der Hauptstadt gelagert werden konnte. Nach allen, was ich erlebe und höre, hat die Mehrheit der Libanesen die Schnauze voll von den Machteliten“, berichtet Mikat.

Rückkehr am 2. Oktober geplant

Gut vier Wochen bleibt er noch im Libanon. Ob er bis dahin Fenster und Türen in beschädigte Häuser in Beirut einbauen wird, das weiß er jetzt noch nicht. Vielleicht reicht die Zeit noch für einem Besuch beim Grünhelm-Projekt in Arsal. Sicher ist: Am 2. Oktober geht es zurück nach Hause. Nach Rosenheim.

Stichwort Grünhelme

Der Verein Grünhelme wurde 2003 von Rupert Neudeck, über Jahrzehnte das Gesicht des „Komitee Cap Anamur“, und Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, gegründet. Der Verein versteht sich als parteipolitisch neutral, nationalitäts- und religionsübergreifend. Er finanziert sich nach eigenen Angaben aus privaten Spenden sowie aus Zuwendungen von Stiftungen. „Wir werden Häuser und Dörfer, Schulen und Straßen, Hospitäler und Ambulanzen, Baumschulen und Gotteshäuser aufbauen“, heißt es auf der Homepage des Vereins. Vor Ort und mit den Einheimischen. Bei dieser Arbeit verbünden sich ausdrücklich junge christliche und junge muslimische Deutsche. Die Hilfe erstreckt sich von der Ausbildung von Kfz-Mechanikern im Senegal über den Brunnenbau in Nigeria bis zu spontanen Hilfseinsätzen wie derzeit in Beirut.

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