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Ukraine-Krieg lässt Nachfrage steigen

Angst vor einem Atomkrieg: Rosenheimer Experte warnt vor prophylaktischer Jod-Einnahme

Gefragt, aber derzeit nicht erhältlich: Hochdosierte Jod-Präparate, um die Einlagerung radioaktiven Jods in der Schilddrüse zu verhindern.
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Gefragt, aber derzeit nicht erhältlich: Hochdosierte Jod-Präparate, um die Einlagerung radioaktiven Jods in der Schilddrüse zu verhindern.
  • Jens Kirschner
    VonJens Kirschner
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Der Ukraine-Krieg lässt auch in der Region die Angst vor einer atomaren Eskalation steigen. Im Zuge dessen steigt die Nachfrage nach Jodprodukten, die nach einem Atomschlag Schäden an der Schilddrüse reduzieren sollen. Ein Rosenheimer Experte warnt jetzt jedoch vor der prophylaktischen Einnahme.

Rosenheim – Der Krieg in der Ukraine wirft seine Schatten bis in die Apotheken. Dort verzeichnet man nach der Ankündigung Wladimir Putins, Russlands Atomstreitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft zu versetzen, offenbar eine höhere Nachfrage nach Jodpräparaten. Im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen erklärt der Strahlentherapeut, Chefarzt sowie Ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums am Klinikum Rosenheim am Medizinischen Versorgungszentrum des Romed-Klinikums, Dr. Etan Mergen, über das richtige Verhalten bei einem Kernwaffenangriff und den Sinn, vorsorglich hochdosiertes Jod zu sich zu nehmen.

Dr. Etan Mergen, Strahlentherapeut

Das Interesse an Jodpräparaten in der Apotheke scheint zugenommen zu haben, da sich viele wohl von Russlands Atomdrohungen bedroht fühlen. Ist es sinnvoll, vorsorglich solche Medikamente zu nehmen?

Dr. Etan Mergen Ganz sicher nicht. Die in den Apotheken erhältlichen Jodtabletten sind nicht geeignet, um im Falle eines nuklearen Angriffes Schäden an der Schilddrüse zu verhindern. Dazu sind sie viel zu niedrig dosiert. Das ist der eine Grund. Der andere ist: Die Bundesregierung hat mehr als genug hochdosierte Jod-Tabletten bevorratet. Geeignete Tabletten würden dann zu gegebener Zeit von den Behörden in betroffenen Regionen verteilt.

Aktuelle Infos zum Krieg in der Ukraine finden Sie in unserem News-Ticker

Das dürfte vielen ja vielleicht noch bekannt sein. Was denken Sie: Warum glauben die Leute, dass sie sich mit diesen niedrig dosierten Jodtabletten aus der Apotheke vor Strahlenschäden schützen können?

Dr. Mergen: Unsere Schilddrüse benötigt Jod, um lebenswichtige Schilddrüsenhormone zu produzieren. Die Idee, die hinter der Einnahme steht, ist, dass man mit diesen Jodtabletten die weitere Jodaufnahme in die Schilddrüse blockiert. Bei einer nuklearen Katastrophe entsteht auch radioaktives Jod. Radioaktives Jod hat grundsätzlich die gleichen Eigenschaften wie natürliches Jod. Es wird daher wie natürliches Jod vom Körper aufgenommen und in der Schilddrüse eingelagert. Das wäre von Nachteil, denn die vom radioaktiven Jod ausgehende Strahlung könnte die Wahrscheinlichkeit für Schilddrüsenkrebs erhöhen, besonders bei Kindern und Jugendlichen. Dies ist aber ein mittelfristiges Risiko über Jahre und Jahrzehnte. Was die meisten Leute völlig übersehen, ist, dass es bei einem nuklearen Angriff zunächst um ganz andere Risiken geht. Der radioaktive Niederschlag ist ein Risiko, das eher an fünfter oder sechster Stelle steht. Es geht vorher um ganz andere Dinge wie zum Beispiel diese enorme thermische Energie oder die eigentliche Druckwelle.

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Wenn ich mich dennoch entschließe, vorbeugend Jod in hohen Dosen zu mir zu nehmen. Habe ich mit Nebenwirkungen zu rechnen oder ist dies im Zweifel unschädlich?

Dr. Mergen: Grundsätzlich wird die Einnahme von Jodpräparaten laut Bundesamt für Strahlenschutz nur Personen bis 45 Jahre empfohlen. Für ältere Personen überwiegen laut Bundesamt die Risiken von Nebenwirkungen den Nutzen der Vermeidung eines theoretisch erhöhten Risikos für Schilddrüsenkrebs.

Mit welchen Symptomen habe ich zu rechnen, wenn ich hohe Mengen an Jod zu mir nehme?

Dr. Mergen: Im Organismus entsteht ein Überangebot, das sich in den unterschiedlichsten Symptomen äußert wie starke Schweißproduktion, Gewichtsverlust, Nervosität, Zittern, Muskelschwäche, Schlaflosigkeit, Haarausfall, Zyklusstörungen, vorübergehende Unfruchtbarkeit, Osteoporose, krankhafte Herztätigkeit wie Sinustachykardie, Extrasystolen oder Vorhofflimmern.

Kann eine übertriebene Einnahme von Jod auch zum Tod führen?

Dr. Mergen: Die Nebenwirkungen einer zu hohen Jod-Einnahme sind vielschichtig. Eine akute Jodvergiftung liegt erst bei Mengen von rund 15 000 Mikrogramm vor – also mehr als der hundertfachen Menge dessen, was Menschen in Deutschland für gewöhnlich zu sich nehmen. Dann kann es zu Erbrechen kommen, aber auch zu lebensbedrohlichen Folgen.

Die Situation in den Apotheken
Seit Montag verzeichnet Elke Wanie zunehmenden Beratungsbedarf, aber auch eine steigende Nachfrage nach Jod-Präparaten. Das Vorstandsmitglied der Bayerischen Landesapothekenkammer arbeitet in Bad Aiblinger Linden- wie in der Frühlingsapotheke. Die Leute machten sich sorgen, berichtet sie. Die gängigen Jodpräparate bewegten sich jedoch in ihrer Dosierung weit unter dem, was notwendig wäre, um die Schilddrüse vor der Einlagerung radioaktiven Jods zu schützen. Diese höher dosierten Präparate seien zwar lediglich apothekenpflichtig, über den Großhandel aber derzeit nicht zu bekommen. jek

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