Angst vor Federn: OVB-Redakteurin stellt sich ihrer Phobie in einer virtuellen Realität

OVB-Redakteurin Heike Duczek stellt sich im Selbstversuch ihrer Phobie vor Vögeln.
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OVB-Redakteurin Heike Duczek stellt sich im Selbstversuch ihrer Phobie vor Federn.
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„Iii“: Entsetzte Aufschreie sind beim Anblick von Mäusen und Spinnen eine häufige Reaktion. Doch wenn aus Ekel eine Angststörung wird, ist eine Therapie notwendig. Das kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg erforscht seit vier Jahren in einer der ersten Studien den Einsatz virtueller Realitäten (VR). Ein Selbstversuch.

Wasserburg – Als Kind bin ich schreiend davon gelaufen, wenn beim Familienurlaub an der Nordsee die frechen Möwen zu nahe kamen. Der Fasching war für mich stets die schrecklichste Zeit des Jahres – angesichts der vielen federgeschmückten Indianer. Eine Schwalbe, die sich vor Tagen durch das offene Fenster in die Redaktion der Wasserburger Zeitung verirrte und mich entsetzt unter dem Schreibtisch in Deckung gehen ließ, zeigte erneut: Die Angst ist nach wie vor da.

Übung für Menschen mit Höhenangst: Blick hinunter aus 50 Metern Höhe von einem Aussichtsturm. Hier pfeift sogar der Wind. „© VTplus GmbH“

VR als geschützter Raum und Hilfsmittel

15 Prozent aller Menschen leiden unter einer Angststörung, berichtet Dr. Julia Diemer. Die Diplom-Psychologin forscht seit 2009 unter Leitung von Professor Dr. Peter Zwanzger, Ärztlicher Direktor des kbo-Inn-Salzach-Klinikums und einer der renommiertesten Angstexperten, zur Frage, wie sinnvoll virtuelle Realitäten in der Therapie eingesetzt werden können. In Wasserburgs Stadtteil Gabersee werden Erfahrungswerte von 65 Menschen mit Angststörungen gesammelt.

Eins steht schon heute fest, sagt die psychologische Psychotherapeutin Diemer (42): Die virtuelle Realität kann eine Therapie, die den Wurzeln der Angst auf den Grund geht, nicht ersetzen. „Die VR ist vielmehr ein Hilfsmittel, ein geschützter Raum, in dem sich die Patienten ihrer Angst stellen können – und durch regelmäßiges Üben lernen, den Teufelskreis aus Angst und Vermeiden aufzugeben.“

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Angst ist weit verbreitet

Bei meiner Vogelphobie ist Vermeidung einfach: kein Federbettzeug, kein gefiedertes Haustier, kein Besuch im Freifluggelände des Tierparks. Im Forschungsraum des kbo-Inn-Salzach-Klinikums gibt es jedoch kein Entrinnen. Psychologin und Doktorandin Magdalena Sich und ihre Kollegin, die Fachärztin Dr. Ines Sam, bereiten den Computer für seinen Einsatz vor. Angst vor Vögeln ist so weit verbreitet, dass es ein eigenes Programm gibt – ebenso wie etwa für Angst vor dem Fliegen, vor dem Autofahren, vor Menschenansammlungen (Agoraphobie).

Ich werde mit Mund-Nasen-Schutz und einer 3-D-Brille ausgestattet, ein Steuerungsgerät mit Schalthebeln in der Hand. Dann heißt es: Augen zu, nach wenigen Minuten in der Dunkelheit wieder auf – und ich befinde mich in einem großen leeren Raum. Und schon kommen sie durch ein offenes Fenster herangeflattert – meine gefiederten Feinde. Eine Krähe, eine Taube und eine Möwe.

Noch halten sie sich auf Abstand zu mir, jedoch ich kann mich auf sie zubewegen. Die Drei picken auf dem Boden, schlagen mit den Flügeln, hüpfen herum – und kommen näher und näher. Vor allem die Taube schaut so echt aus, dass mir der Schweiß ausbricht. Und die Krähe hat diesen in meinen Augen typisch bösen Blick. Die Möwe ist so distanzlos wie ihre echten Kameraden an der Nordsee.

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Mittlerweile sitzen sie genau vor meinen Füßen – bilde ich mir ein. Ich gehe mutig in die Hocke, auf Augenhöhe. Die Farbmusterung des Federkleides ist genau zu erkennen – ekelhaft! Aber kein Grund, schreiend das Labor zu verlassen. Langsam gewöhne ich mich an die Situation, schicke die gefiederten Gesellen heran und wieder weg. Ich bin gespannt, ob ich den Tauben auf dem Rathausplatz in Wasserburg beim nächsten Kontakt lockerer entgegentreten werde.

Zum Schluss darf ich noch zwei andere virtuelle Welten betreten. Es geht über offene Treppen und mit einem Aufzug 50 Meter hoch auf einen Aussichtsturm, auf dem der Wind heult und sich ein weiter Blick ins Fränkische Land ergibt – kein Problem. Und in einen Hörsaal, wo ich einen Vortrag halte. Selbst als die Psychologin die Einstellungen so verändert, dass immer mehr Menschen in den Raum kommen und meinen Ausführungen gelangweilt folgen, was an ihren Gesichtern deutlich zu erkennen ist, verspüre ich: nichts.

Wichtiges Frühwarnsystem

Angst vor der Höhe oder vor Menschenansammlungen, vor Mäusen und Spinnen: All das ist nach Angaben von Diemer eine natürliche Reaktion. Denn Angst sei ein wichtiges Frühwarnsystem für das Überleben. Eine Hypothese aus der Forschung gehe davon aus, dass Tierphobien ihre Wurzeln in der Frühgeschichte haben. Giftspinnen und Skorpione konnten den Menschen gefährlich werden – ebenso Mäuse und Ratten, Überträger von Krankheiten. Die Reaktionen von schnellen Krabbeltieren sind außerdem nur schwer zu kontrollieren, erläutern die Expertinnen. Angst vor Kontrollverlust und davor, ausgeliefert zu sein: Darum gehe es oft auch beim Fliegen.

Schränken solche Phobien den Alltag so sehr ein, dass das Leben kompliziert wird, besteht Handlungsbedarf, betont Diemer. Das heiße immer: sich der Angst stellen per Konfrontation – zuerst in virtuellen Realitäten? Im kbo-Inn-Salzach-Klinikum wird erforscht, ob das Sinn macht. „In der aktuellen Studie können die Patienten die VR zunächst ohne Angstauslöser erleben. Bis zum Einsatz von VR-Szenarien in der Angsttherapie ist es auch in Wasserburg noch ein weiter Weg“, sagt sie.

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