Als die „Stodler“ modisch noch auf Karotte und Spaghetti setzten

Alle in Tracht: Blick in den Proseccostadl 2019.
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Alle in Tracht: Blick in den Proseccostadl 2019.

Rosenheim – Es war um die Jahrtausendwende, als Rosenheim einen bayernweiten Trend einleitete: Auch die „Stodler“, die Stadtleute, entdeckten ihre Liebe zur Heimat und zur Tracht neu.

Nirgendwo sonst sehe man so viele Menschen in Lederhose und Dirndl, stellten Herbstfest-Besucher aus der Fremde fest.

So staunte auch Bayerns Finanzminister Erwin Huber 2006 bei einem Bummel über die Rosenheimer Wiesn nicht schlecht: „Hier laufen ja so viel Leut in der Tracht rum.“ In Niederbayern, seiner Heimat, ja auch beim Straubinger Gäubodenfest, seien es deutlich weniger. „Dafür gibt’s in Niederbayern halt häufiger a Tracht Prügel“, witzelte der OVB-Redaktions-Wiesn igel Ignaz damals.

Aber Schmarrn beiseite. Höchste Zeit war es, dass die vielen schauerlichen Kostüme, die im dunklen Mode-Zeitalter vor dem Millennium auf der Loretowiese zur Schau getragen wurden, endlich den Lederhosen, Brauchtumshemden und Dirndln wichen. Stilistisch gesehen waren die 80er und 90er ja nicht nur durch die Trachtlerbrille gesehen eine finstere Epoche. Da wird dem OVB-Redaktionsigel Ignaz jeder recht geben.

Was für bedauernswerte Gestalten sich die Trachtler aus dem Rosenheimer Umland damals anschauen mussten, das war schon eine arge Zumutung für jedes altbairische Auge. Zunächst die 80er mit den windigen Möchte-gern-Don-Johnsons im Miami-Vice-Verschnitt, in ihren viel zu großen, knietiefen, schultergepolsterten Blazern und ihren lächerlich-unförmigen Karottenhosen, der Bund über den Bauchnabel, quasi über Knödlfriedhof-Niveau, hochgezogen. Einfach nur jämmerlich, gestandene Mannsbilder sehen anders aus.

Und alle trugen weiße Tennissocken, auch die80er-Frauen, die ein genauso mitleidserregendes Bild abgaben in ihren grausigen, neonfarbenen Leggins samt knallbunten Waden-Stulpen und Polyester-Schweißbändern auf der Stirn. Da konnte man sich wirklich nur noch an den Kopf langen.

Noch schlimmer, noch schriller, die 90er: tausende junge Madln auf Plateau-Sneakern, also höher gelegten Turnschuhen, in bauchfreien Tops mit Spaghetti-Trägern oder in gruselig-grellen Netz-Shirts, die nicht nur leuchteten wie das Dach des Autoscooters, sondern auch noch den Blick freigaben aufs Arschgeweih, also aufs Steißbein-Tattoo, damals der allerletzte Schrei im wahrsten Wortsinn. Na, hawedere! Dagegen waren die 90er-Burschen in ihren Jeans und Lacklederjacken noch harmlos.

Verblüffenderweise haben sich die Menschen damals freiwillig so angezogen. Der abschreckende Look war weder staatlich verordnet noch Teil einer Strategie zum Abstandhalten, sondern eine sonderbare Mode-Pandemie für sich. Aber sie ist vorbei – wie hoffentlich bald auch Corona. Dann gilt mehr denn je: Moden und Viren kommen und gehen, das Herbstfest bleibt.

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