OVB-SERIE „HERBSTFEST-ERINNERUNGEN“

Absage wegen des Coronavirus: Nicht die erste Zwangspause für die Rosenheimer Wiesn

Die Wiesn fällt aus – dasgab es in der fast 160-jährigen Geschichte des Herbstfestes schon häufig.
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Die Wiesn fällt aus – dasgab es in der fast 160-jährigen Geschichte des Herbstfestes schon häufig.
  • Ludwig Simeth
    vonLudwig Simeth
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Es ist nicht das erste Mal in der fast 160-jährigen Geschichte, dass das Rosenheimer Herbstfest ausfällt. Im Schnitt gab es seit dem Start 1861 nur in jedem zweiten Jahr ein Fest. Deshalb wäre es 2020 auch erst zur 88. Wiesn gekommen.

Rosenheim – Die lange Herbstfesttradition beginnt, wie so vieles in Europa, mit dem Blick nach Frankreich. Wie so manche Mode hatten sich die deutschen Städte am Anfang des 19. Jahrhunderts auch das Konzept der Gewerbeschau vom napoleonischen Frankreich abgeschaut. „Den Höhepunkt erlebten solche Leistungsschauen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts“, schreibt Walter Leicht in seinem Beitrag „Von der Fachmesse zum Volksfest – 1861 bis 1998“ in der Jubiläums-Chronik „Lockruf und Tradition“ von 2011.

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Ab 1890 tritt dann der beabsichtigte Informationscharakter solcher Großveranstaltungen hinter den Vergnügungs- und Unterhaltungsangebot für die Besucher zurück, so Leicht weiter. Auch in Rosenheim ist das so, doch es kommt immer wieder zu langen Zwangspausen. Mehrmals bricht die Cholera aus und legt das öffentliche Leben lahm.

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Im 20. Jahrhundert folgt eine noch größere Katastrophe: der Erste Weltkrieg. Eigentlich soll die 50-Jahr-Feier der Stadterhebung alles bisher Dagewesene übertreffen. Stattdessen zerstören ab 1914 Krieg, Revolution und Armut viele Leben – zum Feiern ist niemandem zumute. Das Fest fällt 2014 aus, stattdessen werden auf der Loretowiese die in den Krieg ziehenden Soldaten verabschiedet.

Erst 1931 macht der Wirtschaftliche Verband (WV) das Spektakel zur festen Größe im Jahreskalender. Der WV springt in den stürmischen Zeiten der Weltwirtschaftskrise als Veranstalter ein, als die Stadt Geldsorgen plagen und sie als Veranstalter einen Rückzieher machen muss.

Absage am Tag vor der Eröffnung

So gibt es erst ab 1931 jedes Jahr ein Herbstfest, aber das auch nicht lange. 1939 bricht der Zweite Weltkrieg aus, in Rosenheim wird die Wiesn einen Tag vor der geplanten Eröffnung abgesagt, weil Hitler-Deutschland am 1. September Polen angreift.

1950, ein Jahr später als die Münchner, wagt der soeben wiedergegründete WV den Neuanfang in Rosenheim. Endlich kann jedes Jahr gefeiert werden, ohne Unterbrechung. Von Katastrophen, Seuchen und Pandemien bleibt das Herbstfest bis 2019 verschont.

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Nur 1964 wird es fast vom Winde verweht, schwere Gewitterstürme richten am ersten Wiesn-Wochenende Millionenschäden in Südbayern an. Der Festplatz in Mühldorf wird völlig zertrümmert, das Zelt bricht über hunderten von Besuchern zusammen. Doch an Rosenheim zieht das Unwetter gerade noch vorbei.

Auch der Deutsche Herbst 1977, der im Schatten des RAF-Terrors steht, kann dem Rosenheimer Herbstfest nichts anhaben – ebenso wenig wie das Terrorjahr 2016. Doch dann kommt Corona. Die 88. Wiesn wird auf 2021 verschoben, das 100. Herbstfest ist dann 2033 fällig.

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