86-jährige Bruckmühlerin hilft 95-Jährigem – und muss sich plötzlich vor Gericht verantworten

4000 Euro hat eine 86-jährige Bruckmühlerin auf Wunsch eines 95-Jährigen mit dessen Bankkarte abgehoben. Dafür musste sich die Frau jetzt in Rosenheim vor Gericht verantworten.
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4000 Euro hat eine 86-jährige Bruckmühlerin auf Wunsch eines 95-Jährigen mit dessen Bankkarte abgehoben. Dafür musste sich die Frau jetzt in Rosenheim vor Gericht verantworten.
  • vonTheo Auer
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Dass gute Taten auch nach hinten losgehen können, hat jetzt eine 86-jährige Frau aus Bruckmühl am eigenen Leib erfahren: Weil sie einem 95-Jährigen bei täglichen Dingen unter die Arme gegriffen hatte, musste sie sich letztlich vor Gericht verantworten. Ein Missverständnis mit gutem Ausgang.

Rosenheim/Bad Aibling/Bruckmühl – Fassungslos saßen jetzt eine 86-jährige Frau aus Bruckmühl und ihre 55-jährige Tochter auf der Anklagebank vor dem Amtsgericht Rosenheim. Sie sollen ohne Berechtigung Anfang Januar mit der Bankkarte eines 95-Jährigen 4000 Euro vom Geldautomaten abgehoben haben. Daraus wurde ein Lehrstück, wie man aus Hilfsbereitschaft unter völlig falschen Verdacht geraten kann.

Hilferuf per Zeitungsanzeige

Im Jahr 2018 hatte der allein lebende und fast blinde Rentner in einer Zeitungsannonce nach einer hilfsbereiten Person gesucht, die ihm bei Einkäufen, Botengängen oder einfach zum nachmittäglichen Besuch von Cafés hin und wieder behilflich sein würde. Die rüstige Bruckmühlerin meldete sich daraufhin bei ihm. Über fast zwei Jahre erledigte sie mit und für ihn allwöchentlich Einkäufe, begleitete ihn auf Spaziergänge oder holte für ihn Geld, weil er mit dem Bankomaten selbst nicht zurechtkam.

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Am 12. Dezember 2019 stürzte er aus dem Fenster seiner Wohnung und brach sich beide Fußgelenke. Auch in dieser Zeit besuchte ihn seine Helferin, die inzwischen zu einer wahren Vertrauten geworden war, im Krankenhaus. Vor Gericht wie auch in der vorausgegangenen polizeilichen Vernehmung, berichtete sie, dass der Verletzte ihr die Bankkarte – wie schon oft vorher – ausgehändigt habe, mit der Bitte, 4000 Euro abzuheben und sie ihm dann, sobald er wieder aus der Klinik entlassen würde, auszuhändigen.

Tochter begleitet die 86-Jährige

Genau das habe sie dann auch getan. Ihre Tochter hätte sie dabei begleitet, weil sie die Mutter nicht mit so viel Geld alleine lassen wollte. Das Geld habe sie in einem Kuvert in ihrem Schrank aufbewahrt.

Als sie den Verletzten dann zwei Tage später im Krankenhaus aufsuchen wollte, war dieser nicht mehr dort und auch daheim nicht anzutreffen. Da sie keine leibliche Verwandte ist, bekam sie keine Auskünfte über den Verbleib des Mannes. Schließlich zahlte sie das Geld des Mannes wieder auf das Konto ein. Die Bankkarte warf sie in den Briefkasten des Geldinstituts.

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Der Enkel des 95-Jährigen war als Zeuge geladen. Er berichtete, dass man ihn mit der Betreuung des Großvaters beauftragt hatte, weil dieser wegen der Verletzung und des mentalen Zustandes nicht sich selbst überlassen werden konnte. Dabei hatte er festgestellt, dass die Bankkarte seines Opas nicht mehr vorhanden war und vom Bankautomaten 4000 Euro abgehoben worden waren. Da er keinen Grund dafür kannte, habe er vermutet, dass die Bankkarte im Krankenhaus entwendet worden sei und erstattete Anzeige bei der Polizei. Er bestätigte den Rückerhalt des fehlenden Betrages und der Bankkarte sowie altersbedingte Erinnerungslücken des Großvaters.

95-Jähriger im Zeugenstand

In Rollstuhl sitzend schilderte dann der 95-Jährige im Zeugenstand, dass er tatsächlich per Zeitungsannonce seine damalige Helferin gesucht und gefunden hatte. „Die Frau war für mich ideal!“, lobte der Mann die Unterstützung durch die Angeklagte. „Ich hatte jemanden zum Reden und zum Einkaufen. Ich sehe ja so gut wie nichts mehr. Sie war immer dabei und hat mir wirklich geholfen. Dazu war sie auch immer absolut ehrlich. Egal ob beim Einkaufen oder ob ich sie zur Bank geschickt habe, um Geld abzuheben. Es hat niemals auch nur ein Cent gefehlt.“ Er sei ihr dafür noch immer dankbar.

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Vom Richter befragt, ob er im Krankenhaus die Frau beauftragt habe, für ihn mit seiner Bankkarte Geld abzuheben, meinte der Mann: „Wissen Sie, im Krankenhaus ist so viel passiert. Ich war froh, dass sie mich besucht hat. Ich weiß das nicht mehr. Aber das kann gut sein.“

Auf weitere Zeugen verzichtet

Auf weitere Zeugenaussagen wurde verzichtet. Der Staatsanwalt stellte in seinem Schlussantrag fest, dass sich die Anklage keinesfalls erhärtet habe. Im Gegenteil sei die Angeklagte, die sich vorbildlich um den alten Herrn bemüht hatte, freizusprechen. Der Vorsitzende Richter Wolfgang Fiedler sprach ebenfalls von einem unglücklichen Zusammentreffen von Umständen und sprach die Frau von jeglichen Vorwürfen frei.

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