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"45000 Arbeitsplätze sind in Gefahr"

Philipp Freiherr zu Guttenberg wünscht sich mehr Anerkennung für die Arbeit der Waldbesitzer. Fotos Lauinger
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Philipp Freiherr zu Guttenberg wünscht sich mehr Anerkennung für die Arbeit der Waldbesitzer. Fotos Lauinger

Mit ihrem Wunsch, fünf Prozent der deutschen Wälder zu Wildnis werden zu lassen, beißt Bundeskanzlerin Angela Merkel bei Philipp Freiherr zu Guttenberg auf Granit. Die deutsche Forstwirtschaft habe als einzige Branche weltweit bereits seit Generationen bewiesen, dass man die Natur nachhaltig bewirtschaften könne, ohne unsere Ressourcen zu verbrauchen, begründete der Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW) seine Ablehnung bei einem Redaktionsgespräch mit den OVB-Heimatzeitungen.

Rosenheim - Eine Trennung von Wirtschaft und Biodiversität ist in den Augen der AGDW ein Konzept, das bereits seit vielen Jahrzehnten überholt und auch wissenschaftlich nicht haltbar ist. Die beabsichtigte pauschale Stilllegung von fünf Prozent der Waldfläche ist aus Guttenbergs Sicht "ökologisch äußerst fragwürdig". Sie bringe hohe Kosten mit sich, die letztlich die Gesellschaft tragen müsse. "Wenn wir durch Drosselung der Waldwirtschaft auf fünf bis sieben Millionen Festmeter Holz verzichten, reden wir auch über 45000 Arbeitsplätze, die in Gefahr sind", warnt Guttenberg. Folge einer solchen Politik wären zudem vermehrte Holzimporte, auch aus den Tropen. Dies sei ökologisch nicht sinnvoll.

Der AGDW-Präsident lässt keinen Zweifel daran, dass die deutsche Forstwirtschaft nach wie vor einen ganzheitlichen Ansatz bei der Naturbewirtschaftung verfolgt. Sie bringe gerne ihre Erfahrung ein, um eine Brücke über die "wenig hilfreichen Ansätze" zu schlagen, die bisher von der Politik gekommen seien. Radikallösungen lehnt der Verband allerdings ab. "Ein rein politisch gewollter pauschaler Verzicht auf die nachhaltige und naturnahe Waldnutzung in Deutschland führt in großem Stil zu einer Produktionsverlagerung in andere Gebiete der Erde, die nachweisbar nicht nachhaltig bewirtschaftet werden", gibt Guttenberg zu bedenken.

"Verklärung" des

Waldes beklagt

In seinen Ausführungen beklagt der studierte Forstwissenschaftler, dessen Familie seit Generationen von der Waldbewirtschaftung lebt, eine "einzigartige Verklärung des Waldes in Deutschland". Diese erschwere einen ausgewogenen Kompromiss zwischen den berechtigten Nutzungsansprüchen der Gesellschaft und der Natur. Sein Verständnis für diese Konfliktsituation hält sich in Grenzen, denn: "Dem deutschen Wald ging es noch nie so gut wie heute. Ich verstehe nicht, warum da manche dennoch in den Schützengräben liegen und sich bekämpfen."

Dieses Verständnis fehlt ihm oft auch, wenn Konflikte zwischen Waldbesitzern und Jägern eskalieren. Dies sei ein Problem, das in Bayern besonders häufig auftrete. "Im Rest der Republik kann ich das so nicht feststellen", sagt Guttenberg. Für die Situation in Bayern sieht er "handelnde Personen auf Verbandsebene" als eine Hauptursache dafür. Erhöhter Verbiss in gewissen Bereichen der bayerischen Waldfläche erfülle auch ihn mit Sorge, bekennt Guttenberg. Allerdings ist er fest davon überzeugt, dass daraus resultierende Konflikte bei etwas gutem Willen aller Beteiligten pragmatisch gelöst werden können. An der Zusammenarbeit von Waldbesitzern und Jägern führt für ihn kein Weg vorbei, wenn ein fairer Interessenausgleich gesucht werden soll. "Wer das anders sieht, der kann nur die Eselsmütze aufsetzen. Kein Gesetz kann die Eigenverantwortung vor Ort regeln."

Forderung

nach "Kohärenz"

Die Betonung dieser Eigenverantwortlichkeit ist für Guttenberg auch eine Maxime seiner Verbandspolitik. "Ich lasse mich ungern fremdbestimmen". Dass auf EU-Ebene ein Ansprechpartner für Forstpolitik fehlt, stellt für ihn dabei ein großes Problem dar. "Wir haben viele ungelöste Konfliktsituationen, weil jeder seine eigene Forstpolitik macht. Ich fordere auch Kohärenz ein", so der Freiherr. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund seiner festen Überzeugung, dass Wald und Holz der Schlüssel für den Erfolg einer internationalen Klimapolitik sind. "Die wird derzeit aber durch die Umweltpolitik vollkommen ausgehebelt. Das ist schon frustrierend."

Der Stellenwert des Holzes bei der Energie- und Wärme-Erzeugung muss nach Guttenbergs Ansicht deutlich verbessert werden, soll die Energiewende in Deutschland gelingen. Energie-Gewinnung aus Biomasse stelle bei der Energiewende mit 70 Prozent Anteil einen ganz wichtigen Teil dar. Die Hälfte davon entfalle auf Holz, aber es gebe keine Strategie für Holz. Die Forderung des Verbandspräsidenten an die Politik lässt deshalb auch an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig. "Wenn Ihr über die Energiewende redet, dann holt uns mit an den Tisch! Wir sprechen über den wichtigsten Rohstoff, der derzeit vollkommen missachtet wird."

Hätte er drei Wünsche an die Verantwortlichen an den Schalthebeln der Macht frei, täte er sich bei deren Formulierung nicht schwer. "Ich hätte gerne mehr Anerkennung für die wunderbare Arbeit, die die Waldbesitzer über Generationen hinweg geleistet haben. Wald und Holz sollen diesen Stellenwert bekommen, der ihnen zusteht. Die Politik soll die Bedeutung erkennen, die eine Stärkung von Wald- und Forstwirtschaft für den ländlichen Raum mit sich bringt."

Eine Art "politische Käseglocke" über den Wald zu legen, wie er den Vorstoß der Bundeskanzlerin bewertet, ist für ihn jedenfalls kein Ansatz - auch wenn von Wald in Staatsbesitz die Rede ist. Sein Appell an die Verbandsmitglieder, wachsam zu sein, ist eindringlich. "Was heute im Staatswald passiert, passiert morgen im Privatwald."

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