19-Jährigen nach Höglinger Weinfest angefahren: Richter sieht „bedingten Tötungsvorsatz“

Ein heute 22 Jahre alter Mann hatte 2018 einen 19-Jährigen angefahren und dann schwerverletzt liegenlassen.
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Ein heute 22 Jahre alter Mann hatte 2018 einen 19-Jährigen angefahren und dann schwerverletzt liegenlassen.
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Weil er einen 19-Jährigen 2018 nach dem Höglinger Weinfest angefahren und schwerverletzt liegengelassen hatte, verurteilte die Jugendkammer Traunstein 2019 einen heute 22-Jährigen wegen „versuchten Mordes durch Unterlassen“ zu einer Jugendstrafe. Jetzt musste das Gericht den Fall erneut verhandeln.

Traunstein/Bruckmühl – Mit einem Wirbelbruch, einer Lungenprellung sowie schweren Armverletzungen mit abgerissener Arterie blieb ein 19-Jähriger aus dem Landkreis Ebersbergvor knapp zwei Jahren nachts in Bruckmühl-Högling auf der Straße liegen. Ein 20-Jähriger, der ihn angefahren und etwa 20 Meter mit einem tiefergelegten 204-PS-Wagen vor sich hergeschoben hatte, verschwand in der Dunkelheit. Die Zweite Strafkammer mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs verurteilte den heute 22-jährigen Fahrzeuglenker am Dienstag zu einer Jugendstrafe von vier Jahren drei Monaten und einer Fahrerlaubnissperre von zwei Jahren.

Bundesgerichtshof hebt Komplex auf

Der Bundesgerichtshof hatte einen Komplex des Ersturteils der Jugendkammer Traunstein vom Juli 2019 aufgehoben. Das Gericht hatte gegen den inzwischen 22 Jahre alten Angeklagten aus dem Großraum München fünfeinhalb Jahre Jugendstrafe verhängt – wegen versuchten Mords durch Unterlassen von Hilfeleistung, gefährlicher Körperverletzung, gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr sowie Unfallflucht. Der Verteidiger, Harald Baumgärtl aus Rosenheim, war in Revision gezogen. Gestern ging es nur mehr um die Frage eines „versuchten Mords“. Der Rest war rechtskräftig.

Vor dem Unfall gab es Auseinandersetzung

Vor der Tat hatten sich die zwei Männer eine Rauferei geliefert. Die Hintergründe blieben gestern im Dunkeln. Bei beiden war eine Menge Alkohol im Spiel. Über die Umstände des Anfahrens, die Positionen der Beteiligten konnte niemand etwas Konkretes sagen. Auch in der Anklageschrift von Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner blieb der genaue Hergang offen.

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Der 20-Jährige schilderte, er habe telefonieren wollen, um sich abholen zu lassen. Dann wisse er nichts mehr. Die Erinnerung setze erst am nächsten Tag im Krankenhaus wieder ein. Der Angeklagte trug gestern kaum zur Klärung bei. Er habe damals überlegt, wie er heimfahren solle, habe in den Rückspiegel geschaut. Er sei wohl unkonzentriert gewesen. Bei diesen Worten brach der junge Mann in Tränen aus. „Ich habe das erst gar nicht richtig realisiert. Ich habe mir nur gedacht: scheiße, jetzt habe ich jemand angefahren.“ Dass er den reglos auf der Straße liegenden Bekannten erwischt habe, habe er bemerkt, ihn auch erkannt, räumte er ein.

"Ich habe gar nichts gedacht"

„Was haben Sie gedacht, als Sie weggefahren sind?“ Auf diese Frage des Vorsitzenden Richters Erich Fuchs erwiderte der 22-Jährige: „Ich habe gar nichts gedacht. Um ehrlich zu sein, habe ich mir gedacht, dass er mich erkannt hat – wegen meines Autos und weil er gewusst hat, dass ich um die Uhrzeit nach Hause fahre.“ Einer Bekannten schrieb er: „Ich glaube, die Polizei ist bei mir. Morgen bin ich tot, weil der Geschädigte mich anzeigt.“

18 Operationen, sechs Wochen Klinik

Der 20-Jährige gab an, gegen drei Uhr morgens sei er Richtung Staatsstraße 2078 gelaufen. Nahe einer Landmaschinenfirma sei der Unfall passiert. Sechs Wochen stationärer Krankenhausaufenthalt und 18 Operationen, 14 davon in Vollnarkose, und eine lange Reha-Zeit folgten. Ein Jahr lang war der Geschädigte arbeitsunfähig. Bis heute leidet er unter körperlichen Problemen: „Ich habe Rückenschmerzen. In einem Arm habe ich nicht mehr die komplette Kraft. Ich kann fast alles wieder machen, spüre aber nichts mehr – weder Schmerz noch Kälte oder Hitze.“ Als sich der 22-Jährige entschuldigen wollte, lehnte der Geschädigte ab: „Ich glaube nicht, dass das der richtige Zeitpunkt ist.“

Ein Polizeisachbearbeiter informierte, der 22-Jährige habe den Unfall vertuschen wollen: „Er hat erzählt, dass er seinen Schlüssel nicht mehr gefunden und zwei Stunden danach gesucht hat. Als er den Schlüssel wieder entdeckt habe, sei sein Pkw beschädigt ganz woanders gestanden.“ Die Ermittlungen konzentrierten sich dennoch schnell auf den Angeklagten. Seit 25. August 2018 saß er in Untersuchungshaft, also 19 Monate.

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Im Plädoyer blieb Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner bei einem „versuchten Verdeckungsmord durch Unterlassen“ und einem bedingten Tötungsvorsatz des 22-Jährigen – „weil er nicht die Rettung des Opfers veranlasst hat und einfach weggefahren ist“. Die Strafe der Jugendkammer sei tat- und schuldangemessen. Verteidiger Harald Baumgärtl hob heraus, sein Mandant habe „nie den Gedanken gehabt, dass der 22-Jährige versterben könnte“. Ein bedingter Tötungsvorsatz sei nicht anzunehmen, ebenso wenig eine Verdeckungsabsicht.

„Er war bereit, den Tod des 19-Jährigen hinzunehmen“

Im Urteil unterstrich der Vorsitzende Richter, bezüglich des noch nicht rechtskräftigen Komplexes sei das Gericht zu „versuchtem Totschlag durch Unterlassen“ gekommen. Der Angeklagte habe die Pflicht gehabt, für Hilfe zu sorgen. Er habe mit bedingtem Tötungsvorsatz gehandelt, habe damit gerechnet, dass das Opfer sterben könne. Fuchs wörtlich: „Er war bereit, den Tod des 19-Jährigen hinzunehmen.“

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