Die Zither kommt aus der Schublade

War es der Fußball-EM geschuldet oder schreckten die Unwetterwarnungen im Radio potenzielle Besucher ab? Aber diejenigen, die gekommen waren erlebten einen ungewöhnlich facettenreichen und beeindruckenden Konzertabend.

Denn im Gegensatz zu den durchwegs gut frequentierten Darbietungen während des Tages war das abendliche Festkonzert im Rahmen des Festivals „Zither ist in am Inn“ zur 135-Jahr-Feier des Zitherclubs Rosenheim im Ballhaus nur spärlich besucht.

Dem Zitherclub als Veranstalter war es gelungen, Vertreter aller mit der Zither spielbaren Musikstile gemeinsam auf die Bühne zu holen.

Schon die ersten Töne von „Cubas Dance“, die das Ensemble Zitherrausch dem Publikum entgegenschmetterte, ließ erahnen, dass die Zither die ihr vermeintlich zugeordnete Schublade „Volksmusik“ schon längst verlassen hat. Die vier temperamentvollen Damen aus Waldkraiburg und Umgebung spielten in ihrer fetzig-frechen Art Pop und Folklore aus östlichen Ländern.

Klassische Zithermusik wurde vom Quartett des gastgebenden Vereins geboten. Unterstützt von Perkussionsinstrumenten gefielen neben „Rondo militare“ und „Zwei Märschen von Mozart“ besonders die swingenden Melodien von Freddy Golden „Come si chiama“ und „Song for Eileen“.

Als Vertreter der Volksmusik, die natürlich zur Zither gehört, war das Duo Hornsteiner/Kriner angereist. In sehr eigenwilliger Art singen die beiden Männer im kernigen Dialekt der Mittenwalder Lieder von Jägern, Sennerinnen oder der Bergwelt und bedienen dabei sämtliche Klischees, die diesen Themen anhaften. Dabei verstehen sie es glänzend, ihr Publikum anzuschmachten und in ihren Bann zu ziehen, so dass selbst eingefleischte Volksmusikskeptiker von ihrer Art überzeugt werden und diesem Musikstil Positives abgewinnen können.

Gegensätzliches Programm

Gegensätzlicher hätte man das Programm nicht zusammenstellen können, als mit Claudia Höpfl die Solistin des Abends an ihre Zither ging. Versiert und gefühlvoll brachte sie ihre technisch sehr anspruchsvollen Stücke zu Gehör. Mucksmäuschenstill lauschten die Zuhörer ihrem Vortrag, zwei Sätze aus der Sonate in a-Moll von Silvius Leopold Weiss sowie „Romanze“ von Anton Stelzl, den sie dann auch mit frenetischem Beifall bekundeten.

Musik hält jung, dies bewies einmal mehr der Oberaudorfer Zitherspieler und Komponist Hans Berger. In seiner bescheidenen Art und in gewohnt harmonischem Zusammenspiel mit Hackbrett und Kontrabass erfreute die Berger-Hans-Soatnmusi mit Barockmusik aus eigener Feder, einem Menuett von Haydn als Zithersolo, einem „Ave Maria“ und einem Marsch.

Nach einem letzten Stühle- und Tischerücken gehörte die Bühne der Naringer Sonntagsmusi. Es gab Musik zum Zurücklehnen, Entspannen und Genießen. Im Mittelpunkt stand diesmal natürlich der Zitherspieler Werner Maurer aus Hinterberg bei Nußdorf am Inn. Zusammen mit Akkordeon, Gitarre, Klarinette und Kontrabass erfreuten die Musikanten das Publikum mit Stücken von Rudi Knabl und Georg Freundorfer. Der hatte ebenso wie der Rosenheimer Zitherclub 1881 das Licht der Welt erblickt und durfte deshalb im Programm nicht fehlen.

Annette Bliemetsrieder moderierte den Abend und konnte mit geschickt eingebauten Zitaten aus Rosenheimer Stadtanzeigerartikeln der Jahre 1882 bis 1894 Parallelen zu den anwesenden Ensembles herstellen. Ihre angenehm charmante Art der Ansage erinnerte an Hedi Heres und so erntete auch sie stürmischen Applaus.

Es war ein äußerst kurzweiliger und gelungener Konzertabend, der Zuhörer und Akteure zufrieden stimmte. rst

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