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Die Ausstellung "Farbe als Antwort - Expressiver Realismus" in der Städtischen Galerie Rosenheim

Zeugnisse der verschollenen Generation

"In der Barke" von Julius Hüther, 1915.  Foto  feichtner
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"In der Barke" von Julius Hüther, 1915. Foto feichtner

"Farbe als Antwort" heißt die neueste, sehr sehenswerte Ausstellung in der Städtischen Galerie Rosenheim. Sie zeigt zumeist Ölbilder der expressiven Realisten aus der Sammlung Hierling. Von der deutschen Kunstgeschichte wurden sie fast vergessen, die Maler, die in den zwei Jahrzehnten um die Wende zum 20. Jahrhunderten geboren wurden, die gegenständlich malten und die Erfahrungen der modernen Kunst mit einer neuen realistischen Weltsicht verbanden. Viele von ihnen mussten in beiden Weltkriegen kämpfen, vielen blieben nur wenige Jahre der freien künstlerischen Entfaltung, bevor sie von den Nationalsozialisten als "entartet" verfemt und mit Arbeitsverbot belegt wurden, oder bevor sie sich auch deren Druck beugten. Oftmals geriet nach 1945 ihre Kunst in den Schatten der neuen künstlerischen Strömungen und schließlich in Vergessenheit. Der Journalist, Sammler und Kunsthistoriker Rainer Zimmermann (1920 bis 2009) prägte für sie die Bezeichnung "verschollene Generation" und fasste ihre Malerei unter dem Begriff "Expressiver Realismus" zusammen.

Der Galerist und Sammler Joseph Hierling hat sich besonders dieser Maler angenommen. Seine Sammlung von mehr als 500 Arbeiten wird seit mehreren Jahren von der Kunsthalle Schweinfurt betreut. Da in der Kunsthalle in diesem Jahr die bayerische Landesausstellung "Main und Meer" zu sehen ist, war es möglich große Teile der Sammlung für die Ausstellung "Farbe als Antwort - Expressiver Realismus - Die Sammlung Hierling" zur Verfügung zu stellen. Fried Stammberger hat unter den etwa 160 angebotenen Bildern etwa 100 sorgsam ausgewählt, und doch ist die Städtische Galerie dafür fast zu klein. Die meist mittelgroßen Formate drängen sich Bild an Bild an den Wänden.

Bei aller Fülle kommt dem Betrachter aber diese Kunst nicht nur aufgrund ihrer Gegenständlichkeit, sondern auch wegen der Farbenfreude, Vielfältigkeit und Vielgestaltigkeit entgegen. Wie bei den Vorgängern, den Expressionisten, ist die Farbe ein wesentliches Thema des Bildes. Es werden aber keine "reinen Farben" verwendet, sondern auch gebrochene Farbtöne und Grautöne. Expressiv ist also die Ausdruckskraft der Farbe, dazu kommen oftmals Spontanität und die Skizzenhaftigkeit der Darstellung. Individuell realistisch und nicht programmmäßig stilisiert werden die Motive gestaltet. Und die Maler greifen in ihren Motiven die ganze Wirklichkeit, ihre Katastrophen, aber auch ihre schönen Seiten auf, apokalyptische Nachkriegsstadtlandschaften wie Blumenwiesen. Deshalb passt auch der Titel der Ausstellung. Farbe war der Künstler Antwort auf die sie prägenden Kriegs- und Nachkriegserlebnisse der beiden Weltkriege. Die kräftige und freiere Verwendung der Farbe war auch die Antwort auf die vielgestaltigen Impulse der modernen Malstile wie Expressionismus, Symbolismus, Kubismus, Konstruktivismus, die die Künstler kennengelernt hatten und in ihrer Kunst verarbeiteten. Die Künstlerpersönlichkeit bestimmt bei ihnen die Bildgestalt nicht ein Formkonzept oder ein Programm. Die Folge sind die Vielgestaltigkeit und der formale Reichtum der Bilder. Verschiedene Stilrichtungen sind somit im expressiven Realismus verschmolzen und mehr oder weniger in den Bildern erkennbar.

Beste Beispiele finden sich in der Ausstellung gleich im großen Saal. Da sieht sich der Betrachter den prallen Frauenbildern von Paul Kleinschmidt (1883 bis 1949) in ihrer expressiven Farbigkeit gegenüber. Noch deutlicher am Expressionismus und seinen reduzierten Formen orientiert sich Walter Becker (1893 bis 1984), wie man an seinem Bild "Bahnübergang Tutzing" aus dem Jahr 1960 oder "Blauer Akt und Stillleben" aus dem Jahr 1968 erkennt. Vom Expressionismus distanziert sich dagegen Fritz Gartz (1883 bis 1960) in seinem "Selbstbildnis lesend" aus dem Jahr 1913. Julius Hüther (1881 bis 1954) ist mit zwei konträren Werken vertreten, einmal mit dem ästhetisierendem Bild "In der Barke" mit nackten und leicht bekleidete Mädchen in einem Boot aus dem Jahr 1915, das noch an den Jugendstil erinnert, und einem etwa dreißig Jahre später entstandenem Bild mit der apokalyptischen "Ruinenlandschaft München".

An die Gesellschaftskritik eines George Grosz und Otto Dix und im Stil an die Neue Sachlichkeit erinnern die Gemälde von Albert Birkle (1900 bis 1986) mit ihren karikaturenhaften Gesichtern und dem glatten Malstil. Sie sind zeitkritische Kommentare und pessimistische Zukunftsvisionen wie bei "Arbeiter und Maschine" aus dem Jahr 1922 und "Unter den roten Fahnen" aus dem Jahr 1921.

Im großen Saal ist auch die ergreifende Skulptur von Karl Röhrig (1886 bis 1972) "Schwangere Frau" ausgestellt, die der Künstler in ihrer Ratlosigkeit und Verzweiflung ergreifend darstellt. Neben Skulpturen von Röhrig lockern nur noch bildhauerische Arbeiten von Kurt Radtke die Räume auf, wobei sich dessen Stil von realistischen zu abstrakten Skulpturen wandelt.

Eine systematische Ordnung lässt sich bei der Präsentation der Ausstellung in den folgenden Räumen nicht erkennen. Dies mag auch bei der Vielgestaltigkeit und Individualität der Arbeiten kaum möglich sein. Doch ist es Fried Stammberger bei seiner Hängung gelungen, trotzdem oder gerade deshalb spannende Räume zu gestalten. In Rosenheim sind eine ganze Reihe hervorragender Maler und Bilder versammelt, die hier nicht alle genannt werden können. Deshalb sollen die Künstler mit einem engen Bezug zur Region besonders herausgestellt werden. Bestes Beispiel für den expressiven Realismus sind in Raum 3 dabei die Bilder von Leo von Welden (1899 bis 1967), der, nachdem sein Münchner Atelier ausgebombt worden war, erst in Bad Aibling und ab 1952 in Bad Feilnbach lebte. Er behielt seinen ausdrucksstarken Stil bis in seine letzten Lebensjahre bei, wie die Gemälde "Mann und Tod" und "Szene mit Frau und Kind" aus seinem Todesjahr 1967 zeigen. Bekannt ist sein "Selbstbildnis mit rotem Schal" aus den 60er-Jahren, das sich ebenfalls in der Sammlung Hierling befindet.

Ein großes "Selbstbildnis im Spiegel zum 29. Januar 1953", zeigt den Maler Franz S. Gebhardt-Westerbuchberg (1895 bis 1965). Er lebte als Maler und Bauer ab 1934 auf seinem erworbenen Bauernhof auf dem Westerbuchberg bei Übersee, bevor er sich ab 1952 nur noch der künstlerischen Arbeit widmete. Wie sein Selbstbildnis ist sein "Spanisches Dorf" aus dem Jahr 1964 von Strenge und Kargheit gekennzeichnet.

In Raum 9 finden sich Gemälde von Erich Glette (1896 bis 1980), der ebenfalls nach dem Verlust der Münchner Wohnung durch einen Bombenangriff erst in Gstadt, dann am Wörthsee und schließlich ab 1961 in Marquartstein lebte. In seinem Bild "Blumentisch mit Mädchen" aus dem Jahr 1936, hat der Deutsch-Brasilianer Glette seine Tochter Gabriele in Brasilien inmitten üppiger brasilianischer Vegetation abgebildet. Strenger wirkt das Werk "Barbara Enders mit Katze" aus dem Jahr 1958, in dem Glette, der seit 1951 Münchner Akademieprofessor war, seine zweite Frau verewigte.

Der Nürnberger Karl Meisenbach (1898 bis 1976) lebte ab 1940 lange Jahre in Staudach am Chiemsee. Er gehörte zu den Malern, die sich 1945 an der ersten deutschen Kunstausstellung in Prien beteiligten. Von ihm ist in Raum 7 das düster-kompakte Bild "Frauenkirche in München" aus dem Jahr 1939 zu sehen. Zu dieser Zeit durfte Meisenbach in Nazi-Deutschland bereits nicht mehr ausstellen.

Von Eugen Croissant (1898 bis 1976), der nach der Zerstörung seines Münchner Ateliers ab 1943 in Breitbrunn lebte, findet sich das Bild "Dalmatinische Landschaft" aus dem Jahr 1930.

Ebenfalls in der Sammlung Hierling ist das Bild "Araberviertel auf Ibiza" von Elisabeth Balwe-Staimmer (1896 bis 1973), die mit ihrem Mann Arnold Balwe in Feldwies am Chiemsee lebte. Allerdings ist dieses Gemälde nicht in der Ausstellung zu sehen. Auch andere Maler mit regionalem Bezug, die zu den expressiven Realisten gezählt werden könnten, fehlen in der Rosenheimer Ausstellung und in der Sammlung Hierling wie Elisabeth Balwe-Staimmers Mann Arnold Balwe oder Karl Casper (1879 bis 1956) und seine Frau Maria Caspar-Filser (1878 bis 1968), die in Brannenburg lebten oder auch Wilhelm G. Maxon (1894 bis 1970) aus Bernau.

Zum Schluss seien noch einige ausdrucksstarke Porträts erwähnt, die in Rosenheim hängen und unbedingt einen Blick wert sind wie "Der Pokerspieler" aus dem Jahr 1928 von Willy Kriegel (1901 bis 1966), einem Schüler von Oskar Kokoschka und dass "Selbstbildnis im Winter" aus dem Jahr 1933 von Albert Schiestl-Arding (1883 bis 1937).

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