Die wilde Gräfin von Wahnmoching

Lebendig liest Michael Stach eder. janka
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Lebendig liest Michael Stach eder. janka

Die große Retrospektive zum 150. Geburtstag des Malers und Werbegrafikers Brynolf Wennerberg in Bad Aibling wird garniert mit literarischen Lesungen, die Wennerbergs Malerei ergänzen, erklären und beleuchten.

Den Anfang machte der Schauspieler und Regisseur Michael Stacheder in der Galerie des Kunstvereins mit einer Lesung aus Werken von Franziska Gräfin zu Reventlow.

Stacheder setzte das Leben dieser „wilden Gräfin“ oder auch „Königin von Wahnmoching“, wie sie genannt wurde, in Beziehung zu den ausgelassenen, lockenden, aber auch durchaus selbstbewussten Frauen auf den Bildern von Brynolf Wennerberg. Franziska zu Reventlow entstammte einer hochadligen schleswig-holsteinischen Familie, floh aber, weil sie kein „Dekorationsobjekt“ sein wollte, aus dieser sie einengenden Welt in die Bohème der Münchener Jahrhundertwende, die sich in Schwabing tummelte. Dieses Schwabing wird von ihr in ihren Büchern „Wahnmoching“ betitelt, eine ironische Wortfügung aus dem Dorfnamen Feldmoching und dem esoterisch-kosmischen Wahn, der sich dort literarisch Bahn brach. Reventlow lebte in Schwabing mit wechselnden Männern und ihrem Sohn, immer arm und immer verliebt, bis sie 1918 in Ascona starb. Als „Lebensritt auf ungezügelten Gäulen, freistehend“ bezeichnete Stacheder ihr Leben.

„Herrn Dames Aufzeichnungen“ heißt ihr ironisch-autobiografischer Roman, aus dem Stacheder in sehr lebendiger Rede und Gegenrede las. Der junge und naive Herr Dame gerät in Wahnmoching in die Kreise der „Enormen“, bestehend zum Beispiel aus dem Philosophen, dem Meister, dem Magier und dem Sonnenknaben: ein Schlüsselroman über die Münchener Bohème. Herr Dame will hinter das Geheimnis der „Wahnmochingerei“ kommen und besucht ein höchst merkwürdigen Kostümfest, auf dem höchst merkwürdige Dinge passieren.

Noch lebendiger aber, weil unverstellter und nicht literarisch stilisiert, waren die Stellen aus dem Tagebuch der Gräfin zu Reventlow, in denen sie das Sommerglück am Chiemsee schildert. Sie logierte dort im Schloss Winkl in Grabenstätt, das ihr ein befreundeter Adliger zur Verfügung gestellt hatte. Dort am Chiemsee malt sie Frösche und Kinder, liest Nietzsches „Zarathustra“, schreibt, radelt um den Chiemsee und besteigt den Hochfelln, dreht Strohmandln und träumt einfach und ist glücklich.

Am Donnerstag, 15. September, um 20 Uhr wird Michael Stacheder in der Galerie des Kunstvereins das berühmte bezaubernde „Wennerberg-Lächeln“ erklären mit einer Lesung aus Werken von Arthur Schnitzler und Stefan Zweig.

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