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Wasserburger Theatertage

Wie der Tanz eine verletzte Kinderseele rettet

Vom klassischen Ballett bis zum Disco-Gezappel reicht das Spektrum des Tanzes, mit dem Lucca Züchner das Gefühlsleben von Odette auf die Bühne bringt.
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Vom klassischen Ballett bis zum Disco-Gezappel reicht das Spektrum des Tanzes, mit dem Lucca Züchner das Gefühlsleben von Odette auf die Bühne bringt.

Kindesmissbrauch ist ein schwieriges Thema, das man beleuchtet in endlosen Diskussionsrunden auf Abstand hält. Doch taugt es zum theatralen Miterlebee? Dass dies grandios klappen kann, zeigte sich bei den „Kitzeleien – der Tanz der Wut“ der Kulturbühne Spagat München.

Wasserburg – Das leise Zittern der Schwanenflügel, es wird zum verstörten Zittern der Tänzerin, wenn Odette – gleichnamig wie die verzauberte Prinzessin in „Schwanensee“ – in ihren Tanz der Wut ausbricht ob der Gewalt, die ihr angetan wurde. Als Kind, das vertrauensselig nichts ahnt, als sich der Onkel heimlich mit ihr im Badezimmer einschließt, um mit ihr Puppe zu spielen und sie mit „Kitzeleien“ zu traktieren. Autorin Andrea Bescond hat hier eine erfolgreiche One-Woman-Show aus ihrer eigenen Vergangenheit auf die Bühne gebracht, mit der sie zehn Jahre durch Frankreich tourte, und die mit einem „Molière“ ausgezeichnet wurde.

Nun hat sich die Schauspielerin und Musical-Darstellerin Lucca Züchner daran gemacht, die Geschichte um Odette in deutscher Erstaufführung zu präsentieren und hat dabei all ihre Bühnenerfahrung mit einfließen lassen, wenn es darum geht, mit ein paar Gesten eine ganze Figur blitzschnell greifbar zu machen. Sie hebt ihre Stimme etwas, und schon ist da das kleine Mädchen, das vertrauensvoll die Hand reicht, um im nächsten Augenblick als pädophiler Onkel mit Schmeicheleien und einem gefressenen Pfund Kreide in der Stimme zum Kerl zu mutieren, der seine gierige Hand nach unten zum kleinen Mädchen hin ausstreckt.

Ein ganze Kaleidoskop von Situationen

Ein ganzes Kaleidoskop von Menschen und Situationen wird in diesem Kammerspiel ausgebreitet, wobei durchaus auch gelacht werden darf. Die Szene in der Ballettschule, wo Lucca Züchner in die Rolle der Ballettlehrerin schlüpft, die eine ganze Bande kleiner Kinder einschließlich Odette unterrichtet, könnte komischer kaum sein. Mit Berliner Schnauze kämpft sich Lucca Züchner durch das kindliche Gewusel, das immer wieder den Versuch, mit Odettes Mutter zu sprechen, unterbricht. Denn klar ist: Odette ist eine wirkliche Begabung, und so schafft das Mädchen auch mit zwölf Jahren die Aufnahmeprüfung für die Ballettakademie. Doch auch damit ist sie den Belästiger nicht los – der kommt sie nämlich besuchen. Da kann nicht einmal Rudolf Nurejew, der aus dem Plakat imaginativ zu ihr herabsteigt, sie schützen. Es ist die Macht beziehungsweise die Ohnmacht der Phantasie, die Odette beschwört bis hin zum Wunschdenken, dass ihr Vater sich auf den Kinderschänder stürzt, um ihn niederzumachen.

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Als Person wird sie zunehmend gestört, flüchtet sich in Drogen und flüchtige Männergeschichten. Sehr komisch, wenn sie an ihr Handy geht und sich nicht mehr an den Namen des gerade aktuellen Freundes erinnert. Beklemmend dagegen, dass sie - wen auch immer sie da an der Strippe hat – bittet, sie aus diesem schäbigen Hotelzimmer und aller Hässlichkeit zu befreien, wobei sie, vom Tourneestress gebeutelt, nicht einmal weiß, wo sie überhaupt steckt. Bis sich herausstellt: Sie ist bei sich Zuhause.

Je intensiver die Gefühle werden, desto heftiger bricht Lucca Züchner ins Tänzerische aus. Da wechselt anmutig klassisches Port de Bras übergangslos in wüstes Disco-Gezappel, statt geschmeidiges Drehen auf Zehenspitzen stampfen die Füße, und emotional aufgewühltes Contemporary führt vor, was die Sprache nicht ausdrücken kann. Thorsten Krohn, der für die szenische Einrichtung steht und Sophie Becker mit ihrem Choreographie-Coaching haben alles getan, um die Figur der Odette als Mensch wirken zu lassen, und nicht als Kunstfigur, von der man Abstand nehmen könnte.

„Schwanensee“ als versöhnliches Ende

Zum seelischen Überleben hilft Odette nur der Tanz. Wohl auch nicht das psychiatrische Gespräch, das sie sucht, um sich ihrer Mutter verständlich zu machen. Doch die zündet sich, Lucca Zürcher spielt das mit kalter Nonchalance, nur immer wieder eine Zigarette an und will von dem „verlogenen Gör“ nichts wissen, während Odette ihre Gefühle vor der unsichtbaren Psychiaterin herauslässt. Denn auch der Prozess gegen den Onkel hat ihr keinen Seelenfrieden gebracht. Der ist für immer zerstört, aber wenigstens kann sich die erwachsene Odette mit dem schwer verletzten Kind in ihr wieder vereinen. Und so ertönt zum Ausklang versöhnlich die Musik zur Quadriga in „Schwanensee“. Es gibt wieder Struktur in ihrem Leben.

Und was das Theater angeht: Es gibt ein fesselndes Thema, das fesselnd vorgeführt wird und den Zuschauer wirklich berührt. Kein Wunder, dass das Publikum sich zum Applaus von den Sitzen erhob.

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