Vom Weltenbummler zum Bad Aiblinger

Brynolf Wennerberg.
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Brynolf Wennerberg.

Er gehörte zu den Pionieren der Werbegrafik in Deutschland und zu den bekannten Plakatkünstlern an der Wende zum 20.

Jahrhundert. Vor wenigen Tagen, am 12. August, hat sich der Geburtstag des schwedisch-deutschen Künstlers Brynolf Wennerberg zum 150. Mal gejährt. Dieses Jubiläum nimmt der Kunstverein Bad Aibling zum Anlass für eine große Retrospektive, die auf zwei Ausstellungsorte in der Kur stadt verteilt ist, die ab 1915 zum Wohnort des Künstlers wurde: In der Galerie im alten Feuerwehrgerätehaus und in der Galerie Villa Maria wird parallel das große Schaffensspektrum des Wahl-Aiblingers ausführlich gewürdigt. Die Doppel-Ausstellung „Eine fidele Fuhre“ wird am morgigen Donnerstag um 19 Uhr in der Galerie Villa Maria, Rosenheimer Straße 43, und um 20 Uhr in der Galerie des Kunstvereins Bad Aibling, Irlachstraße 5, eröffnet. Sie läuft vom 20. August bis 18. September.

Es wird die umfangreichste Darstellung der Bandbreite im Schaffen Wennerbergs. Da ist sich Kurator Christian Poitsch sicher. „Es werden neben Originalgemälden, die zum Teil noch nie oder sehr lange nicht mehr in der Region zu sehen waren, auch über 100 Jahre alte Originalplakate und weit über 200 verschiedene Kunstpostkarten im Original zu sehen sein“. Sie stammen aus der Privatsammlung des Bad Aiblingers, der Kulturreferent in der Nachbarstadt Kolbermoor ist.

„Als Grafiker entwickelte Wennerberg seinen berühmten Frauentyp mit dem bezaubernden ‚Wennerberg Lächeln‘. Das hat seine Werke unverkennbar gemacht“ so Poitsch.

Eine „Black-Box“ als Raum im Raum wird sich in der Galerie im alten Feuerwehrgerätehaus Wennerbergs Arbeiten für Witzblätter und Satirezeitschriften widmen. Ein Schwerpunkt dabei sind die Darstellungen im Münchner „Simplicissimus“.

„Viele Werke des Künstlers hängen in privaten Haushalten in Bad Aibling. Für das Jubiläum waren einige Leihgeber bereit, Werke, die bisher noch nicht gezeigt wurden, zur Verfügung zu stellen“, so Poitsch. Die Gemälde, die in der Region noch nie oder schon lange nicht mehr zu sehen waren, werden in der Galerie Villa Maria gezeigt.

Ab 1915 hat Brynolf Wennerberg, der 1866 in Djurgården als ältester von sieben Kindern geboren wurde und in Stockholm, Kopenhagen, München und Paris studierte, bis zu seinem Tod 1950 mit seiner Familie in der „Villa Mina“ am Kurpark gelebt. „In seinen Jahren in Bad Aibling hat er sich intensiv mit der Malerei beschäftigt. Zum Arbeiten hat er das ehemalige Atelier von Wilhelm Leibl in Bad Aibling angemietet“, erzählt Poitsch. „Den Weg ging er täglich auf die Minute genau. Da konnte man die Uhr danach stellen, wird erzählt“. Zur Wennerberg-Ausstellung war vom Kunstverein auch ein Wennerberg-Pfad auf diesem Weg durch die Stadt geplant. Poitsch und die Vorsitzende des Kunstvereins, Martina Thalmayr, sind enttäuscht, dass dies nicht zustande gekommen ist. „Wir konnten dafür nicht genügend Sponsoren gewinnen, aber wir wollen den Pfad noch machen. Jetzt gibt es den Pfad erst einmal als digitale Karte auf unserer Internetseite unter www.wennerberg-bad-aibling.de“, so Martina Thalmayr.

„Nach dem Krieg ist Brynolf Wennerberg etwas in Vergessenheit geraten“, berichtet Christian Poitsch. Eigentlich sei der Maler ein Weltenbummler gewesen. Er habe 1914 mit der Familie in Paris gewohnt und habe aber nach einem Urlaub in der Schweiz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im September nicht mehr dorthin zurückkehren können. So sei er 1915 in Bad Aibling in der „Villa Mina“ plötzlich sesshaft geworden. Dass es gerade der Kurort in Oberbayern wurde, vermutet Poitsch in Wennerbergs angeschlagener Gesundheit. „Außerdem war Aibling nahe bei München und nahe seines geliebten Chiemsees, wo er die Sommer auf der Fraueninsel verbrachte“. Seine Plakate erreichten bei Auktionen oft höhere Preise als Original-Gemälde. „Sie können schon zwischen 3000 und 12 000 Euro kosten“, weiß Poitsch. Auch in der Ausstellung sind zwei originale Wennerberg-Plakate zu sehen.

In der Nazizeit habe sich Wennerberg mit Auftragsarbeiten über Wasser gehalten. „Da hatte er nicht mehr viel zu tun“, so Poitsch. SeinBild der selbstbewussten Frau habe auch nicht dem Frauenideal der Nazis entsprochen.

Die Ausstellung werde hauptsächlich vom Kunstverein Bad Aibling gestemmt, berichten Thalmayr und Poitsch. Etwa 20 000 Euro koste die Ausstellung. „5000 Euro kommen von der Stadt, 5000 vom Kunstverein, 5000 von Sponsoren und 5000 Euro sollen durch Einnahmen erzielt werden“, rechnet Poitsch vor, der auf mindestens 2500 Besucher hofft. Helfen sollen bei der Finanzierung auch Postkartendubletten aus dem Besitz von Poitsch, die es zu einem Preis zwischen 25 und 80 Euro zu kaufen geben wird.

Bei seinem Konzept setzt Kurator Christian Poitsch vor allem auf die Bilder. „Es gibt wenig Text und nur knappe Beschriftungen. Dafür bieten wir viele Veranstaltungen und viele Führungen an, auch für Gruppen und Schüler“.

Führungen, Vorträge, Öffnungszeiten

Termine der Führungen sind an den Sonntagen 28. August und 4. und 11. September, jeweils um 10.30 Uhr, an den Mittwochen 31. August und 7. und 14. September um 18.30 Uhr jeweils in der Villa Maria. Die Wennerberg-Biografin Ruth Negendanck hält dort am Donnerstag, 25. August, um 20 Uhr den Vortrag „Ein Lächeln für die Welt“. Lesungen mit dem Schauspieler und Regisseur Michael Stacheder sind an den Donnerstagen, 1. September und 15. September um 20 Uhr, und von Max Regensburger und Christian Poitsch am Donnerstag, 8. September, um 20 Uhr in der Galerie des Kunstvereins. Lange Nacht im Kunstverein ist am Samstag, 27. August, von 18 bis 22 Uhr.

Öffnungszeiten sind donnerstags von 18 bis 20 Uhr, samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr.

Anmeldungen zu den Führungen sind erforderlich unter der Telefonnummer 01 71/545 09 92. Sonderführungen sind ebenfalls möglich. rf

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