Verzweiflung im Badeanzug bei den Wasserburger Theatertagen

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Die Truppe von „Latriviata“ setzte jede noch so absurde Vorgabe aus dem Publikum in schlüssige Oper um.

Große Oper auf Zuruf? Kein Problem für die vier Sänger und den Pianisten der Improvisationstruppe "Latriviata". Im Rahmen der Wasserburger Theatertage trat die Truppe im Theater Belaqua auf und riss ihr Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. 

Wasserburg – Große Oper im Taschenformat oder: Mini-Oper ganz groß? So genau ist das bei der Impro-Truppe „Latriviata“ aus München nicht zu entscheiden. 

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Eindeutig ist nur, dass weder Verdis ähnlich betiteltes Werk mit im Spiel ist, noch die Akteure irgendwie je ins Triviale abrutschen. Es werden auch keine berühmten Vorlagen parodiert oder gar persifliert. 

Zündender Witz aus dem Stegreif

Menschliche Gefühle und Gefühlsausbrüche kommen in Reinkultur und in meist verblüffendem Kontext über die Rampe. Mit frischem, zündendem Witz und alles aus dem Stegreif. also im Augenblick aus dem Hut gezaubert!

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Kein Wunder, dass das amüsierte Wasserburger Publikum vor Begeisterung außer Rand und Band geriet, zumal es als umschmeicheltes „Regieteam“ auch noch interaktiv tätig sein und mit Stichwort-Zurufen die Fantasie der Akteure in die Gänge bringen durfte. 

"Zu eng, zu eng!"

Zu Aufwärmen gab es ein paar Szenen, in denen die Sänger zu Beginn ihre künstlerische Visitenkarte abgaben. Verlangt waren als Reizwörter ein Gegenstand und ein Gefühl. Aus „Badeanzug“ und „Verzweiflung“ musste jetzt eine Arie gebastelt werden. Da zupfte die Sängerin an ihrem Gewande und schluchzte mehrmals verzweifelt „Zu eng! Zu eng!“ Auf diese Möglichkeit waren die Zuschauer nicht gefasst ... 

Vier Sänger reichten völlig aus

Vier Sänger und ein Mann am Klavier genügten für einen opulenten Opernabend: Die Herren Andreas Dellert, eigentlich ein idealer Sarastro, und Olaf Cordes mit mächtigem Bass, beide hochgewachsen und seriös, aber nun doch pfiffig agierend, den Schalk im Nacken, und die Damen Maria Helgath, vom Typ Mozartsche Gräfin, und Sybilla Duffe, geschmeidig und auch stimmlich wendig wie ein Kammerkätzchen. 

Pianist als Zehnfinger-Orchester

Gab’s einen Komponisten? Der phänomenale Pianist Michael Armann, bescheiden ein gewaltiges Pensum bewältigend, war alles in Personalunion, „Zehnfinger-Orchester“ mit virtuosem Zugriff, Dirigent – ja, und eben auch Komponist oder richtiger Improvisator. Ein belauschtes Pausengespräch: Eine Dame meinte, die Musik sei natürlich schon vorher festgelegt, nur der Text sei improvisiert! 

Wir können jetzt nicht die Trickkiste der Opern-Crew analysieren. Doch auch musikalische Bausteine müssen klug kombiniert werden und sofort abrufbereit sein. So gesehen hatte Michael Armann auch als Korrepetitor fit zu bleiben, um als „Sänger-Flüsterer“ seine Leute sensibel aufs richtige Gleis zu führen. 

Eine weitere spannende Inszenierung bei den Theatertagen

Langeweile kam keine auf, schon weil sich die einzelnen Nummern stetig steigerten: Von anfänglichem, eher lockerem Geplänkel ging’s zügig zu größeren Formen und schließlich kulminierte der Abend in einer „Großen Oper“!

Kleine Zettel auf der Bühne 

Kleine Zettel lagen auf der Bühne verstreut, auf welche die Zuhörer in der Pause einen Satz in direkter Rede geschrieben hatten. 

Zudem sollte durch Zuruf der Name der Protagonisten, ihre spezifische Eigenschaft, Hobby und Beruf festgelegt werden. „Don Juan“ musste nach dem Willen des Parketts partout schwul sein, und „Helena“ durfte nicht singen können. 

Sogar Reime aus dem Stegreif

Ein Bravourstück für sich, wie die Sänger ihre absurden Vorgaben inklusive der vom Boden gepickten Sätzchen mit Delikatesse und schlagfertiger Spielfreude umsetzten. Sogar griffige Reime fielen ihnen ein. Und nichts ging ins Leere, die Kurve wurde gekratzt, und zum Gaudium aller wurde immer ein pointierter und pointenreicher Aktschluss angesteuert.

 Das Finale sollte nach dem Willen der Mehrheit vom Happy End gekrönt werden – für progressives Regie-Sprechtheater wahrscheinlich eine spießige Zumutung! Doch Oper darf eben anderen Gesetzen folgen... 

Glanzvolle Stimmen

Nicht zuletzt genossen die Zuhörer glanzvolle Stimmen. Die Sänger könnten locker auch in Verdis „La Traviata“ mithalten. Ihr Vorhaben, das Publikum zu „eropern“, ist ihnen jedenfalls mehr als gelungen!

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