So trotzen die Tiroler Festspiele Erl Corona mit dem „Kulturreigen“

Festspiele Erl 2020 Musicbanda Franui Mikolaus Habjan
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Am Schluss erscheint inmitten der Musicbanda „Franui“ der Wanderer-Puppe der Puppen-Tod, alles von Nikolaus Habjan gehandhabt.
  • vonRainer W. Janka
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Jeder Konzertveranstalter trotzt Corona auf seine Weise. Die Tiroler Festspiele Erl tun dies mit der Erschaffung eines „Kulturreigens“ mit kürzeren Konzerten, weniger Musikern auf der Bühne und mit einem ausgeklügelten Abstandskonzept. So hat es funktioniert.

Erl – Überall wuseln eilfertige junge Menschen herum und desinfizieren unermüdlich alles, in den Toiletten ist auf die Spiegel der Anfang der „Hymne an die Freude“ geklebt, um an die Länge des Händewaschens zu mahnen, im Saal ist jeder zweite Sitz ist abgedeckt, alle sitzen im Schachbrettmuster und dazwischen leuchten kleine rote Bar-Lämpchen: hygienisch und elegant zugleich.

„Versammlung der Unerschrockenen“

Auch die Eröffnungsreden des „Kulturreigens“ der Tiroler Festspiele in Erl waren sehr kurz gehalten: Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner apostrophierte die Zuhörer als „Versammlung der Unerschrockenen“ und der Landeshauptmann Günther Platter wünschte sich, dass dieser Kulturreigen“ Optimismus verbreite. Es spielte das Kammerorchester Bologna, dessen Mitglieder zum großen Teil sonst im festspieleigenen Orchester mitspielen. Ihnen war die Freude am öffentlichen Musizieren deutlich ins Gesicht geschrieben und sie war auch zu hören: Mit viel Leidenschaft und musikantischer Spiellust gingen sie ans Werk.

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Samuel Barbers „Adagio“ war die musikalische Art der Trauerbewältigung. Mit viel Gefühl und zartschmelzenden Celli schienen die Norditaliener der letzten Monate zu gedenken. Auf diese Trauer antwortete Vivaldis Konzert Nr. 11 mit freudigem Trotz: Ein swingendes Brio und große Agilität herrschte da, abgelöst von einem ausdrucksstarken Largo, das am Ende ins Unhörbare verschwand: Die Musiker schufen damit eine große Spannweite von musikalischen Empfindungen, vom Konzertmeister Francesco Iorio mit großer Gestik vorgezeichnet.

Die „Chrysanthemen“ von Puccini waren kein impressionistisch verwischter, sondern dezent kolorierter Blumenstrauß, der Serenade von Peter Tschaikowski, die manchmal das Süßliche streift, verliehen die Musiker Würde, der Walzer darin war charmant und geschmackvoll und klang fast wie Filmmusik zu Viscontis „Il Gattopardo“.

Kleine Zugabe aus dem Tannhäuser

Als kleine Zugabe spielte die Truppe aus Italien deutsche Musik: eine Streicherfassung der „Tannhäuser“-Ouvertüre als Gruß an die berühmten Wagner-Opern-Aufführungen in Erl.

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Die sonntägliche Matinée tags darauf gestaltete die Musicbanda „Franui“ aus Osttirol, Dauergast bei den Erler Festspielen, mit ihrer gewohnten Mischung aus Volks- und klassischer Musik. Diesmal hatten sie den Puppenspieler Nikolaus Habjan als Mittäter dabei. Daraus ergab sich ein bewegendes Spiel mit Musik, Worten, Figuren und Puppen, das der romantischen Figur des Wanderers nachspürte mit Musik von Schubert, Schumann und Mahler und mit Texten vornehmlich von Robert Walser.

Mit Reisekoffer auf die Bühne

Nikolaus Habjan kam mit einem Reisekoffer auf die Bühne, dem er zuerst eine große Puppe im Anzug entnahm, die dann eine kleinere Puppe im weißen Hemd auspackte: Symbol für den Autor und dessen Figur, wobei jedes Mal der Kopf von Puppe zu Puppe wanderte, je nachdem, ob der Erzähler oder die erzählte Figur sprach. Am Ende geht alles in Rauch auf, weil die Autor-Puppe sich eine Zigarette anzündet.

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Auch die Musik wanderte zwischen Tonarten und Musikstilen und Komponisten, verweilte lange bei Gustav Mahler und versank schließlich langsam immer mehr in todsüßer Traurigkeit: Der Kulturreigen wurde hier letztendlich zum Todesreigen.

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