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Klassiker in der Rosenheimer Theaterinsel

Tragische und freche „Iphigenie auf Tauris“: Lachen mit oder über Goethe?

Iphigenie – hoheitsvoll und tragisch, gespielt von Katharina Reuter.
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Iphigenie – hoheitsvoll und tragisch, gespielt von Katharina Reuter.
  • VonRainer W. Janka
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Wer in Rosenheim Klassiker auf der Bühne sehen will, muss in die „Theaterinsel“ gehen. Wer Klassiker frisch aufbereitet sehen will, muss in die „Theaterinsel“ gehen. Wer sich an der Spiellust junger Schauspieler freuen will, muss in die „Theaterinsel“ gehen.

Rosenheim – So spiellustig zeigten sich die Mitwirkenden, dass sie für „Iphigenie auf Tauris“ von Johann Wolfgang von Goethe ein eigenes Pausengetränk mixen, nämlich die von Orest erwünschten „Lethes Fluten“, rot oder weiß.

Nur wenig brauchte es auf der Bühne: eine Artemis-Statue auf einer Säule, einen Thronsessel für König Thoas und den delphischen Spruch „Erkenne dich selbst“ in griechischen Lettern auf der schwarzen Rückwand.

Mit Blindheit geschlagen

Unter der Regie von Stefan Hanus agierten die jungen Schauspieler vorbildlich tragisch, aber auch frech mythen-ironisch. Iphigenie, die Tempeldienerin, funktioniert den Zigarettenrauch als Weihrauch um und putzt mit Arbeitsschürze das Götterbild: Sinnbild für ihre trostlose Lage auf Tauris, fern der griechischen Heimat. Orest ist buchstäblich mit Blindheit geschlagen und trägt deshalb anfangs eine Augenbinde. Der Fluch der Erinnyen wegen des von ihm verübten Muttermordes äußert sich sichtbar als unerträglicher Juckreiz: ein glänzender Bühneneinfall – der aber ungeahnte Folgen hat.

Androgyne Aspekte

Pylades wird von einer Frau gespielt, was reizvolle androgyne Aspekte ergibt. Sophie Pölcher gibt dieser Figur des listig-klugen Praktikers so viel Gewitztheit und Respektlosigkeit den Göttern gegenüber, dass sie streckenweise zur Hauptfigur wird. Sie kann auch am besten mit Goethes Blankversen umgehen, spielt mit ihnen liebevoll und holt sie vom klassischen Sprach-Kothurn. Vor allem bringt sie Humor hinein: Mit Pylades kommt das Lachen ins Drama.

Muttermord und Juckreiz

Das Lachen kommt auch dann bei den Zuschauern, als Orest bei der Erzählung des Muttermordes immer mehr vom Juckreiz geplagt wird, er kratzt sich immer manischer und windet sich am Boden – so sehr, dass Iphigenie es schwer hat, ihren hohen Ton beizubehalten. Ist das von der Regie geplante Respektlosigkeit dem grausamen Mythos gegenüber oder ungewollte Folge des Regieeinfalls? Oder gar ein Verweis auf das berühmte homerische Gelächter? Lacht man mit oder über Goethe? Thoas, der Barbaren-König, trägt Anzug und Hipster-Bart - auch dies ein zu zahlreichen Assoziationen anregender Einfall: Schließlich zitiert der moderne Hipster-Bart ironisch den Rückfall des Mannes ins Holzfällerhaft-Animalische.

„Haut endlich ab“

Also auch hier wieder: ironische Brechung von Mythen. Alexander Fessler verleiht dem König Thoas eine latent lauernde herrscherliche Autorität. Und er hat das letzte Wort – allerdings nicht, wie Goethe es will: Er wünscht nicht das berühmte humane „Lebt wohl!“, sondern ruft genervt aus: „Haut endlich ab!“ Und fügt dann kopfschüttelnd an: „Diese Griechen…“ Als wenn er sagen wollte: „Die spinnen, die Griechen!“ Der – angebliche – Barbar ist nur genervt von der so gepriesenen Kultiviertheit der Griechen, die sich aber immer nur in blutrünstigen Mythen zeigt.

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„Ich habe nichts als Worte“, sagt Iphigenie. Und mit Goethes Worten können alle jungen Schauspieler ausgezeichnet umgehen, besser als so mancher Staatsschauspieler… Nur Franziska Reuter als Arkas lässt den Wortsinn etwas verblassen, weil sie immer militärisch knapp und modulationslos sprechen muss.

Herkunft nicht vergessen

Katharina Reuter als Iphigenie ist hoheitsvoll bis zum Schluss, spricht in leichtem angenehm bairischem Tonfall, moduliert ihren Text je nach Gewichtigkeit und wird schneidend, wenn sie die Rolle als Frau beklagt. Sie weiß in jedem Satz, wovon sie spricht, und deklamiert leidend, tragisch und sich ihrer Herkunft als Fürstentochter immer bewusst. Robert Reichert als Orest ist ein schöner blonder Sagenheld, der, nachdem er vom Fluch befreit ist, immer bloß das Schwert schwingen will. Auch er artikuliert immer verständlich und verständlich machend.

Aufruf an Schüler

Es war ein erfrischender Theaterabend: Ihr deutschlehrergeplagten Schüler, kommet zuhauf in die Theaterinsel und sehet, wie blutvoll ein scheinbar blutleeres Goethe-Drama ist!

Weitere Vorstellungen sind an den kommenden Wochenenden bis zum 3. Dezember jeweils um 20 Uhr, an den Sonntagen um 17 Uhr, Karten gibt es unter www.theaterinsel.de sowie an der Abendkasse.

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