Kulturbranche im Koma

Theaterunternehmer Jörg Herwegh über Arbeitsalltag während Corona: „Im Gröbsten etwas Positives finden“

Theaterunternehmer, Regisseur und Bühnentechniker in einer Person: Jörg Herwegh in seiner Theaterwerkstatt in Wasserburg.
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Theaterunternehmer, Regisseur und Bühnentechniker in einer Person: Jörg Herwegh in seiner Theaterwerkstatt in Wasserburg.

Wasserburg – Unter den Kulturschaffenden hat die Corona-Krise die Theaterleute in der Region hart getroffen. Bis auf ein kurzes Intermezzo mit reduzierten Zuschauerzahlen bleibt der Spielbetrieb weiterhin komplett eingestellt. Die Kulturredaktion hat Theatermacher Jörg Herwegh in seiner Werkstatt besucht.

Anfang November 2020 Jahres wurden die Theater bereits zum zweiten Mal in ein künstlerisches Koma versetzt. Wie geht es Ihnen als Kulturschaffender mit der gegenwärtigen Situation und wie gehen Sie damit um?

Jörg Herwegh: Nun, es freut mich, wenn sich Leute nach uns erkundigen. Wir leben ja von der Öffentlichkeit und sind stark darauf angewiesen, dass man zu uns kommt. 2020 wäre für unser Ensemble ein super Jahr gewesen. Wir hatten feste Gastspielverträge in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, aber dann kam alles anders.

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Für die meisten Künstler begann bereits mit dem ersten Lockdown im Frühjahr ein fortwährendes finanzielles Desaster. Persönlich geht es mir gut, denn selbst im Gröbsten suche ich noch etwas Positives zu finden. Wenn nicht noch etwas ganz „Dickes“ kommt, werden wir die Krise überstehen. Wir haben uns schon vorher etwas breiter aufgestellt, meine Frau Constanze im Bereich Multimedia und ich biete Coaching in den Bereichen Kommunikation, Atemtechnik und Sprechtraining an.

Mit der Corona-Arbeitsschutzverordnung gilt seit dem 27. Januar ein Homeoffice-Gebot. Wie sieht Ihr derzeitiger Arbeitsalltag als Theatermacher aus?

Herwegh: Im Moment repariere ich Bühnenschweinwerfer. Fast könnte man meinen, ich habe mehr Arbeit als vor Corona. Nein, Spaß bei Seite, aber zu tun gibt es tatsächlich genug. Anders als manche vielleicht glauben, sind wir Theaterleute auch keine Luftikusse. Theaterarbeit erfordert unglaublich viel Disziplin, beginnend bei der Bühnentechnik bis hin zur Inszenierung neuer Stücke.

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Gerade sitze ich an Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“. Die Handlung basiert auf den Originaltexten, wird aber in der Zukunft spielen. Die Art der politischen Diskussion in der Coronakrise hat mich auf die Idee gebracht.

Bei einigen Ihrer Kollegen heißt das Gebot der Stunde „Dann eben im Stream“. Wie stehen Sie zu digitalen Spielplänen und dem Angebot an virtuellem Theatererleben für zuhause?

Herwegh: Die Bühne lebt für mich durch ihre Präsenz, mit ihren Stücken, mit ihren Darstellern. Deshalb habe ich mich den Online-Angeboten ganz bewusst verweigert. Theater muss man „live“ erleben, es sehen, hören, fühlen und spüren, erst dann ist man mittendrin. Und wir werden verlieren, wenn versuchen, in Konkurrenz zum Film zu treten.

Wie wird Ihrer Meinung nach das Theater nach Corona aussehen?

Herwegh: Es wird wohl kein Theater wie vorher mehr sein. Statt „immer höher und weiter“ wird es schlanker werden und sich verjüngen, eine Entwicklung, die schon vorher angestoßen wurde und sich jetzt beschleunigt. (Janeczka)

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