Theaterprojekt in der Rosenheimer Vettern: Robert Musil und der Punchingball

Im Kampf mit dem Punchingball und dem Text: Giulia Fuchs rezitiert Prosa von Robert Musil.
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Im Kampf mit dem Punchingball und dem Text: Giulia Fuchs rezitiert Prosa von Robert Musil.

Einen langen Atem beweist das Ensemble „Regie als Faktor“. In einem Theaterprojekt bringt die Truppe immer neue Aspekte von Robert Musils Roman „Mann ohne Eigenschaften“ auf die Bühne der Vetternwirtschaft. In der zehnten Folge lieferte Giulia Fuchs eine beeindruckende Performance.

von Walter Prokop

Rosenheim – Kann man sich vorstellen, dass die so lebensnotwenigen und zugleich lukrativen Kampfsportarten wie Tennis, Boxen oder Fußball zu Beginn des 20. Jahrhunderts, also noch zur Zeit, als Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ spielt, in den Kinderschuhen steckten! Man hatte bei Körperertüchtigungen noch die Illusion, hier würde Kameradschaftsgeist gefördert, ja, Sport verbinde. Trotzdem stellt Ulrich, dieser angeblich eigenschaftslose Mann und nüchterne Mathematiker fest, Sport sei roh! „Man behaupte natürlich das Gegenteil...; aber das beweise im Grunde nur, dass Rohheit und Liebe nicht weiter von einander entfernt seien als der eine Flügel eines Vogels vom anderen.“

Die vielen Facetten der Hauptfigur

Zur Sache: In der zehnten Folge des Inszenierungsprojekts durch das Team „Regie als Faktor“ (Valerie Kiendl und Dominik Frank) in der Rosenheimer Vetternwirtschaft wurde nun endlich die Hauptperson Ulrich durchleuchtet in all seinen Facetten, von seinem Ehrgeiz, eine bedeutende Persönlichkeit zu werden, bis zu seinem sportlichen Selbstverständnis. Die bisherigen Folgen ließen wirbelnd die schillernden, zum Teil herrlich exzentrischen Nebenfiguren Revue passieren.

Also Spot auf Ulrich? Nein, dieser in seinem Denken doch sehr differenzierte Mensch tritt nicht persönlich auf. Vielmehr besteht die Bühne aus einem erhöhten Geviert, von Seilen abgegrenzt (in denen nach dem K.O. der Verlierer hängen darf. Und in der Mitte lauert bösartig auf einer flexiblen Stange der Punching-Ball. Giulia Fuchs betritt den Ring, zünftig boxermäßig bekleidet, und versetzt ihrem Gegner planmäßig und gekonnt Treffer in seine Visage. Nach wenigen Minuten unterbricht ein Klingelzeichen das Scharmützel, die Regie drückt der sportiven Schauspielerin das Textblatt in die Hand und nun liest Giulia Fuchs den O-Ton Musils.

Eine Performance also – in den 60er Jahren operierten die berühmten Performer mit echtem Blut oder ließen sich in den Arm schießen, um somit auf die „böse Welt“ aufmerksam zu machen. Nein, soweit ging „Regie als Faktor“ gottlob nicht; aber was der Hauptdarstellerin abverlangt wurde, zählt eindeutig zu einer weit übertariflichen Beanspruchung!

Klare Diktion und harte Geraden

Die zupackende Boxerin lässt mit ihrer klaren Diktion, ihrem wandlungsfähigen Timbre und einem diskreten Charme, der selbst den immer kritischen Autor entzückt hätte, die anspruchsvolle Prosa Musils lebendig werden. Aber nicht genug: Das erste Blatt geht zur Regie zurück und nun verbeißt sich Giulia Fuchs wieder in ihren leblosen, aber sehr präsenten und vor allem blitzschnell reagierenden Gegner. Elegant weicht sie seinen Schlägen aus und bearbeit den Ball mit nicht nachlassender Energie.

Abendfüllende Darbietung

Wie oft wiederholte sich das: Rezitation, Boxkampf, Rezitation, Boxkampf...? Der Rezensent hat nicht mehr mitgezählt. Nach eineinhalb Stunden machte sich dann die herbstliche Nachtkühle (Open-Air dank Corona!) bemerkbar, sowie die Bestuhlung, die halt doch mit dem Charme unbequemer Kirchenbänke den Rücken traktierte.

Obwohl als „Kurz-Inszenierung“ angekündigt, war die Darbietung mit zwei Stunden dann doch sehr abendfüllend. Das Publikum, sichtlich fasziniert, hielt diszipliniert durch und spendete enthusiastischen Beifall. Ermüdungserscheinungen aber auch nicht bei Giulia Fuchs: Ihr Kampfgeist schien zuletzt noch ungebrochen. Und ihre Rezitation? Animierend bis zum Schluss!

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