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Inszenierung des „Don Karlos“

Theaterinsel senkt dunkle Düsternis über die Lande König Philips

Prinz Carlos (Luca Kronast-Reichert) bettelt um die Liebe seines Vaters Philipp (Marie Elliot-Gartner).
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Prinz Carlos (Luca Kronast-Reichert) bettelt um die Liebe seines Vaters Philipp (Marie Elliot-Gartner).

Taschenlampen geistern durchs Dunkel, das die Bühne beherrscht: Dunkle Düsternis herrscht im Lande Philips, des tyrannischen Königs von Spanien, der seinerseits von der Inquisition tyrannisiert wird. Die Theaterinsel Rosenheim hat sich mit Schillers „Don Karlos“ auf beeindruckende Weise eines Klassikers angenommen.

Rosenheim – Leer und schwarzkalt ist die Bühne, übervoll von heiß hochkochenden Gefühlen aber sind die Seelen der ganz in schwarz gekleideten Personen. In der oberen Thronempore gähnt zwischendurch eine unsichtbare Vertiefung, in die Prinzessin Eboli und Prinz Carlos stürzen: Tödliche Fallgruben lauern ständig auf die Höflinge.

Bewundernswerte Intensität

Das junge Team der „Theaterinsel“ (Regie: Luca Kronast-Reichert) wuchtet den viereinhalbstündigen Dramen-Brocken „Don Carlos“ von Friedrich von Schiller mit bewundernswerter Intensität, akribischer Durchdachtheit und Durchhaltekraft auf die kleine Bühne. Genau kann man als Zuschauer die Liebeswirren, Eifersuchtsdramen, Palastintrigen, Briefirritationen und Befreiungsversuche für Flandern verfolgen. Die Lichtregie (Thomas Eiwen und Fabian Behr) ist nicht immer logisch, dafür werden die Kostüme ((Sophia Pölcher und Luca Kronast-Reichert) gegen Ende hin immer prunkvoller und spanisch-höfischer.

Starke Szenen bleiben im Gedächtnis: Riesige spanische Hüte beschatten im Garten von Schloss Aranjuez die Damen der Königin und verbergen damit deren Mienenspiel. König Philip fertigt den Verhaftungsbefehl für Carlos in schnellen Standbildern aus, die die dramatische Hektik symbolisieren. Der gefangene Prinz Carlos wird einem entwürdigenden Waterboarding ausgesetzt. Vor einem blutroten Hintergrund sitzt der Bluthund Herzog Alba und raucht zufrieden einen Zigarillo, während Leichensack um Leichensack herangeschleppt wird. Das letzte drohend-knarzende Wort in der Düsternis hat der Großinquisitor in Gestalt von Klaus Paschke mit Stock, Hut und weiß wucherndem Kopf- und Barthaar.

Balance zwischen Haupt- und Nebenszenen

Der Regie gelingt nicht immer die richtige Balance von Haupt- und Nebenszenen. So dürfen Alba und Carlos ein langes Duell ausfechten, bis die Königin Einhalt gebietet. So darf Prinzessin Eboli ausgiebig ihrer Liebes- und Eifersucht frönen – und Pia Niederecker tut das lustvoll mit nervenzerrender Verve. So manche Verse hätten noch rhetorisch geschärfter sein können und auf so manche rhetorischen Redundanzen hätte man auch verzichten können.

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Aber den langen, langen und jambengespickten Text haben alle gut drauf: Graf Lerma (Justus Dallmer) schleicht immer ölig herum, meint Gutes und schafft damit Böses. Dafür ist Lorenz Huber als intrigierender Pater Domingo zu wenig ölig-salbungsvoll. Als Herzog Alba knallt der wuchtige Thomas Eiwen seine Stiefel genauso rabiat auf den Boden wie seine Worte den anderen ins Gesicht: ein machtbewusster und rabiater Kriegsschlächter.

Als Marquis Posa ist Fabian Behr noch zu sehr textverhaftet für den republikanischen Überschwang, dessen rhetorisches Feuer der König bewundert. Und anfangs auch etwas zu kühl. Seine Tonlage müsste insgesamt etwas höher, heller und damit mitreißender sein. Aber seine chevalereske Männlichkeit und die Darstellung seiner Männerfreundschaft überzeugen.

Verzweiflungsvolle Rolle

Luca Kronast-Reichert wächst im Laufe des Abends immer besser in die verzweiflungsvolle Rolle des Carlos hinein, der seine Stiefmutter liebt, sich der Liebe der Prinzessin Eboli erwehren und um die Liebe seines Vaters rührend-vergeblich kämpfen muss und der von Posa für dessen Freiheitstraum instrumentalisiert wird. So jünglingshaft verletzlich, so anrührend naiv und so schmerzlich getroffen ist er, dass man ständig mit ihm Mitleid hat: eine starke Schauspielerleistung! Königinnenstolz und doch in ihrer Emotionalität eingesperrt und deswegen immer kurz vor dem emotionalen Vulkanausbruch dominiert Sophia Pölcher als Königin Elisabeth ihre Szenen.

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Der interessanteste und anfangs befremdendste Regieeinfall betrifft den König: Ihn spielt Marie Elliot-Gartner mit immer strengem Gesicht im langen schwarzen Ledermantel. Nicht nur spielt die Frau den Mann, sondern sie spricht ihren Text auch zum großen Teil in Englisch. Das vergrößert die sprachliche und damit auch emotionale Distanz zu des Königs Umgebung und zu ihrem Sohn Carlos. Elliot-Gartner spricht ihren Text in wutschnaubendem Shakespeare-Pathos, spuckt ihre Sätze verachtend aus und setzt einzelne Wörter wie Säbelhiebe. Das ist furchteinflößend wirksam.

Die Gefahr dabei aber ist die des Überdrehens: Da wird aus dem wütenden König Lear bisweilen eine mantelschwingende und wild keifende Macbeth-Hexe. Aber im unmittelbaren körpernahen Dialog hat das bellend-raumgreifende und tyrannisch-gefährliche Wucht.

„Geben Sie Gedankenfreiheit!“

Durchaus symbolisch ist, dass der Zentraldialog mit Posa („Geben Sie Gedankenfreiheit!“) auf Deutsch erfolgt: Da ist der deutschsprechende Posa dem deutsch radebrechenden König sprachlich überlegen und kann sich so in sein/ihr Herz einschleichen.

Einen langen Atem braucht der Zuschauer, aber er wird dafür auch mit einem großen Theaterabend belohnt. Gespielt wird an den kommenden Wochenenden bis zum 21. Mai, freitags und samstags um 20 Uhr und sonntags um 16 Uhr. Tickets können online unter www.theaterinsel. de erworben werden.

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