Theaterinsel: Ehe-Klischees mit Leben gefüllt

Zeigen eine Lehrstunde in gescheiterter Kommunikation: Frank Magener als Valentin Dorek und Birgit Schier als Joana Dorek. Oliver Schmid als Psychologe verzweifelt.
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Zeigen eine Lehrstunde in gescheiterter Kommunikation: Frank Magener als Valentin Dorek und Birgit Schier als Joana Dorek. Oliver Schmid als Psychologe verzweifelt.

In einer unterhaltsamen Inszenierung zeigt die Theaterinsel Rosenheim von „Die Wunderübung“ des österreichischen Erfolgsautors Daniel Glattauer. Ein Ehepaar treibt in der Paartherapie einen Psychologen in die Verzweiflung - dabei haben sie sich doch einmal geliebt.

von Kilian Schroeder

Rosenheim – 18 Jahre sind eine lange Zeit. In einer Ehe mögen sie manchen noch viel länger erscheinen. So wirkt es jedenfalls beim Ehepaar Dorek, das sich an ihre gemeinsamen, glücklichen Momente kaum noch erinnern kann. Die Theaterinsel Rosenheim führt die Komödie „Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer auf, in der sich besagte Eheleute in Paartherapie begeben. Seit 18 Jahren verheiratet, können die beiden kaum noch ein freundliches Wort miteinander wechseln. Selten wurde das Klischee des alten Ehepaares so gut auf die Bühne gebracht.

Aussichtslose Therapie

Schon bevor das Licht im kleinen Saal der Theaterinsel ausgeht, ist die Szenerie klar: Birgit Schier und Frank Magener als Joana und Valentin Dorek sitzen auf der Bühne und würdigen sich keines Blickes. Sie halten einen Sicherheitsabstand ein, gegen den die Corona-1,5-Meter wie romantische Zweisamkeit wirken. Der Psychologe, gespielt von Oliver Schmid, betritt die Bühne und eine Therapieeinheit beginnt, die aussichtslos wirkt. Jede Übung, ob Rollentausch mit dem Gegenüber oder der Versuch, die Faust, beziehungsweise das Herz des Anderen zu öffnen, endet damit, dass sich die Doreks gegenseitig angiften. Sie wirft ihm vor, emotional nichts in die Beziehung zu investieren, er sieht sich als Sündenbock – erstaunlich viel erinnert an die letzte US-Präsidentschaftsdebatte. Um hier das Wunder des Friedens zu schaffen, muss der Psychologe ganz tief in die Trickkiste greifen.

Klischees ausgereizt

Der „Wunderübung“ merkt man an, dass sie realen Erfahrungen entspringt. Daniel Glattauer, selbst psychosozialer Berater, zeichnet in seinem Stück ein Umfeld, das für den Zuschauer echt und damit zugänglich wird. Natürlich sind die Figuren ein einziges Klischee – Valentin Dorek, der technische Direktor in irgendeiner Flugzeugfirma als wandelnder Anzug, Joana Dorek, die eigentlich gebildete Historikerin, die sämtliche familiäre Pflichten übernimmt. Und der einfühlsame, Pullunder tragende Psychologe mit einem Hund namens „Sigmund“. Aber das macht alles nichts, genau diese Klischees sorgen dafür, dass man die Situation der Paartherapie sofort als gegeben hinnimmt. Im Gegenteil, es macht Spaß, den Darstellern beim Ausreizen dieser Klischees zuzusehen.

Schlichte Inszenierung

Die Inszenierung von Regisseurin Monique Nägele zeichnet sich durch ihre Schlichtheit aus. Kein aufwendiges Bühnenbild, nur ein paar Stühle, an der Rückwand hängen ein typische Psychologie-Praxis-Bilder. Die Schauspieler haben Platz, ihre Figuren zu entfalten. Wenn die Eheleute in Erinnerungen schwelgen, ändert sich das Licht, es wird warm und verträumt. Das Publikum wandert zusammen mit den Doreks zurück in die Zeit, als sie noch verliebt waren, ohne dass sich auf der Bühne nur das geringste ändert. Die Witze zünden, auch wenn sie manchmal etwas dick auftragen, und die ruhigen Momente entfalten die notwendige Ernsthaftigkeit.

Großartiges Ensemble

Das, was der „Wunderübung“ letztendlich den Charme gibt, ist die Besetzung. Alle drei Schauspieler spielen großartig und schaffen es so, die Klischees in Realität aufzulösen. Frank Magener verkörpert spielfreudig einen etwas altmodischen Mann, der auf den ersten Blick gefühlskalt wirkt, aber eigentlich doch sehr stolz auf seine Ehe ist. Birgit Schier macht Joana Dorek zu einer Frau, der man sofort abnimmt, dass sie sich eigentlich den Mann zurücksehnt, in den sie sich vor 18 Jahren verliebt hat. Das macht die beiden Zankhähne zu einem liebenswerten Paar. Und Oliver Schmid spielt wunderbar detailverliebt einen bemühten, aber auch frustrierten Psychologen. In manchen Situationen, insbesondere gegen Ende des Stücks, hätten sich die Schauspieler mehr Zeit lassen können, die unbehagliche Stille mehr auskosten. Aber die Dynamik zwischen dem Ensemble ist immer stimmig.

Ein Stück, dasSpaß macht

Mit „Die Wunderübung“ hat Monique Nägele in der Theaterinsel ein Stück inszeniert, das unglaublich viel Spaß macht. Wie ein Kind freut man sich mit, wenn sich die Doreks zwischendrin näher kommen und ist enttäuscht. wenn sie sich wieder anschreien. Neudeutsch gesagt, ertappt man sich dabei, die beiden zu „shippen“. Ein Wermutstropfen für „Die Wunderübung“ in der Theaterinsel ist, dass aufgrund der Auflagen nur ein kleines Publikum kommen kann und der Applaus so zwangsläufig mager ausfällt. Dieses Ensemble hätte mehr verdient.

Weitere Termine

„Die Wunderübung“ ist noch bis Samstag, 14. November, jeweils am Wochenende zu sehen, freitags und samstags um 20 Uhr, sonntags um 17 Uhr. Die Tickets können online auf der Website der Theaterinsel erworben werden.

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