Theater Wasserburg in Zeiten der Corona-Krise: Schwanken zwischen Ängsten und Hoffnung

Theaterdirektor Uwe Bertram sitzt auf der kleinen Terrasse hinter seinem Büro vor der Wiese, ist guten Mutes und freut sich auf den Spielbeginn im Herbst. janka

Wasserburg – Corona-bedingt hat das Theater Wasserburg (früher „Belacqua“) seine Sommersaison verfrüht beendet. Die OVB-Heimatzeitungen haben sich mit Uwe Bertram unterhalten, der das Theater 2003 als professionelles Privattheater übernommen hat und seitdem leitet. Es sei ein Schwanken zwischen Ängsten und Hoffnung.

Wasserburg – 2004 hat Uwe Bertram die „Wasserburger Theatertage“ etabliert, bei denen jährlich professionelle freie Privattheater aus ganz Bayern ihre Produktionen präsentieren. Seit 2008 sitzt Bertram im Vorstand des Verbandes Freie Darstellende Künste Bayern e.V.

Herr Bertram, Wie fühlen Sie sich zurzeit?

Uwe Betram:Es sind unsichere Zeiten, die wir so nicht kennen. Ich bin immer guten Mutes, ich hatte nicht wirklich Schrecken hier. Wir schwanken so ein bisschen zwischen leichten Ängsten und Hoffnung.

Was wäre noch an Premieren auf dem Programm gestanden?

Bertram: Wir haben bei der Endprobenwoche von „Krankheit der Jugend“ von Ferdinand Bruckner erfahren, dass nicht mehr gespielt wird. Wir haben dann noch eine Generalprobe gespielt. Seitdem ist Ruhe im Haus. Wir fanden das erstens einen guten Titel, zweitens beschäftigt Bruckner sich in diesem Stück mit Dingen, die ich wiedererkennen kann in unserer heutigen Jugend. Susan Hecker inszeniert es. Jetzt ist es eingemottet, wenn wir wieder aufmachen dürfen, steht uns die Premiere ins Haus. Was wir vor allem verloren haben: die Theatertage! Wir haben mit dem Gedanken gespielt, sie in den Herbst zu verlegen, machen das aber nicht. Für uns sehr traurig ist auch: Wir waren mit „Leonce und Lena“ von Georg Büchner für die Bayerischen Theatertage in Memmingen eingeladen – die auch heuer nicht stattfinden werden. Wir werden für das Bruckner-Stück im Juni anfangen zu probieren, das dürfen wir ja schon hochoffiziell, aber wir werden nicht mehr vor dem Sommer aufmachen.

Aber Sie hoffen, im Herbst aufmachen zu können.

Bertram:Das hoffen wir alle und wir sind alle gespannt, unter welchen Hygiene-Standards.

Fürchten Sie um Ihre Existenz?

Bertram:Wir nicht. Da wir als Privattheater gefördert sind durch das Land Bayern, die Stadt Wasserburg, den Bezirk Oberbayern und durch den Landkreis Rosenheim und die Förderstruktur einem Stadttheater sehr ähnlich ist. Das befähigt mich jetzt, dass ich meine Schauspieler und Tänzer, die sozialversicherungspflichtig fest angestellt sind, zu halten und zu bezahlen und trotzdem nicht pleite zu gehen. Es ist im Moment ein bisschen perverser Zustand, den auch die Stadt- und Staatstheater haben, dass ein Theater, das nicht spielt, besser aufgestellt ist, als wenn es spielt. Wenn ich nicht spiele, erzeuge ich auch keine Kosten. Das widerspricht dem Theater natürlich komplett, alle leiden wie die Hunde.

Das erweckt auch den Neid der freien Kulturschaffenden.

Bertram:Natürlich! Ist ja klar, dass das zu Unwuchten und Begehrlichkeiten führt. Da werden Hass-Argumente ausgetauscht. Ich ärgere mich darüber sehr, denn ich bin eher am unteren Ende der Nutznießer. Diese Neiddiskussion bringt uns allerdings keinen Millimeter weiter. Wir sollten uns alle einig sein.

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Mussten Sie Kurzarbeit einführen?

Bertram:Das war eine große Diskussion, auch mit dem Ministerium. Da wurde mir gesagt, bei meiner Größe und bei meinem Gagengefüge bin ich nicht dazu verpflichtet. Ich habe fünf Beschäftigte.

Sie sind im Vorstand des Landesverbands des Deutschen Bühnenvereins und waren gestern in einer Sitzung. Sind da Szenarien einer möglichen Öffnung der Theater besprochen worden?

Bertram:Sie saßen alle ein bisschen wie ein Kaninchen vor der Schlange, weil heute von Ministerpräsident Söder ein klarer Termin kommen sollte. (Anmerkung der Redaktion: Der Termin ist der 15. Juni.) Da flogen Hygiene-Konzepte hin und her. Zurzeit erstellt jedes Theater mit jeder Kommune Hygiene-Konzepte. Da gibt es aberwitzige Vorschläge, zum Beispiel für Sänger, die ein Plastikschild vorm Kopf haben, im Orchester sollen Masken getragen werden: Das ist alles katastrophal.

Wie kann man da Liebesszenen proben?

Bertram:Das ist alles für mich ein Rätsel. Die Schauspieler hier in Wasserburg wissen, dass ich sie immer auseinandertreibe, ich mag dieses Nase-an-Nase-Theater nicht. Die Spannung ist eh besser, wenn man ein paar Meter zwischen sich hat. Aber ich bin auch echt im Moment ratlos.

Es gibt also vielleicht wieder das, was alle hassen: ein Aufsage-Theater.

Bertram:Richtig – darauf läuft alles hinaus.

Dann wären wir wieder beim alten griechischen Theater angekommen.

Bertram:Das berühmte verschriene Standbein/Spielbein! Wir werden es mit neuen Theater-Ästhetiken zu tun bekommen. Wir werden anders aussehen und anders klingen. Damit müssen wir uns endlich abfinden. Es wird keiner sagen: Ab Herbst ist alles so wie früher.

Als Anhänger des klassischen Theaters würde ich mich freuen, wenn dann wieder mehr die Sprechkunst gepflegt würde.

Bertram:(lacht) Und schon sitzen wir beide in einem Boot! Es wird weniger geturnt und mehr gesprochen. Ich bin gespannt! Eins weiß ich: Ein Irrweg sind die Video-Produktionen im Internet. Das ist manchmal ganz lustig, hat leider überhaupt nichts mit Theater zu tun. Da ist das Theater, da sitzt das Publikum, und wenn es das nicht gibt, ist es kein Theater! Wir haben ein treues Publikum, wir haben viele Nachfragen, wir haben rührendste Spendenangebote. Eine ältere Dame wollte uns „ein paar Euro“ zukommen lassen. Ich sage dann, wenn Sie uns unterstützen wollen, kommen Sie, wenn wir wieder spielen! Wir haben einen unheimlichen Zuwachs im Förderverein. Das sind so Zeichen dafür, dass wir nicht alles falsch gemacht haben können.

Das ist auch schönes Zeichen dafür, dass Sie in der Region verwurzelt sind.

Bertram:Das meine ich auch - vor allem, weil oft gesagt wird, dass wir nur für die Klugscheißer am Werk sind (lacht).

Was kommt dann in der nächsten Spielzeit?

Bertram:Sie sind der erste, der es hochoffiziell zu hören kriegt: Wir werden uns mit „Hoffmanns Erzählungen“ beschäftigen, nicht mit der Oper, sondern mit dem Stoff. Anfang Oktober werden wir Premiere haben. Das wird eine große Produktion. Wir haben jemanden, der das schreibt. Unsere Musiker sind da auch ganz scharf. Es wird wenig Offenbach geben. Annett Segerer wird ein Kinderstück inszenieren. Und dann können wir viele Wiederaufnahmen machen, weil wir mit allen Stücken noch nicht wirklich durch sind. Auf jeden Fall kommen die „Drei Schwestern“ und „Der Kirschgarten“ von Tschechow wieder und wir müssen nochmal „Leonce und Lena“ spielen, damit wir dann fit sind für die Theatertage in Memmingen!

Das klingt ja nach prallvollem Theater!

Bertram:Ja, Gottseidank! Aber mit der Spannung: Wieviel dürfen da rein… Es ging einigen Theater so, als es hieß, wir dürfen bald wieder spielen – das hat die meisten Theatermacher erschreckt! Die haben nämlich alles schon runtergefahren. Wir spielen nach der Sommerpause unter halbwegs klaren Bedingungen. INTERVIEW: RAINER W. JANKA

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