Stück von Ferdinand Bruckner

Theater Wasserburg spielt „Krankheit der Jugend“: Verstörender Blick auf die Generation lost

Er hat die Ladies fest im Griff: Hilmar Henjes fordert als Freder volle Aufmerksamkeit von der sitzenden Dragqueen (Nik Mayr), der forschen Marie (Magdalena Müller) und der kühlen Blonden (Annett Segerer).
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Er hat die Ladies fest im Griff: Hilmar Henjes fordert als Freder volle Aufmerksamkeit von der sitzenden Dragqueen (Nik Mayr), der forschen Marie (Magdalena Müller) und der kühlen Blonden (Annett Segerer).

Verstörend, aufwühlend und faszinierend zugleich ist die neue Produktion des Theaters Wasserburg. Ferdinand Bruckners Stück „Krankheit der Jugend“ ermöglicht einen Blick auf die Generation lost.

Wasserburg – Geplant war die Premiere des Stücks „Krankheit der Jugend“ bereits im März. Doch Corona hat dies verhindert - und es hat die schier unbegrenzten Möglichkeiten des Theaters begrenzt. Alles auf Abstand, alle mit Maske. Im Publikum wirklich und auf der Bühne sind es die Figuren, die zu den anderen auf Abstand bleiben, weil sie nur sich selbst kennen und nur sich selbst verwirklichen wollen.

Ferdinand Bruckner, alias Theodor Tagger, der sein Talent zwischen Musik (Studium bei Schreker), Literatur und Theater entdeckte, hat in seinem dramatischen Erstlingswerk über eine Wohngemeinschaft angehender Mediziner das Panoptikum einer verlorenen Generation vorgestellt.

Erinnerung an Geborgenheit

Nach dem Ersten Weltkrieg hat die Jugend den Glauben an einen Sinn in der Gesellschaft verloren. Was geblieben ist, ist im Fall der hochbegabten adeligen Desiree die Erinnerung an ein Glück, das sie als Kind kuschelnd mit ihrer Schwester erlebt hat. Diesem Gefühl jagt sie von einem Exzess zum anderen nach.

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Doch weder Drogen, noch promiskuitiver, gar lesbischer Sex helfen zu diesem maximalen Lustgewinn – den kann nur der Tod mit Veronaltabletten ermöglichen. Zuvor allerdings vergnügt sie sich mit dem großen Zampano der Wohngemeinschaft, dem aalglatten Freder, der als Sexual-Zauberer alle bezirzt und Unheil anrichtet.

Wenn Karrieremenschen feiern

Die Promotionsfeier der Karrierebewussten macht den Raum zum Gefühls-Labor. Die aus armen Verhältnissen stammende Mitstudentin spannt ihr den ausgehaltenen Freund aus, ehe Freder sich „das Bubi“ schnappt. Und dann greift er sich die Neue, die sich nur in den Tod retten kann So bleiben am Ende zwei übrig: Feder und die junge Doktorandin, die nur noch eine Chance sehen, am Leben zu bleiben: indem sie heiraten und sich ins bürgerliche Leben retten.

Dazu käme noch das Dienstmädchen, das Feder zu Diebstahl und Prostitution zwingt - diese Rolle wird hier so nebenher auf die anderen Figuren verteilt, damit es auf der Bühne kein allzu großes Gedränge gibt.

Abstruse Story

Eine abstruse Story, doch im Grunde geht es gar nicht um diese verflochtenen Einzelgeschichten, sondern um Befindlichkeiten. Und so verlagert Regisseurin Susan Hacker alles aus der Jugendstil-Villa in die Disko, in der zu entsprechenden Klängen jeder alleine für sich tanzt und sich dabei in einem Spiegel betrachtet. Nur Freder, dessen Ego für mehrere reicht, darf sich in übers Eck angeordneten Spiegeln als Vielfältiger gerieren.

Alle Darsteller geben eher seltsam manierierte Sätze von sich, die hastig vorbei rauschen und im musikalischen Grundgefüge auch mal untergehen.

Wenn die frisch Promovierte in Medizin abfragt, dann weiß man plötzlich woher Thomas Bernhard in seinem Stück „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ die Idee her hat, eine ganze Leichenöffnung verbal auf die Bühne zu bringen. Bei Ferdinand Bruckner geht es um die Leber, die später auch Werner Schwab fasziniert hat in „Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos“.

Seelischer Toilettengang

Man erkennt Frank Wedekinds Faszination an der Prostitution wieder und an dem schönen wilden Tier in seiner skandalösen „Lulu“. Und statt Jack the Ripper darf Desiree davon träumen, dass ihr Freder in der Sex-Ekstase die Halsschlagader durchbeißt. Das war 1926 bei der Uraufführung eine unerhörte Provokation.

Heute rührt uns dies eher weniger an, weil wir Hannibal Lecter kennen. „Krankheit der Jugend“, wo moralische Grundsätze nicht kümmern, wird zum seelischen Toilettengang – sehr unterhaltsam anzusehen, was an den engagierten und tänzerisch expressiven Darstellern liegt. Sie transponieren die Figuren ins Heute.

Annett Segerer, kürzlich noch als kindliche Anne Frank zu sehen, wird zum platinblonden Vamp in der engen Lackhose, die ihre Unsicherheit mit einer gehörigen Portion Stolz kaschiert. Amelie Heiler ist mit rotem geschlitzten Abendkleid und Rokoko-Perücke jederzeit die Noble per excellence. Magdalena Müller dagegen setzt rote Haare und ein Pailettentop ein, um nach oben zu kommen.

Nik Mayr, der sanfte, unbedeutende Künstler wird im blauen Fummel und mit blauen Haaren zur Dragqueen, die jeder mal benutzen darf. Bleibt der große Zampano Freder, den Hilmar Henjes punkig, in Rockstar-Manier, oftmals mit Griff ans Gemächt, vorführt. Vermissen könnte man lediglich eine Fallhöhe, ein sich Aufschaukeln der absurden Paarungen– aber dafür hätte man auf der Bühne miteinander in Clinch geraten müssen. Doch das ist in Zeiten von Corona nicht möglich.

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