Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


„REGIE ALS FAKTOR“

Musils Frauenmörder Moosbrugger tanzt zu Strawinsky

„Sacre du Musil“: Im sandigen Rund, von den Zuschauern umgeben, stellt Tänzerin Laura Kupzog eine Figur aus Musils Roman dar und interpretiert zugleich Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“.
+
„Sacre du Musil“: Im sandigen Rund, von den Zuschauern umgeben, stellt Tänzerin Laura Kupzog eine Figur aus Musils Roman dar und interpretiert zugleich Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“.

Konzerte und Theateraufführungen schießen nun wieder wie Pilze aus dem Boden, und eine der originellsten Produktionen gab es in der Rosenheimer Vetternwirtschaft zu bestaunen: Robert Musils Tausendseiter „Der Mann ohne Eigenschaften“ wurde in zwölfter Folge auf der Bühne präsentiert.

Rosenheim – Diesmal pickten sich die Regisseure Valerie Kiendl und Dominik Frank das Kapitel mit dem rätselhaften Titel „Moosbrugger tanzt“ heraus.

Es war jedoch kein Gesellschafttanz, durch den sich der längst inhaftierte Frauenmörder anderen Damen annähern hätte können, bevor er sie lustvoll filettierte...

Aber nun müssen wir etwas weiter ausholen! Moosbrugger - kaltblütiger Sadist oder einfach nur ein armer Irrer? – zieht als psychologisches Rätsel das Interesse einflussreicher Vertreter der guten Gesellschaft auf sich. Aber aus ihm selbst ist wenig Schlüssiges zu erfahren. Diesem Kleiderschrank von Mann steht nämlich nur ein beschränktes Vokabular zur Verfügung: „Die Worte, die er hatte, waren: Hmhm, soso.“

Damit ist wenig Staat zu machen. Auch er selbst dümpelt dumpf vor sich hin, die Umwelt wirkt auf ihn feindselig, fremd und undurchschaubar. Zwar: „Pünktlich kam die Suppe. Pünktlich wurde er geweckt und spazierengeführt. Alles in der Zelle war pünktlich streng und unverrückbar.“ Diese Ordnung ging nicht von ihm aus, sondern war ihm „auferlegt“. Er sehnte sich nach gutem Essen und träumte von großen Tellern mit Schweinsbraten.

Anspruchsvolle Inszenierung

Aber plötzlich geschah etwas Unfassbares: „Wirres richtete sich dort draußen gleich. Krauses wurde glatt. Ein lautloser Tanz löste das unerträgliche Surren ab, mit dem ihn die Welt sonst oft quälte...Und dann tanzte Moosbrugger...Tanzte würdig unsichtbar, er, der im Leben mit niemand tanzte, von einer Musik bewegt, die immer mehr zu Einkehr und Schlaf wurde... tanzte tagelang, ohne dass es jemand sah, bis alles außen, aus ihm heraus war, steif und fein wie ein Spinngewebe, das der Frost unbrauchbar gemacht hat, an den Dingen hing.“ Wie inszeniert man so etwas, dass sich die subtilen Überlegungen Musils optisch und akustisch erschließen?

Tanz in der Manege

Ort des Geschehens: Das Außengelände der Vetternwirtschaft. Die Stühle fürs Publikum umgeben ein mit Erde gefülltes manegenartiges Rund. Nach einer wie gewohnt temperamentvoll-witzigen Einführung durch das Regieteam, das die Fäden der Handlung auf den Punkt bringt, erscheint Laura Kupzog, die Tänzerin, liest erst mal das einschlägige Kapitel des Romans vor. Dann erklingt in voller Lautstärke Igor Strawinskys skandalumwittertes Ballett von 1913 „Le Sacre du Printemps“.

„Sacre du Musil“

„Sacre du Musil“ war der Titel des Abends. Die Verwandtschaft ist zu greifen: Auch der Roman spielt im Jahr 1913, welches bekanntlich schon mit dem Ersten Weltkrieg schwanger ging. Die stampfenden, peitschenden Klänge Strawinskys entfalteten eine ungemein differenzierte Klanglichkeit, deren raffinierte Farbigkeit man erst viel später zu goutieren gelernt hat.

Laura Kupzog verkörperte einerseits den sich gleichsam selbst therapierenden Moosbrugger – aber sie bot wesentlich mehr, nämlich den Menschen an sich, der zwar jubelnde Aufschwünge kennt, aber sich auch der Niederlagen und Bedrängnisse mühevoll erwehren muss. Im Original kulminiert dieses archaische Ballett im Tod der Tänzerin. So werden die Götter versöhnt und der Frühling lässt reiche Ernte erwarten.

Der „Sacre du Musil“ verzichtet auf diese barbarische Opferung, die Tänzerin hüpft kurz entschlossen während des „Danse sacrale“ aus dem magischen Kreis. Wie aber wird es dem Mörder Moosbrugger ergehen?

Heftiger und lang anhaltender Beifall für Laura Kupzog, die nicht nur rein physisch (eine gute halbe Stunde Schwerstarbeit!) ihren Part imponierend bewältigte, sondern auch durch die Ausgefeiltheit ihrer Choreographie die Zuschauer überwältigte.

Mehr zum Thema

Kommentare