Tassilo und Römerstein: Erstaunliche neue Erkenntnisse über die Fraueninsel und den Inseldom

Nicht nur Urlaubsidylle, sondern ein Ort, an dem die bayerische Geschichte lebendig wird: Die Fraueninsel mit ihrem Koster und der Torhalle.
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Nicht nur Urlaubsidylle, sondern ein Ort, an dem die bayerische Geschichte lebendig wird: Die Fraueninsel mit ihrem Koster und der Torhalle.
  • vonKlaus Bovers
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Dr. Bernd Steidl von der Archäologischen Staatssammlung in München zieht aus einem altbekannten Römerstein neue Schlüsse über das Kloster auf der Chiemeeinsel und dessen Stifter, Bayern-Herzog Tassilo.

Fraueninsel/Breitbrunn – In diesem Tagen erschien im Chiemgauer Verlagshaus „Das Geheimnis von Frauenchiemsee“, ein „mysteriöser Inselkrimi“, wie ihn seine Autorin Angela Waidmann selber nennt. In der Handlung kommt auch eine reale Figur vor: Dr. Bernd Steidl von der Archäologischen Staatssammlung in München. Was er über die Fraueninsel entdeckt hat ist weit weniger mystisch, als das Geheimnis im Roman. Und trotzdem spannend.

Herr Dr. Steidl, Sie sind Hauptkonservator an der Staatssammlung für das Arbeitsgebiet „Römerzeit in Bayern“. Als Spezialist für den Limes kennt man Sie auch. Wie weit ist der Weg für einen Archäologen vom Limes bis zur Fraueninsel?

Dr. Bernd Steidl: Das sind schon zwei sehr verschiedene Dinge, und eingeplant war die Fraueninsel eigentlich auch nicht. Doch der Chiemgau ist für mich als Archäologe schon sehr spannend! Bayern als heutiges Gebiet hat ja Anteil an drei römischen Provinzen: Noricum, zu dem der Chiemgau gehörte, Rätien, also alles, was westlich des Inns lag, und ein kleiner Teil von Germania Superior im Nordwesten. Alle drei Provinzen waren von völlig unterschiedlicher Prägung.

Bodenschätze brachten Geld

Worin bestanden diese Unterschiede?

Steidl: Der Nordwesten, also bis Mainz hinauf, wurde durch die Militärpräsenz und Ansiedlung von Legionen stark romanisiert, Rätien dagegen fiel stark dahinter zurück. Hier schlug das einheimische Element stark durch. Noricum jedoch war schon vor den Römern ein gut und straff organisiertes keltisches Königreich, bekannt für seine Bodenschätze wie Gold, Kupfer, Eisen, Salz und Bergkristall. Alles Dinge, mit denen man in der antiken Welt ziemlich viel Geld machen konnte.

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Dann herrschte also östlich vom Inn zur Römerzeit der Wohlstand?

Steidl: Immerhin gibt es im Chiemgau archäologische Nachweise von großen Landgütern mit Mosaik- und Marmorböden, außerdem eine Dichte von aufwändigen Grabdenkmälern, die ungewöhnlich ist. Wenn man die Grabmale kartiert fällt auf, dass westlich des Inn davon nichts mehr zu sehen ist. Für Repräsentation und Selbstdarstellung hat man im Noricum offenbar keine Kosten gescheut.

Händlerclans ließen sich nieder

Was weiß man über die Menschen, die sich in der Römerzeit hier im Chiemgau niedergelassen haben?

Steidl: Da muss ich noch einmal auf die Bodenschätze im Noricum kommen. Die wurden, wie alle Bodenschätze im Römischen Reich, grundsätzlich als staatliches Monopol verwaltet. Die Abbaurechte wurden dann verpachtet an Unternehmer und Händler, die in unserem Fall vermutlich aus Oberitalien kamen. Und diese Händlerfamilien, richtig große Clans aus den Städten wie vor allem Aquileia, waren sofort präsent, sobald Noricum nach einer relativ friedlichen Okkupation für sie zugänglich gemacht worden war. Zum kulturellen Selbstverständnis dieser Gesellschaftsschicht gehörten unter anderem auch aufwändige Grabstelen aus Marmor.

Verschlepptes Material

Hat man solche „Römersteine“, wie der Volksmund diese Funde nennt, auch auf der Fraueninsel gefunden?

Steidl: Was man auf der Fraueninsel an römischen Spuren gefunden hat, war alles „verschlepptes Material“, wie wir das nennen. Und damit sind wir bei dem, was mich ungeplant auf die Fraueninsel und damit auf das Kloster neugierig gemacht hat. In den sechziger Jahren haben Professor Miloj und später Dr. Hermann Dannheimer systematische Grabungen auf der Fraueninsel betrieben, wobei man auch die genaue Datierung der Klostergründung im Jahr 782 ermitteln konnte. Seit 2005 ist dieses Ergebnis veröffentlicht und gilt als wissenschaftlich anerkannt. Bei den Grabungen wurden auch verschiedene römische Spolien gefunden, also wiederverwendete Bauteile, deren Inschriften für mich interessant waren. Eine solche Spolie, eine Marmorplatte, kam übrigens schon 1845 nach München ins Museum.

Was war an dieser Platte so interessant für Sie?

Steidl: Vor allem ihr Fundort: Der Kreuzgang in der Klosterkirche auf der Fraueninsel. Gefunden wurde sie wohl um 1812, als nach der Säkularisation historisch Interessierte das Gemäuer durchstreiften. Und weil die Schriftzeichen römisch waren, veranlasste der damalige Kreisrichter, dass die Marmorplatte nach München kam. Meine Recherche ergab, dass sie ursprünglich Teil eines pfeilerförmigen Grabmals gewesen war, dessen Inschrift auf einen hier ansässigen Römer hinwies. Der hatte zugleich wichtige Ämter in Kärnten inne und konnte sich offenbar ein schickes Landgut im Chiemgau leisten. Genau so interessant war aber die Rückseite der Platte, die bisher noch niemand genauer angeschaut hatte. Ich wollte wissen, welche Geschichte dieser Stein erlebt hatte!

Die Geschichet des Römersteins

Das wollen wir ebenfalls, doch aus Platzgründen fassen wir zusammen, was Dr. Steidl berichtet: Der Ursprung war ein gestreckt stehender römischer Quader aus Marmor mit der erwähnten römischen Inschrift auf der Vorderseite. Der fand um die Zeit der Klostergründung seinen Weg auf die Fraueninsel, wurde dort umgelegt und von der Rückseite her ausgehöhlt zu einem Sarkophag, der innen purpurrot ausgemalt wurde. Ohne seinen Zweck zu erfüllen, sind irgendwann seine Seitenwände abgeschlagen worden, so dass eine Platte entstand, die auf einer Seite noch die römische Inschrift aufwies. Bearbeitungs-Merkmale und Maße deuten klar darauf hin, dass sie zeitweise als marmorne Grabplatte für die Grablege der seligen Irmingard verwendet wurde. Bei den späteren gotischen Umbauten des Inselmünsters ist die Platte zerbrochen und fand sich zuletzt in der Hälfte ihrer ursprünglichen Größe im Kreuzgang des Inselmünsters als Bodenplatte, zusätzlich versehen mit den Initialen einer adeligen Chorfrau von Haunsberg und deren Sterbejahr 1671. Endstation war München, Spuren der purpurroten Bemalung haben sich bis heute erhalten.

Herr Dr. Steidl, Sie haben doch sicher einen Grund für Ihre intensive Forschungsarbeit an diesem so oft wieder verwendeten „Römerstein“. Welche Fragen haben sich dabei für Sie gestellt und welche Antworten haben Sie gefunden?

Steidl: Ich habe mich in der Zeit auch intensiv mit der anfänglichen Baugeschichte des Klosters beschäftigt und die weist Besonderheiten auf: Die Torhalle zum Beispiel, sie ist eher eine Art Herrscher-Monument als ein Bestandteil des Klosters, ausgestattet im Obergeschoss mit einem Marmor-Porphyr-Boden, der aus Italien geholt worden sein muss. Der Klostergründer Tassilo hat da etwas gemacht, was später Karl der Große gerne tat: Architektur-Elemente aus dem Süden importieren und in seine eigenen Bauten übernehmen. Auch das Baumaterial des Klosters ist absolut ungewöhnlich für diese Zeit, werkfrischer Tuffstein, dazu professionell bearbeitet, wie es im frühen Mittelalter in Bayern niemand beherrschte.

Was kann man daraus schließen?

Steidl: Der Bayern-Herzog Tassilohat sich Bauleute aus dem Süden geholt. Der Grundriss und die Vermaßung der Kirche zeigen, dass diese Leute mit dem römisch antiken Maßschema (Duodezimalsystem, Red.) gearbeitet haben müssen. Alles folgte einem durchgezirkelten Architektenplan, aber eben auf römischer Grundlage und nicht bestimmt von der mittelalterlichen Zahlenmystik, wie sie später seit Karl dem Großen üblich war. Dazu passen Details aus der Bautechnik, zum Beispiel Estrichböden, die mit Ziegelmehl angereichert sind. Das ist Teil einer Tradition, die wir aus dem römischen Thermenbau kennen.

Wie kommt ein Bayernherzog des frühen Mittelalters dazu, sich derart römisch zu orientieren?

Steidl: Diese Anleihen aus dem Süden? Wenn man sich überlegt dass Tassilos Frau Luitberga die Tochter des Langobardenkönigs Desiderius war, also dem „Nachfolger“ der Römer in Ober- und Mittelitalien, dann kann man sich schon gut vorstellen, woher der Bayern-Herzog seine Ideen und Bauleute herhatte.

Tassilo hat wie man weiß zahlreiche Klöster gegründet, waren die alle derartig besonders ausgestattet?

Steidl: Ganz sicher nicht, auch wenn Klöster-Gründungen um diese Zeit immer auch Herrschaft absichern sollten oder neue Räume zu besiedeln halfen. Doch Frauenchiemsee war offenbar für Tassilo ein Sonderfall, der heute Fragen aufwirft: Wieso setzt Tassilo auf die Fraueninsel ein Kloster, wo es doch auf Herrenchiemsee schon eines gab und im nahen Salzburg zwei weitere? (Abtei Nonnberg, gegründet 712, St. Peter, gegründet 696, Anmerkung der Redaktion) Warum entstand ausgerechnet im Chiemgau die größte Klösterdichte im ganzen bajuwarischen Herzogtum?

Frauenchiemsee als Grablege?

Vielleicht eine Demonstration gegenüber seinem Widersacher Karl dem Großen?

Steidl: Denkbar. Für mich ergibt sich aus vielen Details eher der Schluss, dass Kloster Frauenchiemseevon Tassilo als Grablege für ihn und seine Frau Luitberga geplant war. Zu diesen Details gehört auch der aufwändig gestaltete Marmorsarkophag, unser „Römerstein“ vom Anfang: Tassilos Sarkophag. Dass dieser nie für ihn benutzt, stattdessen zerstört wurde, ist dem Gang der Geschichte geschuldet.

Und die Geschichte im Inselkrimi von Frau Waidmann?

Steidl:Die geht ein wenig anders. Inzwischen habe ich rein gelesen, doch ich bin noch nicht durch.

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