Staudham bei Wasserburg: Eine neue Verschwörungstheorie über die letzten Tage des Kini

Großschauspieler Jörg Herwegh verkörpert wie kein anderer den Kini. Seine Inszenierung: „Der Kini-Schiaßer“ war prall gefüllt mit Informationen und dramaturgischen Kniffen. Thomas Kirchgraber
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Großschauspieler Jörg Herwegh verkörpert wie kein anderer den Kini. Seine Inszenierung: „Der Kini-Schiaßer“ war prall gefüllt mit Informationen und dramaturgischen Kniffen. Thomas Kirchgraber

War es Mord? Suizid? Ein Unglücksfall? Das Erste, sagen patriotische Bayern. Auf der Bühne in Staudham bei Wasserburg dreht sich alles um den Kini und den „Kini-Schiaßer“. Dieser verrät Unglaubliches über König Ludwig II.

Staudham – Niemand hat die bayrische Seele so geprägt wie er: Ludwig II., unser Kini. Der tragische repräsentative Monarch, der keine Kriege führen wollte, sondern sich lieber den Künsten widmete und ein reiches Erbe hinterlassen hat, um das uns die ganze Welt beneidet. Der ganze Disneyland-Rummel ist nur ein schwacher Fake-Abklatsch des Originals, das die Kini-Schlösser etabliert haben. Wobei es gar nicht beabsichtigt war, dass das Volk ob Ludwig II. ins Schwärmen geraten sollte.

Sehnsuchtsträume dem Volk vorgeführt

Dass die Schlösser kurz nach dem Tod des Königs der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, war eher gedacht als Abschreckung und als Beweis dafür, dass der doch wahnsinnig war. Doch seine ausgelebten Kunstträume machten Ludwig II. nur wahnsinnig beliebt: Weil er seinem Volk Sehnsuchtsträume vorführte in seinen Schlössern, die nicht von Architekten, sondern von Theatermalern entworfen wurden. Weil er Wagners Musik ermöglichte. Weil er eine unglückliche Romanze um Kaiserin Sissi durchlitt.

Der patriotische Bayer zweifelt nicht: Mord

Ludwig II. ist unser Märchenkönig, und niemand darf Hand an ihn legen. Auch nicht ein Kini-Vertrauter wie der junge Schauspieler Josef Kainz, der auf der berühmten Fotografie von Hanfstaengl hinter dem sitzenden Monarchen steht und seine Hand auf dessen Schulter legt. Das wurde postwendend retuschiert.

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Wie überhaupt unser ganzes Bild von König Ludwig II. ständig retuschiert wurde – bis in unsere Zeit, wo die Wittelsbacher Erben eine Untersuchung seines Leichnams nicht gestatten, die endlich Klarheit hätte bringen können um sein Ende am/im Starnberger See.

Und nun gibt es also noch eine Retusche auf dem Theater: Jörg Herwegh, der alle Fakten und Theorien um Ludwig II. akribisch gesammelt hat, stemmt mit seinem „Kini-Schiaßer“ eine ganz neue Version der mysteriösen Vorgänge um seinen Tod auf die Bühne in der Staudhamer Landwirtschaft. Aus Aussagen von Zeitzeugen und historischen Dokumenten entsteht ein Kaleidoskop, das alle harten Fakten und mögliche Motive für den Mord am Kini zusammenschließt.

Hat der Versoffene was zu verbergen?

Denn dass unser Märchenkönig ermordet worden ist, daran besteht für einen patriotischen Bayern kein Zweifel. Die offiziell ausgegebene Selbstmord-Theorie glaubt niemand. Da konnte auch eine Verfilmung des Stoffes, mit Publikumsliebling O. W. Fischer nichts ändern, der am Ende verklärt mit ausgebreiteten Armen im See versinkt. Jörg Herwegh holt die Debatte um König Ludwig II. zurück ins Bodenständige. Er siedelt sein Stück vornehmlich im Wirtshaus an zwischen Saubauern und rustikaler Stammtischbesetzung, wo der versoffene Ex-Chevauleger des Kinis als Fremdenführer seine Geschichten zum Besten gibt und als „Kini Schiaßer“ gilt. Sollte er Ludwig II. wirklich auf dem Gewissen haben?

Herwegh – leibhaftige Verkörperung

Jörg Herwegh schlüpft nicht nur in diese Rolle, er verkörpert sie leibhaftig. An seinem kleinen Katzentischerl mit kitschiger Miniatur-Figur von Ludwig II. raunt, poltert und barmt er, als ginge es um sein Leben. Er lässt sich gar mehrfach in die Zwangsjacke des Verrückten stecken, rollt mit ihr gar stuntmäßig über den Tisch und fällt spektakulär zu Boden. Ein schauspielerischer Bravourakt, der das Publikum gebannt hält. Denn die anderen handelnden Personen sind eher Stichwortgeber, kaum erkennbare Personen – auch wenn sie die unterschwellige Boshaftigkeit kurz vor der Wirtshausrauferei sehr realistisch in Szene setzen. Als ärztliches Wachpersonal des auf Schloss Berg eingesperrten Kinis dienen sie eher dramaturgischen Zwecken, um die nötigen Informationen an Mann/Frau zu bringen.

Wie überhaupt ob der großen Informationsfülle das Stück bebildertes Hörspiel ist – nach dem Vorbild von Karl Kraus „Die letzten Tage der Menschheit“, nur geht es um die letzten Tage von Ludwig II. und um die letzten Tage des „Kini-Schiaßer“. Schließlich wollen die Einwohner von Berg nicht als Mitwisser gelten – auch wenn da einige offensichtlich bestochen worden sind, und sich nun als arme Schlucker große Häuser leiten konnten. Was der Kini-Schiaßer da alles ausplaudert, geht denn doch zu weit. Warum sollte die Welt denn wissen, dass am Todestag des Kinis die Gendarmen von Haus zu Haus gingen und der Bevölkerung verboten, sich abends im Freien aufzuhalten und schon gar nicht in der Nähe des Schlossparks.

Ein Kini-Tatoo auf der Brust – warum?

Der Kini darf auch selbst durch das Theaterstück geistern – ein Versatzstück wie der Kulissenumriss von Neuschwanstein. Und ganz am Ende, wenn der Kini-Schiaßer von der resoluten Schriftstellerin Frau von Rapali in die Enge getrieben mit seiner letzten Wahrheit herausrückt: einem Kini-Tattoo auf der Brust. Die Pointe wollen wir hier nicht verraten, ist sie doch das Spannungsmoment, auf das die Inszenierung hintreibt. Nur so viel: Der Kini-Schiaßer endet im Starnberger See – wie Ludwig II.

Das Publikum ließ sich nur allzu gerne von Herwegh und einer tadellosen Crew (Flo Wimmer, Steps Losen, Simon Mühlbauer, Constanze Baruschke, Marion Michel und Andreas Faltermeier) in Bann ziehen. Es spendete herzlichen Applaus. Und die Verschwörungstheorien um König Ludwig II. sind um eine Variante reicher (nächste Vorstellungen: 7. und 8. Dezember)

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