„Die Spanische Grippe kam aus Kansas“: Der Historiker Dr. Manfred Vasold im Interview über Seuchen

Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind,liegen 1918 in Betten eines Notfallkrankenhauses auf einem Militärstützpunkt in Kansas (USA). National Museum of Health and Medicine/dpa
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Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind,liegen 1918 in Betten eines Notfallkrankenhauses auf einem Militärstützpunkt in Kansas (USA). National Museum of Health and Medicine/dpa

Dr. Manfred Vasold (76) ist ein ausgewiesener Experte in Sachen Seuchen. Der in Rohrdorf lebende Historiker hat mehrere medizin- und sozialgeschichtliche Bücher über das Thema verfasst. Im Interview erklärt er, wie die Spanische Grippe zu ihrem Namen kam und warum die Zeitungen 1918 in Deutschland nicht über die Krankheit informierten.

Herr Dr. Vasold, Sie haben über die Pest, die Spanische Grippe und die Cholera geforscht. Woher kommt das Interesse an diesen Themen?

Manfred Vasold:Ich habe über den Ersten Weltkrieg gearbeitet. Da lesen Sie Bücher mit 800 Seiten, in denen Sie kein einziges Wort über die Spanische Grippe finden, die von 1918 bis 1920 weltweit mehr Tote gefordert hat als der gesamte Krieg. Im „Gebhardt – Handbuch der deutschen Geschichte“, einem Standardwerk der Geschichtsforschung, findet man dazu einen einzigen Satz. Mein Interesse gilt diesen weitgehend unbekannten Geschehnissen. Kaum jemand weiß zum Beispiel, dass Napoleons Truppen bei ihrem Rückzug aus Russland 1815 Fleckfieber, auch Typhus genannt, mitbrachten und damit in Europa eine Pandemie auslösten, die auch in Bayern wütete. Man liest davon kein Wort. Auch nicht darüber, dass bis 1870 in allen Kriegen weit mehr Soldaten Seuchen zum Opfer fielen, als durch feindliche Waffen getötet wurden.

Sehen Sie Parallelen zwischen der aktuellen Corona-Pandemie und der Spanischen Grippe vor etwas über 100 Jahren?

Manfred Vasold:Direkte Parallelen kann ich nicht ausmachen. Die Pandemie 1918, die ja in drei Wellen über den Globus raste, brach am Ende des Ersten Weltkrieges aus. Das ist insofern typisch, als dass es in der Geschichte häufig einen Zusammenhang zwischen Kriegen und Seuchen gab: 1854, während des Krimkrieges, gab es beispielsweise in Deutschland einen heftigen Cholera-Ausbruch, ebenso 1848 nach dem Deutsch-dänischen Krieg und 1866 nach dem deutschen Bruderkrieg.

Kam die Spanische Grippe 1918 wirklich aus Spanien?

Manfred Vasold:Nein, nach allem was man weiß, ist der Ursprungsort eine Farm in Kansas in den USA. Vom Mittleren Westen aus breitete sich die Krankheit rasch bis an die Küsten der USA aus. Als im März 1918 amerikanische Soldaten nach Europa eingeschifft wurden – insgesamt eine Million Mann –, kamen wohl auch Infizierte mit an Bord. Angesichts der beengten Lebensverhältnisse auf den Schiffen konnte sich die Grippe unter den Soldaten schnell ausbreiten. Etliche sind während der Überfahrt gestorben. Die infizierten Soldaten brachten die Krankheit nach Europa. In Deutschland brach die Spanische Grippe im März 1918 aus. Die Zeitungen berichteten darüber allerdings nicht. Es herrschte Zensur und man wollte dem Kriegsgegner gegenüber ja nicht als schwach erscheinen. Spanien allerdings nahm am Krieg nicht teil, dort gab es keine Zensur und von dort gab es Meldungen über die grassierende Grippe. Auch der spanische König erkrankte, was die Menschen damals natürlich interessierte. So ist vermutlich der Name entstanden. 1918 hatte man übrigens in München wegen der Spanischen Grippe ebenfalls die Schulen geschlossen, Thomas und Golo Mann erwähnen das in ihren Tagebüchern. Allerdings ging das übrige soziale Leben weiter. Die Menschen infizierten sich im Kino, bei abendlichen Tanzveranstaltungen oder am Arbeitsplatz. Dem Virus blieben genügend Möglichkeiten.

Kann man in der Geschichte Faktoren ausmachen, die es begünstigen, Opfer einer Seuche zu werden?

Manfred Vasold:Bei der Pest trifft dies tatsächlich zu. Wer ordentliche Schuhe trug, Strümpfe und lange Hosen und in einem Steinhaus wohnte, hatte wesentlich bessere Chancen, verschont zu bleiben, als jemand, der barfuß in elenden Bedingungen in einem Holzhaus lebte. Andere Krankheiten wie die Pocken oder aber die Grippe sind hochansteckend, so dass man sich kaum schützen kann. Im 18. Jahrhundert sind beispielsweise etliche Fürsten an den Pocken gestorben, ein bayerischer Kurfürst etwa oder die österreichische Kaiserin Maria Theresia.

Wir alle sind entsetzt über die Nachrichten aus Italien, wo sehr viele Menschen am Coronavirus sterben. Anderswo scheint die Sterblichkeit deutlich geringer zu sein. Gibt es da Parallelen zur Spanischen Grippe?

Manfred Vasold:In den amerikanischen Großstädten verlief die Seuche damals tatsächlich ganz unterschiedlich, und dies trifft auch für die Grippesterblichkeit zu, ohne dass man dafür Gründe nennen könnte. Die Grippesterblichkeit belief sich in Chicago auf 63 Promille, während Philadelphia eine Grippesterblichkeit von 156 Promille hatte, Baltimore von 147 und Pittsburgh von 99. In St. Louis (Missouri) betrug sie 28 Promille. Die Grippe traf einige kleine Städte viel heftiger als einige große, obgleich in großen Städten die Einwohner zumeist enger beieinanderleben: In Cumberland, einer kleinen Stadt in Maryland, erkrankten 41 Prozent der Bewohner an der Grippe. In San Antonio, einer staubigen Großstadt in Texas, war jeder Zweite krank. In Silverton, Texas, starben 125 Bewohner binnen einer Woche. In einigen sehr kleinen Gemeinden starben 30 Prozent der Einwohner. Warum das so war, lässt sich heute nicht mehr sagen. Interview: Klaus Kuhn

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