Konzert des "Chiemgauer Musikfrühlings" in Kloster Seeon

Seelenverwandtschaften in der Musik

Im "Chiemgauer Musikfrühling", der in unserer östlichen Nachbarschaft zwischen Traunstein, Traunreut und Seeon mit 13 Konzerten stattfindet, haben die künstlerischen Leiter sich um besondere Originalität bemüht und sie verwirklicht. Der Trend und die Erkenntnis haben sich durchgesetzt, dass die Anziehungskraft und der Erfolg einer Musikveranstaltung zum großen Teil schon allein mit einer guten Programmgestaltung gesichert ist. "Seelenverwandtschaften", einer der Leitgedanken der Konzerte, verrät, dass man bisher unerkannte Bezüge aufgreifen will und wie hier im Gegenüberstellen von Modernem und Altem das Zeitübergreifende hervorzuheben versucht: Mozart und Martinu, Schubert und Dohnanyi, Schumann und Richard Strauss, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Namen der Musiker verraten die Herkunft, wobei Osteuropa dominiert. Auch in der hier als herausgegriffenes Beispiel kommentierten Matinee im Kloster Seeon mit dem Titel "Prag - eine Legende" war dies der Fall: Das Streicherensemble mit Andrej Bielow, Alina Pogostkina, Sergey Malov, Razvan Popovici, Bernhard Naoki Hedenborg sowie der Klarinettist Reto Bieri, alle dies sind junge Musiker, die von Anfang bis Ende ihr großes Temperament erkennen ließen.

Antonin Dvoraks Streichquintett Es-Dur sollte den Zuhörer als "Zugpferd" für böhmische Musikkultur besonders anziehen und packen, wurde jedoch nicht in historischer Abfolge zu Beginn gespielt, sondern am Ende. Die Musiker wollten wohl sagen: Hört euch zuerst einmal an, was das 20.Jahrhundert aus Böhmen zu bieten hat mit Gideon Kleins Streichtrio, mit der Suite einer Zeitgenossin von heute, Betty Olivero.

Gideon Kleins Musik mahnte an schreckliche Zeit, an die kurze Zeit von 1919 bis zu seiner Ermordung 1945, die diesem Hochbegabten vergönnt war, Musik zu schreiben, die sich an den Großen dieser Zeit messen kann. Nicht derb ist die Rhythmik, immer klingt Volkstümliches hindurch und ein tief empfundener Atem des Erleidens. Ergreifend die Klage am Ende des so einfallsreich komponierten Variationensatzes: Wo Jugend zu solchen Tönen fähig ist, hat wohl die Not der Zeit dies bewirkt.

Auch die Klezmer-Suite aus der Stummfilmmusik zu "Golem" - einer mythischen Figur aus dem jiddischen Kulturkreis - forderte mehr, als dass sie eitel Freude vermittelte. In der Verfremdung des Klezmer und der Überhöhung des Klarinettenpartes durch die Streicher geriet Volksmusik quasi zur Kultaktion: Nicht mehr Übermut, eher Verbissenheit und Aggressivität klang hindurch - wie hatten die Zuhörer dies wohl empfunden?

Doch nun zu Dvorak: Intensität des Ausdrucks, Ausspielen von Dynamik und Rhythmus bis an die Grenzen, dies schien die Absicht der Musiker zu sein an diesem strahlenden Vormittag in Seeon. So präsentierte sich Böhmen, wie es lebt seit Urzeiten der Musik. Bald verblassten die Assoziationen an die Klassik, an Schuberts zarte Schauer, im schwelgerischen Strich von Geigen, Bratschen und Cello. Eine Urmusik, und wie entfesselt strebte das Finale seinem Ende zu.

Der "Chiemseer Musikfrühling" dauert bis zum 30. Mai. Es ist wert, diese interessanten Veranstaltungen zu besuchen!

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