Schreckliche Erlebnisse am Ende des Krieges

Viktoria Schwenger: „Fort, nichts wie fort – Zeitzeuginnen berichten von Flucht und Vertreibung“. Rosenheimer Verlagshaus, 14,95 Euro.
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Viktoria Schwenger: „Fort, nichts wie fort – Zeitzeuginnen berichten von Flucht und Vertreibung“. Rosenheimer Verlagshaus, 14,95 Euro.

Rosenheim – Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg und viele Menschen wurden vom Terror der Nazis erlöst.

Zahlreiche Deutsche mussten allerdings ihre Heimat im Osten verlassen, um der Rache der Besatzer, in deren Ländern die SS und Teile der Wehrmacht unvorstellbare Gräueltaten auch unter der Zivilbevölkerung begangen hatten, zu entgehen. Viktoria Schwenger hat mit zehn Frauen, die damals als junge Mädchen Schreckliches erlebt hatten und heute um die 90 und älter sind, gesprochen und deren Lebenswege in dem Buch „Fort, nichts wie fort“ lebendig und einfühlsam aus deren Perspektiven erzählt.

Die zum großen Teil schrecklichen Erlebnisse der Mädchen, die damals ihre Heimat durch Flucht, Vertreibung, Ausweisung oder Umsiedlung vor allem aus dem Sudetenland, aus Schlesien, aus Ostpreußen und aus der sowjetischen Besatzungszone verloren haben, gleichen sich oft: Da ist von Enteignungen und Repressalien die Rede, auch von Vergewaltigung, Mord und Zwangsarbeit in Lagern.

Hunger, Kälteund Entbehrungen

Dort müssen die Häftlinge Armbinden mit der Aufschrift „N“ für „Nemec“ („Deutscher“) tragen. Hunger, Kälte und Entbehrungen begleiten die Menschen auf ihrer Odyssee, „manche waren gezwungen, ihre Eltern, Großeltern, Mütter und Kinder im Straßengraben tot zurückzulassen“, heißt es im Vorwort.

Dabei scheuen sich manche Frauen nicht, die Ursache ihres Schicksals in den Verbrechen zu sehen, die Deutsche im Krieg den Polen, Tschechen und Russen angetan hatten, wenn eine Zeugin beispielsweise von Lidice erzählt, einem tschechischen Dorf, das nach dem Attentat auf SS-Obergruppenführer Heydrich dem Erdboden gleichgemacht wird.

Auch von der Verfolgung der Juden ist die Rede. So erzählt eine Frau aus dem oberschlesischen Ratibor, wie eine jüdische Schulfreundin nach der Pogromnacht 1938 plötzlich „verschwunden“ ist. Ein anderes Erlebnis zeigt die Begegnung mit einer SS-KZ-Aufseherin, die der flüchtenden Familie die letzten Lebensmittel abnimmt, um sie den halb verhungerten jüdischen Häftlingsfrauen auf ihrem Todesmarsch brüllend und demütigend wie Schweinefraß vor die Füße zu werfen.

Sogar gegen die eigenen Soldaten richtete sich der NS-Fanatismus: Auf ihrer Flucht Anfang Mai 1945 sah eine aus Troppau stammende Familie „gehenkte deutsche Soldaten, die desertiert und von der deutschen Wehrmacht liquidiert worden waren“.

Bei allem Grauenauch Positives

Im Gegensatz dazu gibt es auch positive Erlebnisse, wenn etwa polnische Zwangsarbeiter auf einem Rittergut freiwillig helfen, die Tiere zu versorgen, russische Soldaten das Auto einer von Königsberg fliehenden Familie aus dem Graben ziehen oder eine tschechische Witwe zwei Schwestern aus dem mährischen Müglitz vor den Nachstellungen der Männer beschützt.

Manche der Frauen haben auch einen Bezug zur Region: Ein aus Grafing stammendes Mädchen überlebt im Februar 1945 gerade noch die „Feuerhölle“ in Dresden, wo sie seit 1943 zur Schule geht, und flieht zurück nach Grafing. Ein anderes Mädchen aus einem Rittergut bei Weißenfels verschlägt es über zahlreiche Umwege nach Glonn, und eine aus Oberschlesien stammende Familie trifft auf dem Weg nach Vagen zur Schulkameradin der Mutter am zerbombten Rosenheimer Bahnhof zufällig deren Schwester. Die Geschichte der Norwegerin Morild, die ihn Bruckmühl ihre neue Heimat findet, hat Viktoria Schwenger in einem eigenen Roman ausführlich gestaltet (wir berichteten).

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