TAM-Ost spielt "Das Glas Wasser" von Eugene Scribe

Scharfe Wortduelle im Salon

Königin Anna (Barbara Schmitt) und Fähnrich Arthur Masham (Peter Schrank).  Foto  jacobi
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Königin Anna (Barbara Schmitt) und Fähnrich Arthur Masham (Peter Schrank). Foto jacobi

"Beim Einfädeln einer Intrige zuzuschauen, macht Spaß", findet Lord Bolingbroke. Recht hat er, denn auch das Premierenpublikum im Rosenheimer Tam-Ost genoss es sichtlich, zuzusehen, wie im Lustspiel "Das Glas Wasser" von Eugene Scribe Verschwörungen, Lügen, Gerüchte und Unterstellungen nicht nur menschliche, sondern auch politische Entwicklungen in Gang setzten. Wobei es für die Theaterbesucher weniger um das Sehen, vielmehr um das Hören ging, denn auf der Bühne wurde fast zwei Stunden lang vor allem eins getan: geredet. Kompliment den fünf Schauspielern aus dem Ensemble des Theaters am Markt, die wahrscheinlich so viel Text lernen mussten wie kaum jemals zuvor in der 27-jährigen Geschichte des Rosenheimer Theaters und die Handlung allein mit dem Wort vorantrieben.

Das Lustspiel "Das Glas Wasser" des französischen Autors Scribe, das 1840 in Paris uraufgeführt wurde und zu den Lieblingswerken von Tam-Regisseur Hermann Kunz gehört, besticht durch brillante Gesprächsduelle, gespickt mit rhetorischen Feinheiten. Wie im berühmten Film, in dem Gustaf Gründgens den Lord Bolingbroke so meisterhaft verkörperte, kommt dem redegewandten Intrigenspinner auch in der Inszenierung des Tam-Ost die entscheidende Rolle zu. Klaus Einsele leistet bravourös Schwerstarbeit: kaum eine Szene, in der er nicht das Wort führt, während er elegant auf der Bühne auf- und abmarschiert. Er spielt den Lord, der scheinbar mühelos die Fäden der Intrige in der Hand hält, als geschickt agierenden Politiker, dem es ebenfalls um persönliche Machtinteressen geht, der jedoch auch das Herz auf dem rechten Fleck hat.

Seine Widersacherin ist Daniela Mayer als Herzogin Marlborough, heimliche Herrscherin über die schwache Königin von England. In aggressiv-knallroter Robe, die Lippen ebenso grell-feurig zu einem spitzen Mundwerk gemalt, das wie ein scharfes Messer austeilt, stolziert sie über die Bühne - herrlich arrogant und anmaßend. Den Gegenpol bildet eine liebenswerte Königin Anna (Barbara Schmitt), im lieblichen weißen Kleid die Unschuld in Person, die sich - unterstützt vom Lord - im Laufe der Handlung emanzipiert. Die Liebe spielt ebenfalls mit im Reigen der Intrigen - in Person der selbstbewusst-koketten Hofdame Abigail (Anja Rajch) und eines jungen, gut ausschauenden Offiziers der königlichen Garde, den Peter Schrank als etwas naiven Tolpatsch verkörpert.

Doch eigentlich geht es im Lustspiel von Dramatiker Scribe um mehr als nur um persönliche Gefühle. Es geht um Krieg oder Frieden, ausgehandelt im Salon der Königin, symbolisiert durch hochherrschaftliche Stühle, die die Theaterkenner der Region aus dem Narrenkeller in Wasserburg kennen - eine Leihgabe durch dessen Leiter Jörg Herwegh. Und es geht im "Glas Wasser", obwohl vor 170 Jahren erdacht, ganz aktuell um die Frage, ob die Gegenwart die Zukunft verschlingen wird. Es gibt Themen, die bleiben ewig jung, beweist das Tam-Ost.

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